Kein Triple-A für den Karfiol

7. Mai 2010, 15:40
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Gemüse im Urteil der Ratingagentur

Kanzlerin Merkel und Präsident Sarkozy haben angekündigt, dass sie in nächster Zeit die großen Ratingagenturen genauer ins Visier nehmen wollen. Gut so. Rating kommt bekanntlich von Raten. Die Leute, die bei Standard & Poor's, Moody's oder Fitch arbeiten, sind ihrem Wesen nach Ratefüchse. Kollektiv versuchen sie zu erraten, wie es um die Bonität von Firmen und Ländern steht. Dafür lassen sie sich fürstlich bezahlen.

Wie die Krise bewiesen hat, ist es mit ihren Ratekünsten nicht weit her. Wie anders sollte man es sich erklären, dass diese angeblichen Superdurchblicker noch den letzten Finanzmarktschrott jahrelang ganz höllisch gut und richtig super-AAA gefunden haben? Das ist so, als würde ein Gastrokritiker dem Restaurant zum Dreckigen Löffel an der Ecke vier Hauben verleihen. Oder als schlüge man vor, die ORF-Führung mit einem Preis für professionelle Programmgestaltung zu prämieren.

Vielleicht sollten sich die Ratingagenturen künftig mit weniger komplexen Objekten beschäftigen, also nicht mit Konzernen und Investmentfonds, sondern zum Beispiel mit Gemüse. Eine Ratingagentur für Gemüse wäre sinnvoller und würde ökonomisch weniger Schaden stiften als eine Ratingagentur konventionellen Zuschnitts.

Wenn Sie mich fragen, verdienen eigentlich nur Spargel und frische junge Karotten ein Tripel-A. Erbsen hingegen wirken immer ein wenig kleinkariert. Mehr als ein AA- ist für sie kaum drin. Das prototypische Junkgemüse - Bewertungsstufe C - ist aber der Karfiol (Blumenkohl, für die Leser im Westen).

Der Karfiol ist eine richtige Sau. Wo immer er ins Spiel kommt, liegt Stunk in der Luft. Eine besondere Perfidie seines Verhaltens liegt darin, dass er durch sein blütenweißes Äußeres stets aufs Neue den Irrtum provoziert, er ließe sich auf zivilisierte Art zubereiten.

Tatsächlich verwandelt er aber mit seinem Odeur (Kläranlage plus Tierkörperverwertung mit Obertönen von nichtgeräumtem Katzenklo) jedes gemütliche Heim binnen Minuten in eine Jauchegrube. Einziger Vorteil des Karfiols: Er ist ein potenziell waffenfähiges Gemüse. Gehen einem die Nachbarn auf die Nerven, kann man sie durch eine Strafbekochung mit Karfiolgerichten empfindlich züchtigen. Ob das allerdings für ein Upgrading von C auf BB- ausreicht, ist mehr als fraglich. (Christoph Winder, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 08./09.05.2010)

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    foto: photodisc
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