Ziele machen nervös

    7. Mai 2010, 17:24

    Heuer wird Georg Kreisler, der schon lange Dichter gewesen war, bevor es jemand bemerkte, mit dem Hölderlin-Preis ausgezeichnet - endlich

    Wir haben noch einmal Glück gehabt. Die jüngste literarische Veröffentlichung Georg Kreislers, den die meisten eher als Chansonnier oder Kabarettisten kennen, ist ein Lyrikband. Und das Glück geht weiter. Der Band umfasst auch drei Essays, die klarmachen, dass da einer schreibt, der schon lange Dichter gewesen war, bevor es bemerkt wurde.

    Zufällig in San Francisco heißt das im Berliner Verbrecher-Verlag erschienene Buch, und es beweist, was nicht bewiesen werden muss: Der Hölderlin-Preis der Stadt Homburg wird dieses Jahr an einen Schriftsteller mit Durchhaltevermögen verliehen. Am 6. Juni, einen Tag vor dem Todestag Hölderlins darf Kreisler den ersten ernsthaften Literaturpreis seiner Karriere in Empfang nehmen - kurz vor seinem achtundachtzigsten Geburtstag. Es hätte schlimmer kommen können, der Namensvetter des Preises, Friedrich Hölderlin, wurde erst mehr als hundert Jahre nach seinem Tod als bedeutender Lyriker anerkannt. "Ich weiß nicht, was mich bewog, Gedichte zu schreiben, vielleicht das Wetter" , lautet Kreislers überzeugendes Understatement. Was immer ihn bewogen hat, seine Gedichte bewegen den Leser. Sei es, wenn ein Reh auf eine Lichtung tritt, "dann trittst du unwillkürlich mit" . Sogar falls sich herausstellt, dass das Reh womöglich keines ist, denn "in einem halbwegs guten Gedicht ist alles wahr, auch das Gegenteil."

    Machen Sie sich keine Sorgen, Kreisler nimmt Sie an der Hand. Er weiß, ein Gedicht wird nicht vom Publikum gelesen, sondern von einzelnen Menschen. Mit jedem Satz sucht er nach der Wahrheit, mit jedem Vers nach dem, was er sagen will. "Die Wahrheit soll ein Abgrund sein. / Leider springt kein Mensch hinein. / Er weiß, wer eine Wahrheit sieht, / fällt tot in Ohnmacht und entflieht."

    Schon bei den Liedern, mit denen Kreisler bekannt wurde, spielte der Text die Musik. Das Klavier verpackte die Worte so, dass einem ihre Bedeutung wie von selbst ins Ohr schlüpfte. Die vorliegende Sammlung übertrifft die berühmten Lieder aus den 50er-Jahren (Taubenvergiften im Park) fast noch an Vielschichtigkeit. Man kann einem Autor nur gratulieren, der die Dichtheit seiner Sprache bis ins hohe Alter zu konzentrieren weiß. Kreislers Gedichte sind Pluralwesen, jedes für sich eine Persönlichkeit. Sie treten als Regisseur auf, als Tausendsassa, Heimatloser und, ja, auch als Pessimist, können Freunde sein, eine Maschine, oder gar die ganze Kunst. In jedem Fall bleiben sie Ich, ganz privat.

    "Es ist kein großer Unterschied zwischen Gedichten und Menschen, aber vielleicht fällt das nur mir auf. Andere können einwenden, dass Gedichte nicht auf Diät gehen oder die Fahrprüfung machen, aber andererseits gibt es männliche und weibliche Gedichte, und nur die weiblichen können Kinder kriegen."

    Sie ähneln ih-rem Schöpfer, wie sich's gehört. Sie nehmen keine Rücksicht auf Moden und kommen geschneidert daher - nach dem Maß des Dichters. Reime sind erlaubt und mehr als das. Sie müssen sich nicht verschämt in der Zeile herumdrücken, chamäleonartig im Schatten sitzen, um erst viel weiter unten einen Gleichklang zu finden, nein, fröhlich und klar, wie Hüte und spitze Schuhe, geben sie die Kontur. Wenn das der Einfluss des Amerikanischen ist - Kreisler lebte in Hollywood und New York - so hat er sich das Beste angeeignet. Kreislers Figuren werden von dem Zufall umhergetrieben, der das Leben ist. Das Pech lauert überall, zum Beispiel in Form eines Menschenpräsidenten oder eines kritischen Moments, der alle Menschen in ein Zimmer bündelt.

    Ehrgeizig sind diese Gestalten nicht, und doch vertraut man darauf, dass sie einen Ausweg finden. Dem kritischen Moment könnte beim Anblick der Erde derart grausen, dass er auf Nimmerwiedersehen verschwindet. Man verzweifelt hoffnungsvoll. "Meine Welt ist überall. / Gott sei Dank, sie ist misslungen. / Seinerzeit mit lautem Knall, / ist sie mir vom Leib gesprungen." Sprachlich überlässt der Autor nichts dem Zufall. Abstrakte Begriffe wie die "Zukunft" knetet er zu greifbaren Dingen, die man aufklauben kann, betrachten und irgendwo anders hinlegen. Wo seine Gedichte in wenigen Zeilen ganze Lebenswege entwerfen, sind sie so liebenswürdig, dass man sie in den Arm nehmen und gar nicht mehr gehen lassen möchte. "Wenn ich nicht ich wär, möchte ich du sein, / säß dir im Hirn und wäre gescheit. / Wenn ich ein Tier wär, könnt ich ein Gnu sein, / spränge zu dir und täte dir leid." Leider hat die Angebetete in Die Liebe, eben weil sie du ist, schon einen Gunther. Der Erzähler sieht schwarz und beschließt, sich gleichzeitig zu erstechen und aufzuhängen.

    Kaum etwas wirkt ausgedacht, das ist das Besondere bei Kreisler. Er ist ein Intellektueller, der sich den Zugang zu seinem Kinder-Ich erhalten hat. Kinder wären gute Dichter, wenn sie keine Kinder wären, schreibt er. Wieder einmal hat er recht, wie auch in seiner Autobiografie, wo es heißt, "Kein künstlerisches Werk darf sich sein Ende als Ziel setzen. (...) Wer sich ein Ziel setzt, wird nervös." (Andrea Grill, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 08./09.05.2010)

    Georg Kreisler, "Zufällig in San Francisco. Unbeabsichtigte Gedichte" . € 19,60 / 120 Seiten. Verbrecher-Verlag, Berlin 2010

    Zur Person:
    Andrea Grill, geboren 1975 in Bad Ischl, ist Autorin und Übersetzerin aus dem Albanischen. Zuletzt erschien von ihr der Roman "Das Schöne und das Notwendige" (Otto-Müller-Verlag).

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      Georg Kreislers Gedichte nehmen keine Rücksicht auf Moden und kommen geschneidert daher - nach dem Maß des Dichters.

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