Der "Totengräber der Meere"

7. Mai 2010, 18:47
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Bisher kannte kaum jemand die Firma Transocean, die die gesunkene Ölplattform Deepwater Horizon baute und betrieb

Transocean hat einen neuen Spitznamen bekommen: Der weltweit größte Tiefsee-Bohrkonzern mit 18.000 Mitarbeitern muss sich als "Totengräber der Meere" beschimpfen lassen. Nach der Explosion einer Transocean-Plattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko stürzt eine Klagelawine auf die Schweizer Firma ein - Transocean pumpte im Auftrag des Ölmultis BP das schwarze Gold. Das auslaufende Öl hat schon jetzt zu einer der größten Umweltkatastrophen aller Zeiten geführt - und täglich ergießt sich immer mehr in die See.

"Wir kommentieren keine aktuellen juristischen Angelegenheiten", erklärt Firmensprecher Guy Cantwell auf Anfrage zu der Klagewelle. Auch sonst umschifft Cantwell den Super-GAU vor der US-Küste weitgehend. Nur so viel: Das Geschäftsergebnis von Transocean im ersten Quartal 2010 (677 Millionen US-Dollar Gewinn bei 2,6 Milliarden US-Dollar Umsatz von Jänner bis März) sei von dem Inferno im Golf nicht betroffen. Die Bohrinsel sei ja im April versunken. Und immerhin kassierte Transocean bereits 401 Millionen US-Dollar von der Versicherung für die zerstörte Förderanlage - Geld, das man angesichts drohender Schadensersatzzahlungen gut gebrauchen kann.

Zweifelhafter neuer Ruhm

Bis zu jenem schwarzen Tag im Golf von Mexiko, an dem die Bohrinsel in die Luft flog, wussten nur Insider der Ölbranche von Transocean. Nach dem ersten Weltkrieg wurde die Firma in den USA gegründet, seitdem expandiert das Unternehmen parallel zum wachsenden Ölhunger der Weltwirtschaft. Transocean zapft im Auftrag großer Energiekonzerne Öl- und Gasreserven auf hoher See an. Dabei sicherten sich Transocean-Ingenieure auch den Weltrekord im Tiefseebohren: Mehr als 3000 Meter unter der Meeresoberfläche trieben sie Löcher in den Ozeanboden an - im Auftrag des US-Ölgiganten Chevron.

Das Schweizer Boulevardblatt Blick meldete nach der Katastrophe seinen verblüfften Lesern: "Schweizer Bohrinsel im Meer versunken". Doch Amerikaner kontrollieren nach wie vor als wichtigste Anteilseigner die Transocean. Gelistet ist Transocean an der Börse in der Wirtschaftsmetropole Zürich, die Unternehmensführung um Steven Newman arbeitet im feinen Genf, und im Steuerparadies Zug liegt der offizielle Hauptsitz der Firma: Die Ölbarone richteten sich eine sündhaft teure Zentrale ein. Adresse: Turmstraße 30, 6300 Zug. Feinste Parkettböden, großzügig bemessene Büros und im Entree das glitzernde Modell eines Bohrschiffs.

In Zug gilt: Jeder macht seine Geschäfte, niemand stellt Fragen. Auch der Fiskus nervt nicht. Die Steuerbehörden verlangen von den Firmen nur ganz milde Abgaben, Unternehmen und Behörden verhandeln traditionell so lange, bis beide Seiten mit dem Steuerbescheid zufrieden sind. (Jan Dirk Herbermann aus Genf/DER STANDARD, Printausgabe, 8. Mai 2010)

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    Während BP im Golf von Mexiko mit dieser 100 Tonnen schweren Metallglocke gegen die Ölpest kämpft, gibt es von Transocean noch keinen Kommentar - Die Firma baute die gesunkene Ölplattform

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