"Laura war das soziale Versuchsobjekt"

7. Mai 2010, 17:40
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Für die einen ist sie "menschenrechtswidrig", für die anderen schlicht notwendig - Um die Sonderschule tobt ein ideologischer Streit

Wien - In der Ambros Rieder Schule in Perchtoldsdorf darf "jeder etwas Besonderes sein!", heißt es im hauseigenen Informationsfolder. Aber nicht mehr lange, wenn es nach jenen geht, die derzeit wenig zimperlich die Abschaffung von Schulen wie dieser fordern. Schließlich ist die Ambros Rieder Schule eine Sonderschule. Und damit für Kritiker die Wurzel allen Übels.

"Menschenrechtswidrig", befindet etwa der Monitoringausschuss, der über die Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung wacht, die Österreich 2008 unterzeichnet hat. "Das teuerste System", argumentiert Behindertenanwalt Erwin Buchinger und will bis 2020 alle Sonderschulen abschaffen. Und Erziehungswissenschafter sind sich schon lange einig: "Integration" heißt der Weg. Behinderte sollen durch Beobachten und Miterleben lernen - und zwar in der Regelschule. Für Brigitta Zimper, die Direktorin der Sonderschule am Stadtrand zu Wien, gehört hingegen die Vielfalt erhalten. Sie bezweifelt, dass ihre Schwerstbehinderten in der Regelschule gut aufgehoben wären.

Die Debatte um Nutzen und Schaden der Sonderschule bietet ein weites Kampffeld für Ideologien. Und die prallen hierzulande derzeit kräftig aufeinander - wie sooft beim Thema Bildung.

Ein besonderes Kind

Tanja J. kann mit solchen Vereinfachungen nichts anfangen. Die 38-Jährige, die aus Rücksicht auf ihre Kinder nicht mit vollem Namen genannt werden will, ist die Mutter von Laura (13), Leon (11) und Stella (4). Laura ist so ein besonderes Kind aus Perchtoldsdorf. Sie kann noch nicht lesen und schreiben, weil ihr Kurzzeitgedächtnis versagt. Auch motorisch ist die sprachlich Begabte auffällig. Offiziell lautet ihr Befund "Entwicklungsverzögerung" . Nur: "Verzögerung" trifft die Sache nicht ganz. Lauras Entwicklung wird nie auf den Stand eines gesunden Kindes kommen. Also begann sie die Volksschule in einer Integrationsklasse (I-Klasse).

Frau J. hat an diese Zeit schlechte Erinnerungen: "Laura war dort das soziale Versuchsobjekt für die anderen Kinder." Auch lernmäßig kam sie in der Mehrstufenklasse nicht weiter: "Die Volksschullehrerin hat sich um die dritten und vierten Klassen gekümmert, die Sonderschullehrerin war für die Erst- und Zweitklässler zuständig. Und dann waren halt noch die Integrationskinder da und haben gelegentlich auch Unterricht bekommen. Aber das Lernen - auch das soziale Lernen - stand für diese Kinder nicht im Vordergrund."

Bei Leon lief alles anders: Weil er mit der Sprachentwicklung etwas hinten war, ließ ihn Frau J. "zum Schutz" als Integrationskind einschulen. Das heißt: Leon hatte einen Sonderpädagogischen Förderbedarf (SPF) und kam in eine I-Klasse mit einem Sonderschullehrer. Was Frau J. nicht wusste: In Wien wurde Leon damit in Deutsch und Mathematik automatisch nach dem Sonderschullehrplan unterrichtet - mit anderen, niedriger gesteckten Zielen. Was als Unterstützung gedacht war, wurde so zum Stigma. Frau J. unterrichtete Leon also ein Jahr lang nebenher zu Hause. Dann fand sie einen anderen SPF-Platz, wo er bis zur dritten Klasse mit den anderen mitlernen durfte. Und das konnte er. Laura wechselte nach Perchtoldsdorf, wo sie ihre Sprache und Lebenslust wiederfand.

Für J. ist die Forderung nach einer Abschaffung der Sonderschulen "äußerst realitätsfern. Die Kinder haben unterschiedlichste Bedürfnisse. Aber den Unterschied machen die Leute nicht. Da heißt es immer, dass alle den gleichen Zugang haben sollten. Aber es haben nicht alle die gleichen Möglichkeiten. Diese falsche Gleichmacherei ärgert mich sehr." Ja, in Kleingruppen mit individuellem Unterricht könnte auch Laura in die Regelschule gehen. Aber J. weiß, wie weit es dahin noch ist.

Das weiß auch Inge S., die als Sonderschullehrerin in I-Klassen gearbeitet hat. "Ich bin von einem Frust in den nächsten gewechselt, weil der kooperative Ansatz mit den Kollegen nicht funktioniert hat." Am schlimmsten war es in einer Wiener Mittelschule: "Ich war bei eingefahrenen Lehrerinnen, die vorne ihren Frontalunterricht heruntergespult haben. Die haben klar gesagt, sie wollen nicht gestört werden durch die Integrationskinder." Frau S. sollte sie stillhalten, rausgehen oder, wie eine Kollegin anregte, leise Memory spielen. Den Kindern gegenüber hatte sie ein schlechtes Gewissen, da Integration so nicht möglich war. Trotzdem ist S. überzeugt, Integration kann funktionieren: in einem anderen Schulsystem.  (Karin Moser/STANDARD Printausgabe, 8. Mai 2010)

  • In der Ambros Rieder Schule in Perchtoldsdorf darf "jeder etwas Besonderes sein". Das Sonderpädagogische Zentrum ist derzeit wie viele andere Reibebaum für Kritiker. Ihre Forderung: Abschaffen!
    foto: standard/urban

    In der Ambros Rieder Schule in Perchtoldsdorf darf "jeder etwas Besonderes sein". Das Sonderpädagogische Zentrum ist derzeit wie viele andere Reibebaum für Kritiker. Ihre Forderung: Abschaffen!

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