"Survival of the Dead": Man möchte fragen: "Habt ihr kein Leben?"

7. Mai 2010, 17:54
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"Survival of the Dead" - Zombies sind sein Schicksal: Kein anderer Regisseur blieb den hungrigen Untoten so treu wie George A. Romero - Im STANDARD-Interview

Wien - Mit Die Nacht der lebenden Toten / Night of the Living Dead gelang es George A. Romero im Jahr 1968, ein Publikum zu schockieren, das bereits von täglichen TV-Nachrichten über den Vietnam-Krieg abgestumpft war. Fünf Sequels und zahllose Nachahmungen später erfreut sich die Zombie-Apokalypse besserer Gesundheit denn je: Die Menschenfleisch fressenden Wiedergänger wuchern in Videospielen, in Büchern, im Fernsehen und auf der großen Leinwand. Survival of the Dead, Romeros neueste Episode des Zombie-Franchise, spielt auf einer kleinen, isolierten Insel, auf der Familienclans ihre Zeit nicht nur damit zubringen, den gemeinsamen untoten Feind zu bekämpfen - sie liefern sich auch gegenseitig einen blutigen Krieg.

Standard: Sie haben gesagt, Ihre Zombiefilme sind Schnappschüsse der jeweiligen Zeit, in der sie entstanden sind. In "Night of the Living Dead" ging es um Vietnam und politische Gewalt, in "Diary of the Dead" (2008) um Voyeurismus im Internet. Welche Gegenwart reflektiert "Survival of the Dead" ?

Romero: Das ist diesmal nicht so sehr der Fall. Diesen Film gibt es vor allem deshalb, weil Diary so viel Geld eingespielt hat und man schnell ein Sequel haben wollte. Also überlegte ich, worüber ich diesmal erzählen werde, und entschied mich dann für ein allgemeineres Kriegsthema. Als wir zu drehen begannen, ging es dann mit diesem Mist los, diesem Ärger und unzivilisiertem Benehmen - in den USA können wir nicht unterschiedlicher Meinung sein, ohne zugleich widerwärtig zu werden.

Standard: Sie meinen, wie im Zuge der Diskussionen um die Gesundheitsreform in den USA die Parteilichkeit der Bevölkerung immer mehr zunahm?

Romero: Genau, darum geht es. Als wir mit dem Film begannen, hatten wir hasserfüllte Kriege im Auge, die ja nie aufzuhören scheinen. Ich dachte, wenn dieser Film wieder Geld einbringt, dann wird es einen weiteren geben, also nahm ich unbedeutendere Figuren aus Diary of the Dead, in diesem Fall den Anführer der National Guards und seine kleine Truppe, und ließ sie ihr eigenes Abenteuer bestehen. Ich habe noch zwei weitere solcher Ideen auf Reserve.

Standard: Der Zombie-Zyklus ist also ewig erweiterbar?

Romero: Wenn dieser Film ein Erfolg wird, bin ich bereit. Ich würde mich dieser schwarzen Gruppe aus Plünderern von Diary annehmen, die auch einmal National Guards waren - die habe ich momentan besonders ins Herz geschlossen. Und dann würde ich gerne einer blonden Frau folgen, der die Flucht gelingt. Eine kleine Collage darüber, wie die Welt nach der Seuche aussieht - drei, sechs oder acht Monate, bis zum Ende.

Standard: Haben Sie eine Theorie dafür, warum Zombies so populär sind?

Romero: Ich weiß es wirklich nicht. Was mich erstaunt, sind die "Zombie Walks" , die gerade überall entstehen. Ich hatte ein Telefoninterview nach Budapest, dabei übertrugen sie meine Stimme über Lautsprecher. Da waren um die 3000 Leute, die sich wie Zombies anzogen - in Budapest! Worum geht es dabei? Ich verstehe das einfach nicht. Man möchte fragen: "Habt ihr kein Leben?" Klar, es macht Spaß. In Toronto waren es mal mehrere Tausend, die sich wirklich mit Hingebung verkleideten. Ich wünschte, ich hätte manche von ihnen am Set, denn sie sind wirklich kreativ. Aber, äh, warum macht es Spaß? Es ist wie ein neue Form des Happenings. Ich kann mich damit nicht wirklich identifizieren.

Standard: Vielleicht symbolisieren die Zombies die Revolte der Arbeiterklasse. Eine posthume Protestbewegung wie das "Tea Party Movement" - so etwas wie Arbeiterleichen?

Romero: Ich habe oft gesagt, dass Zombies proletarische Monster sind, aber ob das immer noch so ist? Jetzt können sie sogar laufen - in Filmen wie 28 Days Later. Es sieht fast so aus, als hätten sie alle ein Fitnesscenter besucht.

Standard: Haben Sie jemals bedauert, dass Ihr erster großer Hit "Die Nacht der lebenden Toten" und nicht "Knightriders" (1981) war? Dann hätten Sie mehr Spielraum für andere Filme gehabt.

Romero: Ich liebe Knightriders. Der und Martin (1977) sind meine Lieblingsfilme. Und, Jesus, wie könnte es anders sein, man plant nun auch ein Remake von Martin. Es macht mich verrückt. Auch Crazies (1973) wurde gerade neu verfilmt. In der Zwischenzeit arbeite ich an einer anderen spannenden Idee, ganz ohne Zombies; ich habe noch ein Drehbuch fertig, das wir zu lancieren versuchen - kein Horrorfilm. Aber ich habe nicht mehr die Energie, Projekte anzubieten, bei Treffen zu präsentieren und so weiter. Ich bin fast so weit zu sagen, ich mache noch zwei weitere dieser Zombiefilme und dann lass ich es gut sein.

(Peter Keough, Übersetzung: Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD/Printausgabe, 08./09.05.2010)

Zur Person
George A. Romero (70) ist ein Pionier des modernen Horrorfilms. Er wuchs in der New Yorker Bronx auf und begann bereits mit 14 Jahren, mit Film zu experimentieren. "Die Nacht der lebenden Toten", ein Prototyp des gesellschaftskritischen Horrorfilms, wurde in die Sammlung des Museum of Modern Art in New York aufgenommen.

  • Zombies lassen sich auch von Cowboys nicht zähmen: 
Kathleen Munroe befällt in George A. Romeros "Survival of the Dead"  
Joris Jarsky. Jetzt im Kino.
    foto: kinowelt

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