Dialektik der Moderne

7. Mai 2010, 11:53
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Freiheit in der bürgerlichen Gesellschaft und Produktivität ihres wirtschaftlichen Handelns sind mit Unfreiheit und Destruktivität untrennbar verbunden - Von Paul Kellermann

Beim jahrhundertelangen Übergang von der Feudal- zur bürgerlichen Gesellschaft spielten die Philosophien und Ideologien zu Individualismus und Liberalismus die entscheidenden Rollen. Ihr gemeinsames Moment kam in der Behauptung zu persönlichem Erfolg und Misserfolg zum Ausdruck: „Jeder ist seines Glückes Schmied!"

Individuelles Eigentum und persönliche Verantwortung wurden durch Gesetze geregelt, obwohl Familienerbe und Sippenhaft bis weit in die Neuzeit, in die Moderne, wirken. Selbst die zuvor vom Adel lediglich als Lehen besessenen Landstriche wurden gesetzlich zu privilegiertem Eigentum und verweisen darauf, wie stark und scheinbar selbstverständlich sich feudale Strukturen durchgehalten haben.

Liberalismus, ursprünglich eine Freiheitsbewegung gegen die überkommenen Fesseln des lang währenden europäischen Mittelalters, wandelte sich in die liberalistische Freiheit, die egozentrisch sich nicht mehr von der gleichberechtigten Freiheit der Mitbürger begrenzt sah.
Begleitet wurde diese Entwicklung von drei Systemen oder Regimes, die sich immer massiver in die alltäglichen Auffassungen und Handlungen der Menschen durchsetzten: Zeitmessung, bürokratische Regeln und Geldgebrauch. Die exemplarischen Theoretiker waren hinsichtlich der Zeit Frederick W. Taylor mit seiner Lehre vom scientific management, Max Weber durch seine Herausarbeitung der Rolle der Bürokratie und Milton Friedman, dessen Aufmerksamkeit besonders dem Geld galt.
Alle drei Regimes sind als dialektisch in dem Sinn zu kennzeichnen, dass sie zugleich sowohl effiziente Rationalisierung der sozialen Beziehungen (insbesondere in Arbeitsorganisation, Handel und Verwaltung) wesentlich ermöglichten als auch die Abhängigkeit der Menschen von Zeit, Regeln und Geld in zuvor unbekanntem Ausmaß bewirkten.

Unfreiheit und Destruktivität

Die Freiheit in der bürgerlichen Gesellschaft und die Produktivität ihres wirtschaftlichen Handelns sind mit ihren Gegenteilen - Unfreiheit und Destruktivität - untrennbar verbunden. Das ihnen zugrunde liegende treibende Moment ist die sich ungehemmt verbreitende Handlungsorientierung, jede Art von Vermögen (Kapital) - wie vor allem Produktionsmittel, Arbeitsqualifikation, Finanzmittel, Beziehungen und Freundschaften - in Gewinnerwartung einzusetzen. Auf dieser Orientierung beruht die Dynamik des Kapitalismus; Markt, Konkurrenz, Zeit, Regeln und Geld sind in diesem Gesellschaftssystem nur die Felder oder Gebiete, auf denen und mit denen das kapitalistische Handlungsprinzip - Verwertung von Kapital jeder Art mit Gewinnabsicht - sich wirkungsvoll verbreitet. Seine Folgen sind ambivalent oder realdialektisch: sowohl mehr materielle Prosperität als auch mehr gegenseitige Abhängigkeit; sowohl Potential für weitere Produktivitätssteigerung als auch für größere Gefährdung von natürlichen und menschlichen Ordnungen.

Lebensbedingungen in Gefahr

Der eigentliche oder objektive Zweck des kollektiven Handelns - nämlich die gemeinsamen Lebensbedingungen zu sichern und zu verbessern - verschwand nahezu völlig aus den Handlungsmotiven. Stattdessen dominiert die einseitige Sichtweise aus individuellem Interesses. Vernunft im Sinne längerfristiger, intersubjektiver Verantwortbarkeit wurde ersetzt durch technischen Verstand eines aktuell interessant erscheinenden Details.

Die Lebensbedingungen der Menschen auf dem Globus sind in Gefahr durch die inzwischen nicht wirklich beherrschbare außerordentliche Wirksamkeit technischer Entwicklungen einerseits durch Herstellungsverfahren - Bhopal, Exxon Valdez, Tschernobyl, Golf von Mexiko als fatale Beispiele -, durch massive Eingriffe in die Natur wie etwa Rodungen der Urwälder, Verlegung großer Flussläufe, einseitige Massenviehzucht oder genetische Manipulation; andererseits und nicht zuletzt durch die bereits verwirklichte Möglichkeit der effizienten Tötung zahlloser Menschen und der Verseuchung weiter Regionen durch den Einsatz „moderner" Waffen. Gleichzeitig wuchs die Erdbevölkerung von etwa 1,25 Milliarden Personen zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf mehr als sechs Milliarden an seinem Ende. Je mehr sich all diese Entwicklungen beschleunigten und ausweiteten, desto geringer wurden die Chancen auf Alternativen. Geldglaube (Moneyismus) und Zeitgeist schränken das Denken ein, verkehren die Bedeutungen von Prozessen und Strukturen, von Mitteln und Zwecken. Mitverantwortlich dafür sind entsprechende Erziehung und Verinnerlichung des investitiven (kapitalistischen) Gedankens zum Verzicht auf die aktuelle Bedürfnisstillung zu Gunsten späterer Belohnung (deferred gratification pattern).

Arbeiten um zu leben oder leben um zu arbeiten

Wenn noch vor nicht allzu langer Zeit rhetorisch gefragt wurde „Arbeiten wir, um zu leben, oder leben wir, um zu arbeiten?", wodurch nachdenkliches Innehalten angeregt werden sollte, so scheint heute diese Frage eindeutig und wie selbstverständlich beantwortet: Erziehung und Ausbildung, generell Kindergarten, Schule und Hochschule („Bologna Prozess") sind auf abhängige Beschäftigung (employability) ausgerichtet, instrumentalisiert; Freizeit und Urlaub sind durch Erwerbsarbeit definiert und ersetzen Muße ebenso wie Ferien; Zerstörungen und Katastrophen werden von gewinnorientierten Unternehmern nicht bedauert, sondern als Möglichkeit, am Wiederaufbau zu verdienen, begrüßt (z. B. Erdbeben und Bauunternehmer 2009 in Italien). Ohne Berücksichtigung von etwa einer Milliarde Menschen, denen es schlecht geht, werden unfassbare Geldmittel zur Finanzierung von Projekten aufgewendet, um Theorien zu überprüfen (Teilchenbeschleuniger) oder Erkundungen im fernen Weltall durchzuführen (Marsexpedition).

Die Dialektik der Moderne ist: Je erfolgreicher Menschen in Vorgänge und Verhältnisse von Natur und Gesellschaft eingreifen können, desto wirkungsvoller wird ihr Handeln auf Gedeih und Verderb. Mit dem durch die dominierenden Handlungsorientierungen erlangten Reichtum entwickelten sich zugleich kollektive Unfreiheit in wachsender gegenseitiger Abhängigkeit, regional und global, und gesellschaftlicher Gefährdung: durch Ideologien und Terrorismus, durch Verbrauch natürlicher Ressourcen, durch Katastrophen und Kriege. Mit der in der Moderne weit verbreiteten Vorstellung von persönlicher Autonomie und individueller Freiheit setzten sich objektiv - also unbeschadet von Willen und Wissen - in der Realität auch soziale Heteronomie und riskante gegenseitige Abhängigkeit weltweit durch. (Paul Kellermann, derStandard.at, 7.5.2010)

 

Zur Person: Paul Kellermann, Jg. 1937, ist emeritierter Soziologie-Professor und Mitglied des Forschungsbeirats an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Wirtschafts-, Bildungs- und Geldsoziologie. Er ist Herausgeber einschlägiger, interdiszilinärer Bücher wie "Die Geldgesellschaft und ihr Glaube" und "Geld und Gesellschaft". Zum "Garantierten Grundeinkommen" hat Paul Kellermann schon 1979 und 1980 (Rowohlt) publiziert.

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