Aktienmärkte in Turbulenzen

7. Mai 2010, 16:00
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Ein Kommentar aus dem Equity Weekly der Erste Group von Hans Engel

Die dramatischen Ereignisse in Griechenland haben sich zur Wochenmitte bedauerlicherweise stark zugespitzt und in Folge die meisten europäischen Aktienmärkte in überdurchschnittliche Turbulenzen versetzt. Wie erwartet hat die EZB den Leitzinssatz am Donnerstag auch bei 1% belassen.

Leider fehlt in Europa vielen Marktteilnehmern der Blick für das Wesentliche, und sie werden daher frühzeitig und unnötig nervös. Mit etwas nüchterner Betrachtung würden sie erkennen, dass es in Europa nicht nur Staatschulden gibt, sondern auch weitaus größere Mengen an Vermögenswerten, die natürlich die Begehrlichkeiten anderer Marktteilnehmer wecken. Wenn nun beispielsweise der amerikanische Staat einen enorm hohen Finanzierungsbedarf hat, und dies auch für viele Bundesstaaten wie beispielsweise Kalifornien, Illinois u.a. zutrifft, so ist es aus US-Sicht naheliegend, das fehlende Kapital aus Europa zu beschaffen. Eine durch Ratingagenturen unterstützte Handelstaktik würde dann beispielsweise das Rating von Kalifornien hinaufsetzten, dasselbe für Griechenland und andere herabsetzen und die Angst vor dem Euroverfall schüren. Genau das ist zuletzt geschehen und viele europäische Marktteilnehmer haben offenkundig ohne bedächtige Überlegungen pauschal Aktien, den Euro und Anleihen der europäischen Randmärkte verkauft. Im Gegenzug wurde offenkundig in den Dollarraum und in deutsche Bundesanleihen investiert. Durch den schwächeren Euro und den im Gegenzug erstarkten Dollar fällt somit die Refinanzierung der gigantischen US-Defizite deutlich leichter. Somit haben die in Zusammenhang mit Griechenland mit viel Subtilität geschürten Turbulenzen letztendlich eine sehr positive Auswirkung auf den maroden US-Staatshaushalt und die Finanzierungsmöglichkeiten von US-Bundesstaaten, die noch viel schlechter dastehen als die südeuropäischen Schuldenländer.

Die Wochenverluste der meisten Aktienindizes waren durchwegs beachtlich. Der spanische IBEX musste sogar einen Rückgang um 10,4 % hinnehmen. Der DAX konnte sich in diesem Umfeld mit einem Minus von 3,9 % noch relativ am besten behaupten, der breite Stoxx 600 legte 5,7 % ab, der von Blue Chips dominierte Euro-Stoxx 50 Index sogar 7,7%. Wenig überraschend ist, dass die zyklischen Sektoren wie Banken, Bau und Rohstoffe die höchsten Verluste (bis zu -11,4 %) hinnehmen mussten, während die Bereiche Gesundheit, Nahrungsmittel und Getränke sowie Versorger die geringsten Rückgänge (ca. -3 %) verzeichneten.

BP: warten auf Bodenbildung

Belastend für die Aktienmärkte war zudem das Faktum, dass der bedeutende britische Energiekonzern BP nach wie vor darum kämpft, die ökologischen Folgen der technischen Misere der abgebrannten Plattform im Golf von Mexico in den Griff zu bekommen. Der Aufwand, das lecke Bohrloch abzudichten verschlingt jede Woche einen hohen zweistelligen Millionenbetrag. Der materielle Gesamtschaden könnte in Milliardenhöhe ausfallen, weshalb Investoren bei Käufen noch warten sollten, bis die Aktie eine Bodenbildung vollzieht.

Wesentlich erfreulicher entwickelte sich die abgelaufene Börsenwoche für Investoren, die in Goldminenaktien investiert haben. Randgold, der in London notierte Bluechip aus diesem Bereich konnte gegen den Markttrend weiterhin zulegen und erreichte im Einklang mit dem gestiegenen Goldpreis (ca. EUR 952/Unze) ein neues Rekordhoch. Die Aktie ist nunmehr seit mehreren Jahren in einem ungebrochenen Aufwärtstrend. Kleinere künftige Rückschläge beim Aktienkurs stellen weiterhin attraktive Einstiegsmöglichkeiten dar.

Norsk Hydro, einer der größten europäischen Aluminiumproduzenten hat zuletzt ein Milliardengeschäft mit dem brasilianischen Konzern Vale SA abgeschlossen und erwarb Abbaurechte an der weltweit drittgrößten Bauxitmine sowie einige Produktionsstätten. Der Gesamtwert der Transaktion beträgt ca. EUR 1,4 Mrd. und wird zum größten Teil in bar bezahlt. Die Norsk Hydro Aktie ist kurzfristig in einem leichten Abwärtstrend, wäre aber erst nach weiteren Rückgängen attraktiv.

Adidas sieht mehr Umsatz

Wieder etwas bessere Nachrichten kamen zuletzt vom Sportartikelhersteller Adidas. Durch die Fußballweltmeisterschaft erwartet sich das Unternehmen einen positiven Einfluss auf Absatz und Profitabilität. Nach Aussage der Firma sollten die Umsätze heuer etwas stärker wachsen als noch vor einigen Monaten angenommen wurde. Bei der Bruttogewinnmarge wird eine Ausweitung von aktuell 47 auf 47,5 % angestrebt. Das ist zwar kein sehr ambitioniertes Ziel, der Trend geht aber in die richtige Richtung. Nach den Kursrückgängen der vergangenen Tage erscheint der aktuelle Aktienkurs von EUR 41,5 wieder ein interessantes Einstiegsniveau zu sein.

Die nächsten Tage und Wochen werden wohl noch von der Diskussion um die Schuldenproblematik einiger europäischer Länder geprägt sein. Es bleibt die Hoffnung, dass die Aktieninvestoren nicht vergessen, dass das Schuldenthema in den USA weitaus größere Dimensionen hat. Ein aktuell gestiegener Dollar bringt die potenzielle Versuchung mit sich, teure US-Aktien mit unvorteilhaften Eurokursen zu erwerben, statt die Chancen in Europa zu suchen, die hier zahlreicher und angesichts des aktuellen Währungsrelationen weitaus attraktiver sind.

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