Die Hoffnung hängt am stählernen Turm

6. Mai 2010, 21:39
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Bisher sollten Chemikalien im Golf von Mexiko die Ausbreitung des Öls stoppen - Jetzt soll ein Stahlturm den Ölaustritt bremsen

Auf den ersten Blick erinnert der Stahlkasten an einen wuchtigen Kirchturm. So hoch wie ein vierstöckiges Haus, soll er über das Ölleck auf dem Meeresgrund gestülpt werden. Über ein Rohr am oberen Ende soll die schmierige Flüssigkeit von dort zum Tanker "Discoverer Enterprise" gepumpt werden. Es ist ein letzter, fast verzweifelter Versuch, der Ölpest im Golf von Mexiko Herr zu werden.

In der Werft von Port Fourchon, im Südzipfel Louisianas, wurde der Turm zusammengeschweißt. Spätestens bis Montag soll er auf den Grund abgesenkt werden. Die Schwierigkeit besteht darin, in 1500 Meter Tiefe genau zu treffen: An der Basis ist der Kasten knapp acht Meter breit.

BP hofft, so 85 Prozent des austretenden Öls absaugen zu können. "Es ist noch nie probiert worden, jedenfalls nicht in solcher Tiefe", schränkt Bob Fryar ein, Experte für Bohrungen in Küstengewässern. Der Konzern hat umgestellt auf leise Töne. Zu ernüchternd waren die Fehlschläge in den ersten Tagen nach der Explosion der Ölplattform am 20. April.

Ölfilm erreicht Vogelgebiet

Am Donnerstag erreichte ein dünner Ölfilm nach Angaben der US-Küstenwache das Ufer der Insel Freemason Island - etwa 50 Kilometer vor dem Festland. Die Insel zählt zum Naturschutzgebiet Chandeleur Islands, in dem zahlreiche Vogelarten brüten. Bisher näherten sich die Ölschlieren der Küste nur langsam. So langsam, dass mancher den Medien bereits vorwirft, Panik zu schüren.

Michael Brune, Direktor des Sierra Clubs, der führenden Umweltinitiative der USA, spricht dagegen von einer der größten vom Menschen verursachten Naturkatastrophen der Geschichte. Bei einem Flug über die Chandeleur Islands sah er rostfarbene Flecken auf die Inselkette zuschwappen. BP, sagt Brune, versuche, das volle Ausmaß des Desasters zu verbergen. Dabei gebe es immer neue Fragezeichen.

Eines davon steht hinter dem massiven Chemikalieneinsatz. Rund 600.000 Liter hat man bisher aufs Meer gesprüht, 20.000 Liter wurden direkt ans Bohrloch gepumpt. Sie sollen bewirken, dass sich der Ölteppich in Teerklümpchen zerteilt. Manche Luftaufnahmen scheinen zu bestätigen, dass es funktioniert.

Doch nun wird bekannt, dass eines der eingesetzten Dispersionsmittel, geläufig unter dem Namen Corexit, in Großbritannien seit zehn Jahren verboten ist. Labortests hatten ergeben, dass die Meeresfauna darunter leidet. Bei Menschen kann Corexit Haut- und Atemprobleme erzeugen. "Die Chemikalien entfernen das Öl nicht" , sagt John Williams, Chef der Southern Shrimp Alliance, einem Krabbenfischerverband. "Sie verteilen es nur um."

Das Gulf Restoration Network, dem Naturschutz an der Golfküste verpflichtet, spricht von einem Spiel mit vielen Unbekannten, mit Folgen, die heute niemand vorhersagen könne. "Es könnte damit enden, dass alles getötet wird, was auf dem Grund des Ozeans lebt." (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 7. Mai 2010)

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    Todd Lyons sortiert verschmutzte Ölpolster auf dem Fischtrawler "Mariah Jade", bevor er sie entsorgt - Auch Chemie wird im Kampf gegen die Ölpest eingesetzt, darunter ein Dispersionsmittel, das in Großbritannien seit zehn Jahren verboten ist

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