"Wichtig, dass wir uns nicht blamieren"

8. Mai 2010, 10:50
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Menschenrechtsaktivist Horst Kleinschmidt glaubt an eine gute WM in Südafrika, das größte Problem für das Land sieht er in der Armut

Standard: Wird die Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika das Land einen oder eher trennen?

Kleinschmidt: Ich bin überzeugt, dass die WM das Land einen wird. Das ist bereits in vielfacher Hinsicht sichtbar. Man sieht, dass immer mehr Weiße stolz darauf sind, dass sie die Gastgeber sein werden. So tragen Kinder, egal welcher Hautfarbe, das südafrikanische Fußballtrikot, das ihnen von ihren Eltern gekauft wurde. Natürlich ist der Weg zu einer vereinten Nation wegen unserer Vergangenheit noch ein sehr langer. Die WM ist unser Ziel für 2010, dann bräuchten wir wieder neue Ziele.

Standard: Hat die Ermordung des rechtsextremen Politikers und Farmers Eugène Terre'Blanche durch schwarze Angestellte die Spannungen verschärft?

Kleinschmidt: Nach der Ermordung von Terre'Blanche kam es zu keinen Unruhen. Ich war erstaunt, als ich in Österreich die Schlagzeile der Kronen Zeitung gelesen habe, dass in Südafrika ein Rassenkrieg drohe. In meiner Heimat gab es keine Zeilen wie diese. Terre'Blanche gehörte einer Neonazi-Organisation an. Beim Begräbnis haben seine Leute sogar den Hitler-Gruß gemacht. Deswegen hatte er selbst unter den Weißen nur wenig Unterstützung. Andere Führer von sehr rechten Organisationen haben nach seinem Mord stattdessen eindämmende Kommentare geliefert.

Standard: Welche Chancen für Gastgeber Südafrika sehen Sie in diesem Turnier?

Kleinschmidt: Ich glaube, dass wir gute Gastgeber sein werden. Die Leute, die aus dem Ausland zu uns kommen, sollen sagen können: "Die Südafrikaner sind nette Menschen, es ist gar nicht so schlimm, wie uns das immer gesagt wird." Ich glaube, dass viele Vorurteile abgebaut werden können.

Standard: Was hat sich in den 16 Jahren seit dem Ende der Apartheid, der institutionalisierten Rassentrennung in Südafrika, getan?

Kleinschmidt: Natürlich ist unwahrscheinlich viel gemacht worden. Aber ich würde keineswegs sagen, dass genug gemacht oder dass alles richtig gemacht worden ist. Wir haben es zum Beispiel nicht geschafft, unterdrückte Familien besser auszubilden. Zwar sind Schwarze in den städtischen Schulen mittlerweile in der Überzahl. Aber die überwiegende Mehrzahl ist mit dem Erziehungswesen nicht gut bedient. Sie leiden darunter. Und sie sind später unfähig, der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes zu dienen. Sie können von Unternehmen nicht eingestellt werden, weil sie keine Ausbildung haben.

Standard: In Südafrika ist Rugby der Sport der Weißen, Fußball ist der Sport der Schwarzen. Stimmt diese Ansicht?

Kleinschmidt: Sie stimmt. Rugby, der Sport der Weißen, ist auch der Sport der Oberklasse. Fußball ist der Sport der Allgemeinheit. Man sollte also keine Erwartungen haben, dass Rugby bald von schwarzen Spielern gestürmt werden wird. Bei Fußball hingegen ist es einfacher. Es gibt viele weiße Fußballer - in unserem Team ist bis jetzt nur einer -, aber auf lange Sicht wird sich das durchmischen. Das muss unser Ziel zur nationalen Identität sein.

Standard: Wie schwierig ist es, Südafrika zu einer Einheit zu formen?

Kleinschmidt: Die Zielsetzung in jeder Industrie in Südafrika ist folgende: Sie soll demografisch die Bevölkerung in der Region abbilden. Das ist schwierig. Vieles ist nur nach außen hin "schwarz" geworden, um der Politik gerecht zu werden. Die Hintermänner sind nach wie vor Weiße. Andererseits gibt es auch private Bestrebungen, etwa von weißen Weinbauern. Sie bilden ihre schwarzen Mitarbeiter aus, damit diese später Teile des Weinguts übernehmen können. Schon jetzt sind Weingebiete in schwarzem Besitz. Aber die sind noch in einer Minderheit.

Standard: Politiker wie Julius Malema können mit xenophoben Äußerungen Weißen gegenüber in der schwarzen Bevölkerung punkten. Gibt es einen umgekehrten Rassismus?

Kleinschmidt: Den gibt es gewiss. Wir können uns dem nicht entziehen, dass es ein schwarzes Revanchegefühl gibt. Aber es ist nicht so, dass die Schwarzen eine Unterschicht von Weißen haben oder ihnen das Wahlrecht abnehmen wollen. Also in dem Rahmen, in dem es die Apartheid den Schwarzen gegenüber tat. 1945 haben sich auch nicht alle Leute sofort gegen den Antisemitismus gestellt. Ihnen ist nur das Werkzeug genommen worden, Rassismus zu praktizieren. Es gibt keine Übermenschen in Südafrika. Die Gefühle aus der Zeit der Apartheid werden noch lange da sein.

Standard: Welches Instrument haben Sie den Rassisten genommen?

Kleinschmidt: Es darf nicht mehr diskriminiert werden. Es sind keine öffentlichen Aussagen mehr erlaubt, die rassistisch ausgelegt werden können. So haben Gerichte den Song Kill The Boer!" der zur Ermordung von weißen Farmern aufruft, als Hasspredigt verurteilt. Andererseits missbrauchen populistische schwarze Politiker wie Malema diesen Song, schüren rassistische Gefühle.

Standard: Wie hat sich die Kluft zwischen Arm und Reich verändert? Sind Schwarze vermögender geworden?

Kleinschmidt: Die Riesenkluft besteht jetzt zwischen einer weiß-schwarzen Bourgeoisie und der armen, schwarzen Bevölkerung, die im Elend lebt. Diese Kluft hat sich extrem vergrößert. In der Mittelschicht bahnt sich eine Parität zwischen Weißen und Schwarzen an, obwohl die schwarze Seite viel mehr verschuldet ist.

Standard: Was sind die größten Probleme, denen sich Südafrika stellen muss? Zur Auswahl stehen viele: die hohe Mord- und Aidsrate, Korruption, Armut.

Kleinschmidt: Armut ist unser größtes Problem. Korruption ist ein Produkt der Kluft zwischen Arm und Reich. Wir haben riesige Probleme, die wir tagtäglich bekämpfen müssen. Solange es aber eine öffentliche Debatte gibt, solange die Presse nicht eingeschränkt wird und es Oppositionsparteien gibt, werden wir die Prinzipien unserer Demokratie während dieses Phase nicht verlieren.

Standard: Wie wichtig ist eine erfolgreiche WM in Südafrika für den ganzen Kontinent?

Kleinschmidt: Für den Kontintent und auch global ist es immens wichtig, dass wir uns als Afrikaner nicht blamieren. Wir sind keine Europäer. Es sollte nicht erwartet werden, dass unsere Veranstaltung europäisch abläuft. Das heißt aber nicht, dass man schlecht organisiert, wenn man manchmal länger in der Schlange stehen muss. Auch andere afrikanische Nationen hoffen auf eine erfolgreiche WM. Sie sagen, Südafrika hisst die Flagge für ganz Afrika.

Standard: Wer wird Weltmeister?

Kleinschmidt: Ich glaube, dass es ein südamerikanisches Team macht. Unseren Kickern traue ich nicht einmal das Überstehen der Vorrunde zu. Ist Brasilien dabei?

Standard: Ja.

Kleinschmidt: Dann nehme ich Brasilien. Weil sie portugiesisch sprechen, ist Brasilien im südlichen Afrika, in Angola und Mozambique, engagiert. Brasilien wäre "unser" Ersatz-Fußballweltmeister. (DER STANDARD PRINTAUSGABE 8.5. 2010)

 

 

 

Zur Person:
Der Südafrikaner Horst Kleinschmidt (64) entstammt einer deutschen Missionarsfamilie. In Namibia geboren, zog er mit seinen Eltern im Alter von vier Jahren nach Johannesburg. Bereits als Student engagierte er sich in der Anti-Apartheid-Bewegung, wurde mehrmals inhaftiert, musste 1976 ins Exil nach London. 1977 begründete er die "Anti-Apartheid-Bewegung in Österreich"  mit. Nach der Freilassung Nelson Mandelas kehrte er 1991 zurück, arbeitete als Beamter im Umweltministerium. Seit 2006 berät er arme Fischerdörfer.

  • Horst Kleinschmidt: "Es gibt keine Übermenschen. Die Gefühle aus der Zeit der Apartheid werden noch lange da sein."
    foto: vidc

    Horst Kleinschmidt: "Es gibt keine Übermenschen. Die Gefühle aus der Zeit der Apartheid werden noch lange da sein."

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    Ein Lächeln für den WM-Pokal, der in Kapstadt seine Tour durch Südafrika begann.

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