Wie ein Clown im Gehirn

9. Mai 2010, 18:29
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Der deutsche Kinofilm "Vincent will Meer" fokussiert das Tourette-Syndrom, eine neuropsychiatrische Erkrankung, die kaum bekannt ist

"Ich hab einen kleinen Clown im Hirn, der mir in die Synapsen scheißt", versucht Vincent seiner Freundin Marie das Tourette-Syndrom zu erklären. Ähnlich wie im Spielfilm Vincent will Meer äußern sich auch tatsächlich Betroffene. Es sei, als hätte man einen Kobold im Kopf, einen Kobold, der unvermittelt loslegt. Der zappelt, fuchtelt, rumschlägt, hüpft oder gar laut wird. "Tics" heißt der Fachbegriff für diese unwillkürlichen, meist ganz plötzlich auftretenden, sich wiederholenden Bewegungen. Sie zeigen sich als einfache Tics wie Blinzeln, Kopfwerfen, Naserümpfen oder komplexe Tics (Berührung von Gegenständen oder Personen, Kleiderzupfen, Hüpfen). Kommen zu den motorischen Tics auch noch unbeabsichtigte Lautäußerungen (vokale Tics) und treten die ersten Symptome im Kindesalter auf, spricht man von einer besonderen Form der chronischen Tic-Störung, dem Tourette-Syndrom. Die Österreichische Tourette-Gesellschaft, ein Selbsthilfeverein, schätzt die Zahl der Betroffenen hierzulande auf 3500.

Madame de Dampierre, eine adelige Dame, die sich gar nicht fein benahm, hatte 1885 den französischen Nervenarzt Georges Gilles de la Tourette zur ersten Fallstudie inspiriert. Die Frau litt seit ihrer Kindheit an motorischen und vokalen Tics. Verschärft wurde die Krankheit durch eine Koprolalie, das unvermittelte, sinnlose Ausstoßen von Obszönitäten wie "Scheiße" oder "Schweinehund".

Wie Gilles de la Tourette hatte auch Sigmund Freud bereits die Vermutung, dass es sich bei der Krankheit um "etwas Organisches" handle. Heute weiß man sicher, dass Tourette-Syndrom keine psychogene Erkrankung ist, sagt Kirsten Müller-Vahl, Oberärztin an der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover. Man vermutet als Ursache der neuropsychiatrischen Erkrankung ein Ungleichgewicht im Dopamin- und Serotonin-System. Was aber die Stoffwechselvorgänge im Gehirn stört und damit die Kontrolle und Steuerung von Bewegungen und Lautäußerungen verhindert, ist noch ungewiss. Gen-Mutationen stehen in Verdacht, die Ausbildung von Nervenzellen zu behindern, es gibt aber auch Hinweise darauf, dass das Tourette-Syndrom eine Autoimmunerkrankung sein könnte, ausgelöst durch eine Streptokokken-Infektion im Kindesalter. Ebenfalls unklar ist, warum dreimal so viele Männer wie Frauen betroffen sind.

Der junge deutsche Schauspieler Florian David Fitz, Hauptdarsteller und Drehbuchautor von Vincent will Meer wurde während seiner Ausbildung in Boston erstmals mit dem Tourette-Syndrom konfrontiert. Einer seiner Lehrer hatte die Krankheit. Sie sollten sich nichts dabei denken, wenn er zu zucken und grimassieren beginne, es gehe ihm gut, hatte er den Studenten bei der ersten Begegnung erklärt. Tics würden oft missgedeutet, sagt Müller-Vahl. "Man glaubt, der spinnt, hat eine Macke, ist geisteskrank." Aus Unwissenheit würde nicht erkannt, dass ein Tourette-Betroffener ein ganz normal intelligenter Mensch sei.

Film und Wirklichkeit

Vincent will Meer ist derzeit in den Kinos zu sehen. "Ein sehr ansprechender Kinofilm", sagt Tourette-Expertin Müller-Vahl, für Laien stelle er die Krankheit überzeugend dar und könne helfen, Verständnis für die Betroffenen zu wecken. Aus Expertinnensicht hat sie aber Kritisches anzumerken: "Jemand, der so heftige Tics hat wie der Vincent im Film, hat sie in kurzen Intervallen. So lange Pausen zwischen den Tics sind unrealistisch." Schwere Formen von Tourette wie bei Vincent, dessen Entladungen auch noch die ganze Palette von F-Wörtern umfassen, wären selten, sagt Müller-Vahl. Koprolalie käme bei maximal 20 bis 30 Prozent der Tourette-Patienten vor. Nichts mit Tourette hätten Vincents Gewaltausbrüche zu tun: "Tourette-Betroffene sind nicht aggressiver als andere Menschen."

Auf die Frage, ob er seine Tics nicht unterdrücken könne, antwortet Vincent: "Das ist wie niesen, und das Niesen kannst du ja auch nicht unterdrücken." Mehrere Studien belegen jedoch, dass Tics für gewisse Zeit unterdrückt werden können. Wie lange und wie oft, hänge vom Alter der Patienten ab, sagt Müller-Vahl. Mit einer weiteren Studie untersucht sie nun, ob Schilderungen von Patienten, dass durch das Unterdrücken Tics später viel heftiger auftreten würden, zutreffen. Müller-Vahl: "Studien haben gezeigt, dass es diesen Rebound, den Patienten schildern, eigentlich gar nicht gibt." Das Studienergebnis könnte dazu führen, dass das Therapiekonzept des "Habit Reversal Trainings" (Gewohnheits-Umkehrtraining) überdacht werden muss. Es lehrt Betroffene, ihre Tics wahrzunehmen, zu erspüren, wie sie sich ankündigen, und dann zu unterdrücken,

Medikamentös behandelt wird Tourette mit Neuroleptika. Erste Erfahrungen mit Dronabinol, einem teilsynthetisch hergestelltem Tetrahydrocannabinol, zeigen gute Erfolge. Patienten fühlen sich durch den Wirkstoff aus der Cannabispflanze entspannt und beruhigt - ohne Nebenwirkungen wie bei Neuroleptika. Müller-Vahl: "Uns fehlen aber noch die großen Zahlen. Die Kassen übernehmen die Kosten für Dronabinol nicht, nur wenige Patienten können sich die Behandlung leisten."

Ebenfalls noch in der Experimentierphase ist die operative Behandlung schwerer, therapie- resistenter Fälle. Bei der Tiefen Hirnstimulation, auch Hirnschrittmacher genannt, werden Elektroden implantiert, die durch minimale elektrische Impulse bestimmte Hirnareale stimulieren. Müller-Vahl: "Erste Ergebnisse sind vielversprechend, aber es sind noch viele Fragen offen." (Jutta Berger, DER STANDARD Printausgabe, 10.5.2010)

  • Im aktuellen Kinofilm "Vincent will Meer" wird das Leben von Menschen
mit Tourette-Syndrom thematisiert. In der Hauptrolle Florian David Fitz
(li.), in der Rolle des Vaters Heino Ferch (re.).
    foto: constantin

    Im aktuellen Kinofilm "Vincent will Meer" wird das Leben von Menschen mit Tourette-Syndrom thematisiert. In der Hauptrolle Florian David Fitz (li.), in der Rolle des Vaters Heino Ferch (re.).

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