"Survival of the Dead" - Zombies sind sein Schicksal: Kein anderer Regisseur blieb den hungrigen Untoten so treu wie George A. Romero - Im STANDARD-Interview
Wien - Mit Die Nacht der lebenden Toten / Night of the Living Dead
gelang es George A. Romero im Jahr 1968, ein Publikum zu schockieren,
das bereits von täglichen TV-Nachrichten über den Vietnam-Krieg
abgestumpft war. Fünf Sequels und zahllose Nachahmungen später erfreut
sich die Zombie-Apokalypse besserer Gesundheit denn je: Die
Menschenfleisch fressenden Wiedergänger wuchern in Videospielen, in
Büchern, im Fernsehen und auf der großen Leinwand. Survival of the
Dead, Romeros neueste Episode des Zombie-Franchise, spielt auf einer
kleinen, isolierten Insel, auf der Familienclans ihre Zeit nicht nur
damit zubringen, den gemeinsamen untoten Feind zu bekämpfen - sie
liefern sich auch gegenseitig einen blutigen Krieg.
Standard: Sie
haben gesagt, Ihre Zombiefilme sind Schnappschüsse der jeweiligen Zeit,
in der sie entstanden sind. In "Night of the Living Dead" ging es um
Vietnam und politische Gewalt, in "Diary of the Dead" (2008) um
Voyeurismus im Internet. Welche Gegenwart reflektiert "Survival of the
Dead" ?
Romero: Das ist diesmal nicht so sehr der Fall.
Diesen Film gibt es vor allem deshalb, weil Diary so viel Geld
eingespielt hat und man schnell ein Sequel haben wollte. Also überlegte
ich, worüber ich diesmal erzählen werde, und entschied mich dann für ein
allgemeineres Kriegsthema. Als wir zu drehen begannen, ging es dann mit
diesem Mist los, diesem Ärger und unzivilisiertem Benehmen - in den USA
können wir nicht unterschiedlicher Meinung sein, ohne zugleich
widerwärtig zu werden.
Standard: Sie meinen, wie im Zuge
der Diskussionen um die Gesundheitsreform in den USA die Parteilichkeit
der Bevölkerung immer mehr zunahm?
Romero: Genau, darum
geht es. Als wir mit dem Film begannen, hatten wir hasserfüllte Kriege
im Auge, die ja nie aufzuhören scheinen. Ich dachte, wenn dieser Film
wieder Geld einbringt, dann wird es einen weiteren geben, also nahm ich
unbedeutendere Figuren aus Diary of the Dead, in diesem Fall den
Anführer der National Guards und seine kleine Truppe, und ließ sie ihr
eigenes Abenteuer bestehen. Ich habe noch zwei weitere solcher Ideen auf
Reserve.
Standard: Der Zombie-Zyklus ist also ewig
erweiterbar?
Romero: Wenn dieser Film ein Erfolg wird, bin
ich bereit. Ich würde mich dieser schwarzen Gruppe aus Plünderern von
Diary annehmen, die auch einmal National Guards waren - die habe ich
momentan besonders ins Herz geschlossen. Und dann würde ich gerne einer
blonden Frau folgen, der die Flucht gelingt. Eine kleine Collage
darüber, wie die Welt nach der Seuche aussieht - drei, sechs oder acht
Monate, bis zum Ende.
Standard: Haben Sie eine Theorie
dafür, warum Zombies so populär sind?
Romero: Ich weiß es
wirklich nicht. Was mich erstaunt, sind die "Zombie Walks" , die gerade
überall entstehen. Ich hatte ein Telefoninterview nach Budapest, dabei
übertrugen sie meine Stimme über Lautsprecher. Da waren um die 3000
Leute, die sich wie Zombies anzogen - in Budapest! Worum geht es dabei?
Ich verstehe das einfach nicht. Man möchte fragen: "Habt ihr kein
Leben?" Klar, es macht Spaß. In Toronto waren es mal mehrere Tausend,
die sich wirklich mit Hingebung verkleideten. Ich wünschte, ich hätte
manche von ihnen am Set, denn sie sind wirklich kreativ. Aber, äh, warum
macht es Spaß? Es ist wie ein neue Form des Happenings. Ich kann mich
damit nicht wirklich identifizieren.
Standard: Vielleicht
symbolisieren die Zombies die Revolte der Arbeiterklasse. Eine posthume
Protestbewegung wie das "Tea Party Movement" - so etwas wie
Arbeiterleichen?
Romero: Ich habe oft gesagt, dass Zombies
proletarische Monster sind, aber ob das immer noch so ist? Jetzt können
sie sogar laufen - in Filmen wie 28 Days Later. Es sieht fast so aus,
als hätten sie alle ein Fitnesscenter besucht.
Standard: Haben
Sie jemals bedauert, dass Ihr erster großer Hit "Die Nacht der lebenden
Toten" und nicht "Knightriders" (1981) war? Dann hätten Sie mehr
Spielraum für andere Filme gehabt.
Romero: Ich liebe
Knightriders. Der und Martin (1977) sind meine Lieblingsfilme. Und,
Jesus, wie könnte es anders sein, man plant nun auch ein Remake von
Martin. Es macht mich verrückt. Auch Crazies (1973) wurde gerade neu
verfilmt. In der Zwischenzeit arbeite ich an einer anderen spannenden
Idee, ganz ohne Zombies; ich habe noch ein Drehbuch fertig, das wir zu
lancieren versuchen - kein Horrorfilm. Aber ich habe nicht mehr die
Energie, Projekte anzubieten, bei Treffen zu präsentieren und so weiter.
Ich bin fast so weit zu sagen, ich mache noch zwei weitere dieser
Zombiefilme und dann lass ich es gut sein.
(Peter Keough,
Übersetzung: Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD/Printausgabe,
08./09.05.2010)
Zur Person
George A. Romero (70) ist ein Pionier des modernen Horrorfilms. Er wuchs in der New Yorker Bronx auf und begann bereits mit 14 Jahren, mit Film zu experimentieren. "Die Nacht der lebenden Toten", ein Prototyp des gesellschaftskritischen Horrorfilms, wurde in die Sammlung des Museum of Modern Art in New York aufgenommen.