Ein Wahlsieger, der weiter kämpfen muss

7. Mai 2010, 18:06
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Tory-Chef David Cameron verpasste die absolute Mehrheit

So hat sich David Cameron den Einzug in die Downing Street nicht vorgestellt. Er wollte doch nach einer triumphalen Wahlnacht auf den Schultern seiner "Cameroons" in den Sitz des britischen Premierministers einziehen und schon an diesem Wochenende sein Kabinett vorstellen. Stattdessen muss der 43-Jährige geduldig warten, bis Amtsinhaber Gordon Brown die Botschaft des Wahlvolkes versteht: Labour hat die Unterhauswahl verloren.

Freilich haben auch die Konservativen den Urnengang nicht gewonnen. Mag ihr Vorsprung vor der bisherigen Regierungspartei rund zwei Millionen Stimmen oder sieben Prozent betragen - für die absolute Mehrheit reicht es nicht. Es entbehrt nicht der Ironie, dass ausgerechnet Cameron ein hartnäckiger Verfechter des hergebrachten Systems des Mehrheitswahlrechts ist - und dass ein wenigstens mittelfristiges Überleben seiner Minderheitsregierung von den Liberaldemokraten abhängen wird, die eine Wahlrechtsreform zur conditio sine qua non gemacht haben.

Bald wird sich zeigen, wie "progressiv" (Selbstbeschreibung) und reformfreudig der Konservative wirklich ist. Und ob seine Partei ihm auf dem eingeschlagenen Weg folgt. Sie haben ihn - das Kind reicher Leute, Absolvent des feinen Internats Eton und der Elite-Uni Oxford, Ehemann einer reichen Geschäftsfrau aus englischem Kleinadel - einst zu ihrem Vorsitzenden gewählt, weil er von Wandel, Modernität und Zukunft redete, statt im rechten Getto zu verharren.

Der optimistische Mann mit dem barocken Putto-Gesicht hat Frauen und Vertreter ethnischer Minderheiten zur Kandidatur ermutigt, Umweltthemen forciert, sich als Sozialliberaler gegeben. Die Finanzkrise und das daraus resultierende Haushaltsloch rückte die Finanzpolitik in den Vordergrund. Da erwies sich Cameron nicht immer als sattelfest.

Sein größter wahltaktischer Fehler könnte sich jetzt als Vorteil erweisen. Cameron stimmte den drei TV-Debatten zu, die dem Liberaldemokraten Nick Clegg ungewohnte Aufmerksamkeit einbrachten und die Konservativen wertvolle Prozentpunkte kosteten. Jetzt könnte Clegg das Kompliment erwidern und Cameron den Weg ins Regierungsamt ebnen. Das vierte gemeinsame Kind, das Camerons Frau Samantha im Herbst erwartet, wird voraussichtlich in der Downing Street zur Welt kommen. Wie lange Papa David aber das Amt ausüben wird, steht nach dem Ergebnis vom Donnerstag in den Sternen.(Sebastian Borger/DER STANDARD, Printausgabe, 8.5.2010)

 

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