So fern und doch so nah

7. Mai 2010, 17:45
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"Alle sieben Wellen"

Wien - Warum ändern, was bereits einmal glänzend funktioniert hat? Regisseur Michael Kreihsl, der bisher neben gelegentlichen Theaterarbeiten hauptsächlich für Fernsehfilme wie Heute heiratet mein Mann verantwortlich zeichnete, weiß um den Erfolg seiner letzten Arbeit. So belässt er auch bei seiner Inszenierung von Daniel Glattauers Bestseller Alle sieben Wellen alles beim Alten.

Wie schon bei Gut gegen Nordwind, dem ersten Teil der Mail-Romanze (als Teil der Edition Josefstadt soeben bei Hoanzl auf DVD erschienen), stehen Ruth Brauer-Kvam und Alexander Pschill auf Hugo Gretlers bipolarer Bühne in den Kammerspielen. Als Emmi und Leo haben sie jeder ihre Spielfläche, von der aus sie sich ihre spitzzüngigen Annäherungsversuche an den Kopf zu werfen versuchen.

Man erinnert sich: Der Zufall führte eine Mail von Emmi in Leos Posteingang, was folgte, war eine Liebe, die bis zu ihrem abrupten Ende rein virtuell blieb. Monate später wird der Mailverkehr nun wiederaufgenommen. Doch die Vorzeichen haben sich in der Zwischenzeit weiter verschlechtert. Leo hat eine Pamela aufgegabelt, und Emmi fühlt sich noch immer in einer lauwarmen Ehe gefangen, aus der sie die siebente Welle befreien soll, wie einst den Sträfling Henri Charrière alias Papillon von der Teufelsinsel. Dass die Wand, die die beiden im ersten Teil noch voneinander trennte, nun am Bühnenrand lehnt, signalisiert allerdings bereits von Anfang an, dass es diesmal zu einem realen Treffen kommen wird.

Dabei bleibt der von Ulrike Zemme adaptierte Bühnentext seinen Prinzipien treu und beschränkt sich auf den Inhalt der anscheinend mitunter im Minutentakt verschickten Elektropost. Die tatsächlichen Begegnungen finden meist hinter der Bühne statt und werden ohne Ton auf eine Leinwand projiziert. Diese Stummfilmeinlagen gehören zu den leichtesten Momenten des Abends.

Intensiv gestaltet sich das einzige Treffen, das tatsächlich auf der Bühnenmitte stattfindet. Voll Verzweiflung treffen sich Emmi und Leo zum stummen Sex, aus den Boxen hallt Jimmy Scotts tieftraurige Interpretation von Nothing Compares 2 U. Nie waren sich die beiden Liebenden so fern wie in diesem Moment der größten Nähe.

Ansonsten zuckt das Emotionsbarometer leider wenig. Was im Buch als spritziges Wortduell die Leserschaft verzückte, läuft hier mitunter Gefahr, zur monotonen Dauerkeppelei zu werden. Auch bietet die Bühnenversion naturgemäß weniger Identifikationspotenzial als Glattauers moderner Briefroman. Die gute Leistung der beiden Schauspieler und die enorme Popularität von Vorlage und Vorgänger reichen aber aus, um den Theaterabend mit großem Applaus enden zu lassen. (Dorian Waller, DER STANDARD/Printausgabe, 08./09.05.2010)

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