Häupls Strategin für Integration

7. Mai 2010, 18:39
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Integrationsstadträtin Frauenberger hat in ihrem Ressort einiges umgekrempelt, ohne sich Feinde zu machen

Wien - Sie bespricht lieber Nachbarschaftsprojekte als sozialdemokratische Grundsatzfragen und bringt Sätze wie "Da haben wir einen Fehler gemacht" über die Lippen. Sandra Frauenberger ist eine sehr untypische Wiener Rote. Seit dreieinhalb Jahren erledigt sie den Job als Integrationsstadträtin und ist inzwischen selbst so etwas wie eine Integrationsfigur geworden.

Kompetent und sympathisch sei sie, eine Frau mit Handschlagqualität, sagen politische Gegner. So viel Schmeichelhaftes bekommen Stadtregierungsmitglieder oft nicht einmal von der eigenen Partei zu hören. "Ich stehe nicht so auf Konflikte und bemühe mich immer um einen Kompromiss", sagt die 43-Jährige. Erstaunlicherweise wird dieser Wesenszug auch parteiintern akzeptiert. Zu viel konstruktive Zusammenarbeit mit der Opposition wird nämlich nicht immer gutgeheißen.

Mit ihrer scheinbar bescheidenenen Art setzt Frauenberger auch innerhalb der SP ganz gut ihren Willen durch. Widersacher zieht sie mit eindringlich vorgebrachten, mit Zahlen gespickten Kurzreferaten auf ihre Seite. Gleichzeitig stellt sie sich nie länger als nötig ins Rampenlicht.

Margaretener Netzwerk

Die rote Großfamilie dankt es ihr mit Wohlwollen. Vom Bürgermeister abwärts gibt man sich sehr zufrieden mit der Vielarbeiterin, die sich des undankbarsten Wahlkampfthemas annimmt, ohne sich dafür selbst groß auf die Schulter zu klopfen. Sie gilt als Fixstarterin für die nächste Regierung nach dem 10. Oktober - selbst dann, wenn die SP ihre Absolute verlieren und Bürgermeister Michael Häupl abdanken sollte.

Schließlich hat ja auch das zweitwichtigste Regierungsmitglied die Gewerkschafterin in die Stadtpolitik gebracht: Vizebürgermeisterin Renate Brauner, wie Frauenberger in Margareten zu Hause, fragte sie 1996, ob sie sich im Frauenkomitee des Bezirks engagieren wolle. "Sie ist mir sehr früh aufgefallen" , sagt Brauner, "weil sie klare Vorstellungen hat und eine sehr strategische Art, Dinge anzugehen." 2001, nach dem Wiedererlangen der SP-Absoluten, holte Brauner die überzeugte Feministin mit der blonden Kurzhaarfrisur über ein Reststimmenmandat in den Gemeinderat. Und als sechs Jahre später Brauner Sepp Rieder im Finanzressort ablöste, erbte Frauenberger von der neuen Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely das Ressort Integration, Frauenfragen, Konsumentenschutz und Personal.

Zum Thema Integration hat in Wien derzeit praktisch jeder etwas zu sagen - vor allem die Rathausopposition. Im Bundesland mit der höchsten Migrationsquote lässt sich ein Wahlkampf damit ganz gut emotional aufmunitionieren. Die meist schwarzgekleidete Rathaus-Rote wehrt sich mit kühler Sachlichkeit. "Ich versuche aber schon auch immer, eine Mission zu erfüllen", sagt sie. Die erste große Mission der Arbeitertochter aus Simmering war die Einführung der Frauenquote in der Gewerkschaft. "Damit habe ich mir nicht nur Freunde gemacht - da musste ich mich schon durchsetzen." Diesbezüglich war sie damals aber schon ganz gut im Training.

In der 6. Klasse brach Frauenberger gegen den Willen ihrer Eltern das Gymnasium ab - ohne genau zu wissen, wie es weitergehen soll. "Das war ein Wahnsinn. Ich würde das heute meinem Kind nicht erlauben", sagt die Mutter eines Sechs- und eines Zwölfjährigen. Frauenbergers Vater, gelernter Spengler, überredete sie schließlich, einen einjährigen Lehrgang für den Handelsschulabschluss zu machen. Nach monatelanger Arbeitssuche bestand sie den Aufnahmetest bei der Länderbank. 1984 gab sie den Bankjob für eine Stelle als Schreibkraft bei der Gewerkschaft auf. Von der Sekretärin von GPA-Chef Wolfgang Katzian arbeitete sie sich von der Jugendabteilung bis zur Leiterin der Bundesfrauenabteilung hoch.

Neuorientierung

Ihre Mutter, die vor einem Jahr starb, konnte nie ganz verstehen, warum es ihre Tochter in die Politik zog. "Das war ihr total fremd" , sagt Frauenberger. Selbst gelernte Strickerin, hatte sie nach der Geburt ihres einzigen Kindes lebenslang auf Hausfrau umgesattelt. Nach dem Halbe-halbe-Prinzip lebt auch ihre Tochter nicht: Um Kinderbetreuung und Hausarbeit kümmert sich hauptsächlich der Mann der Frauenstadträtin.

Unter Frauenbergers Regiment ist in den letzten Jahren eine Reihe neuer Integrationsprojekte ins Laufen gekommen. Künftig soll es für jeden Migranten mehr Betreuung geben. Neuzuwanderer erhalten Orientierungskurse, Kinder der zweiten Generation bekommen Unterstützung bei der Lehrstellensuche, Mütter, die nach Jahren im Land noch nicht Deutsch können, werden in den Schulen ihrer Kinder unterrichtet. Außerdem ließ Frauenberger - gemeinsam mit Grünen und VP - eine Expertenkommission installieren, die die Stadt in Zuwanderungsfragen berät.

Heuer erschien auch erstmals der sogenannte Integrationsmonitor, der künftig alle zwei Jahre Integration messen soll und einige Defizite aufzeigte. "Man muss sagen, was ist", sagt die Stadträtin. Auch das ist ein recht progressiver Ansatz: Jahrelang wollte die SP nämlich keine Daten in diesem Bereich veröffentlichen.(Martina Stemmer/DER STANDARD Printausgabe, 8.5.2010)

  • Sandra Frauenberger wird wohl auch der nächsten Wiener Regierung angehören. Selbst wenn die SPÖ am 10. Oktober ihre Absolute verlieren sollte.
    foto: standard/corn

    Sandra Frauenberger wird wohl auch der nächsten Wiener Regierung angehören. Selbst wenn die SPÖ am 10. Oktober ihre Absolute verlieren sollte.

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