Auf den Terrassen des Unendlichen

12. Mai 2010, 16:38
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Amalfi, Positano, Ravello – ewig lockt die felsige Landzunge zwischen Salerno und Neapel

Das Gespür für grandiose Plätze muss Kirchenmännern in die Wiege gelegt worden sein. Wo immer in Italien ein von der Natur bevorzugter Zipfel liegt, Bischöfe und Mönche waren schon dort. So auch die Zisterzienser, die sich im 13. Jahrhundert hoch oben auf den Felsen über Amalfi verwegen absetzten und eine Abtei bauten, von der sie den von Dogen angehäuften Reichtum der zwischen Neapel und Salerno ins tyrrhenische Meer hinausragenden Landzunge Amalfitana bestens überblickten.

Dem Himmel ein Stück näher als der Rest Kampaniens waren auch die später hoch oben residierenden Kapuziner. Zwar sind auch sie längst Geschichte, ab 1899 lebten sie aber zumindest dem Namen nach weiter - im legendären Hotel Capuccini. Nach einer aufwändigen Restaurierung getreu den strengen Regeln des Unesco-Weltkulturerbes mutierte das Capuccini im Vorjahr zum luxuriösen Grand Hotel Convento di Amalfi (NH-Hotels).

Auf den Komfort des an die Felsen montierten Aufzugs direkt von der Hotelterrasse sollte man übrigens unbedingt verzichten und stattdessen den Weg der Mönche gehen, auf dem einst auch Esel das Lebensnotwendige auf die Anhöhe schleppten. Der schmale Fußgängerweg eröffnet nicht nur ungeahnte Aus- und Einblicke in den Alltag der Amalfitana - hier wohnen nicht nur Touristen! -, er führt direttissima ins Herz von Amalfi. Ehe wir die imposante Treppe zum grandiosen goldverzierten Dom hinaufsteigen, gönnen wir uns einen Espresso in der famosen Pasticceria Pansa. Seit 1830 in Betrieb, hat sie ein bisschen etwas vom noblen Flair des Demel in Wien erhalten. Silberbesteck im Leinentäschchen, feinste Konditorware und bester „caffè", kurz und schwarz serviert vom Ober im schwarzen Anzug. Der bis vor fünf Jahren übliche Frack dürfte den auch hier regierenden Sparzwängen ebenso zum Opfer gefallen sein wie die weißen Handschuhe der Kellner. Auch Amalfi, dessen Hochblüte und Reichtum im zwölften Jahrhundert langsam ausklang, hat offenbar die beste Zeit hinter sich, es wirkt ein klein wenig abgewohnt. Noble Boutiquen mit Luxuskleidung und Tuch müssen Ramschläden mit Massenware aus Fernost weichen.

Aussicht - Überall Aussicht

Nicht abgenutzt hat sich hingegen „posa!", der Imperativ, dem nicht nur das wenige Kilometer nächst Amalfi gelegene Positano angeblich seinen Namen verdankt. Während sich das Auto von Amalfi hinaus über die sich in Richtung Ravello die Felsen wie eine Himmelsleiter entlangwindende enge Straße quält, wird er lauter und lauter. Widerstand ist zwecklos, an Orten wie Positano und Furore kann niemand vorbei. „Was es hier Besonderes zu sehen gibt?", fragt der Fahrer des Kleinbusses, um die Frage sofort selbst zu beantworten: „Aussicht. Überall Aussicht."

Die ist in der Tat gigantisch, insbesondere von dem von Touristenströmen beinah unbemerkt ganz oben thronenden Ravello. Im Bergnest mit dem sensationellen Palazzo Rufolo samt Terrassengärten gilt dieses „Setz dich ab" erst recht. Einst hatte es Richard Wagner vernommen und prompt seine Parsifal-Schaffenskrise überwunden. Er sollte nicht der Einzige bleiben, der atemberaubende Ausblick („dell'infinito") im Park der monströsen Villa Cimbrone inspiriert unendlich. Dafür sorgt mit Sicherheit das ungewöhnliche, von Oscar Niemeyer mutig an die Klippen gebaute neue Konzerthaus mit seinem Glas-Walfisch-Maul. (Luise Ungerboeck/DER STANDARD/Album/Printausgabe, 8./9./5.2010)

  • Dem Himmel ein Stück näher.
    foto: photodisc

    Dem Himmel ein Stück näher.

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