Wissenstransfer im Mittelalter

6. Mai 2010, 18:54
22 Postings

Der Dialog der Kulturen kann funktionieren, alte Handschriften belegen es - Die Nationalbibliothek zeigt den Austausch zwischen Juden, Christen und Muslimen vor tausend und mehr Jahren

Wien - Dass man "miteinander reden" soll, klingt so einleuchtend, wie es in der Praxis schwierig werden kann. Erst recht, wenn man keine gemeinsame Sprache besitzt. Und noch viel mehr, wenn es um unterschiedliche Kulturen, Traditionen und Religionen geht, die womöglich den jeweils anderen überzeugen und belehren wollen.

Nicht um das mehr oder weniger multikulturelle Europa heute aber geht es in der neuen Ausstellung der Österreichischen Nationalbibliothek, sondern um die erstaunlich fruchtbaren Begegnungen der Kulturen vor tausend und mehr Jahren. Sie belegt, dass damals möglich und lebendig war, was heute unter Geschichte und Misstrauen großteils begraben ist. "Juden, Christen und Muslime" (so der Titel) haben sich auf wissenschaftlicher und theologischer Ebene ausgetauscht und somit zu einer enormen Bereicherung des Wissenshorizontes beigetragen.

Die Anstöße gingen vielfach von der griechischen Antike aus, sie fanden Eingang in die arabische Welt und damit ab dem achten Jahrhundert - man denke an die Brückenköpfe Spanien und Süditalien - auch in Europa. Auf diesen Reisen kam es zu Verschiebungen und Anpassungen; so mutierte die polytheistische griechische Mythologie zu jeweils monotheistischen und den modernen Erkenntnissen angepassten Weltbildern.

Rekonstruieren lassen sich die Veränderungen in den Handschriften, später auch Drucken, die erhalten geblieben sind. Der Prunksaal der Nationalbibliothek dient also nicht nur als logische Kulisse für die wertvollen Dokumente, die Ausstellung konnte vollständig aus den Sammlungen des Hauses bestückt werden.

Gegen Engstirnigkeit

Tatsächlich, sagt Kurator Andreas Fingernagel, musste er das Thema sogar eingrenzen, weil die Schau sonst aus den Nähten geplatzt wäre. Ein Flügel des Saales ist der Medizin des Mittelalters gewidmet, der andere der Astronomie und Astrologie. Ein Schaustück unter vielen ist der sogenannte Wiener Dioskurides (siehe Bild links oben), ein Unesco-Weltdokumentenerbe und so empfindlich, dass er nur bis 16. Mai im Original und danach als Faksimile gezeigt wird. Das Pflanzenbuch, vor 512 entstanden, gilt als einziges erhaltenes, durchgehend illustriertes wissenschaftliches Werk der Antike.

Als Schmelztiegel und Katalysatoren bezeichnet Fingernagel die damaligen Fürsten- und Kalifenhöfe und die ersten Universitäten, an denen übersetzt, adaptiert, diskutiert wurde. Die Schautafeln uns mehr noch der Katalog helfen dabei, diese Transformationen nachvollziehbar zu machen.

Der Vergleich mit heute drängt sich auf. So ist denn die Ausstellung für Nationalbibliotheks-Direktorin Johanna Rachinger ein "Plädoyer (...) für kulturelle Weiterentwicklung" und gegen ideologische Engstirnigkeit. (Michael Freund, DER STANDARD, Printausgabe, 7. Mai 2010)

Bis 7. November. Der Katalog ist bei Kremayr & Scheriau erschienen. DER STANDARD bringt am 27. Mai eine Sonderbeilage über die Ausstellung.

  • Nur kurz als Original zu sehen: der Wiener Dioskurides, ein mindestens 1500 Jahre altes Pflanzenbuch
    foto: önb

    Nur kurz als Original zu sehen: der Wiener Dioskurides, ein mindestens 1500 Jahre altes Pflanzenbuch

Share if you care.