"Eigenheiten einer jungen Blondine": Fenster zum Liebesunglück

6. Mai 2010, 18:31
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Der portugiesische Meisterregisseur Manoel de Oliveira erzählt in "Eigenheiten einer jungen Blondine" von einem seltsamen Fall amouröser Verwirrungen

Wien - Einem Buchhalter kann man nicht verdenken, dass er während der Arbeit auch einmal aus dem Fenster blickt. Im Fall von Macário (Ricardo Trêpa) hat diese kleine Ablenkung allerdings weitreichende Folgen. Der Abstand zum gegenüberliegenden Haus ist so gering, dass es das Auge mühelos über den Abgrund schafft. Auf der anderen Seite steht eine junge Blondine (Catarina Wallenstein) mit einem orientalischen Fächer, die den Blick erwidert - ein Austausch, der den korrekten Mann nicht mehr loslassen und sein Leben auf den Kopf stellen wird.

Dass es sich dabei um eine keineswegs glückliche Romanze handelt, weiß man in Manoel de Oliveiras neuem Film "Eigenheiten einer jungen Blondine" / "Singularidades de uma Raparida Loura" von Beginn an, denn das Geschehen wird als Rückblende angeordnet. Macário vertraut sein Unglück einer Fremden an, während er zur Erholung an die Algarve fährt. Oliveira, mit 102 Jahren der älteste Filmemacher der Welt, hat eine Erzählung des Schriftstellers José Marie Eça de Queiroz adaptiert. Sie trägt die starren Züge des 19. Jahrhunderts, wird hier aber mit Sinn für unzeitgemäße Gesten in die Gegenwart verlegt.

Es ist die tückisch einfache Geschichte einer Liebe, die durch Hindernisse nur noch größer wird. Mit Komplimenten gelingt es Macário zwar, das Herz von Luísa zu erobern, aber jenes seines Onkels erweicht er nicht. Daraufhin verliert er die Stellung, gerät immer mehr in finanzielle Not, rappelt sich wieder hoch, nur um wieder enttäuscht zu werden. Doch eine Moritat über den verderblichen Einfluss des Kapitals, das sich der Erfüllung einer Liebe entgegenstellt, wird Eigenheiten einer jungen Blondine deshalb nicht. Oliveiras Blick auf das Geschick seines Helden ist von einer Genauigkeit, die sich mehr für die Umstände, Etiketten und widersinnigen Details als für edle Gefühlslagen interessiert.

Das spiegelt sich auch in der rigoros schnörkellosen Form des Films wieder, der bei aller Klarheit und Kürze - er dauert gerade einmal 65 Minuten - immer wieder in üppig dekorierten Innenräumen schwelgt. Viele Szenen sind wie Tableaux gesondert eingerahmt, was den Eindruck eines Spiegelkabinetts verstärkt. Die Figuren in diesem Film besitzen in gewisser Weise immer zu viel von einer einzigen Eigenschaft. Das lässt sie auf eigenartige Weise surreal erscheinen.

Oliveira denkt übrigens nicht ans Aufhören: Schon im nächste Woche beginnenden Festival von Cannes wird er einen neuen Film vorstellen, "The Strange Case of Angelica". (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Printausgabe, 7.5.2010)

 

  • Umgeben von alten Dingen und Zwängen: Ricardo Trêpa, der Enkel des Regisseurs Manoel de Oliveira, spielt in "Eigenheiten einer jungen Blondine" einen Buchhalter in Herzensnot.
    foto: stadtkino

    Umgeben von alten Dingen und Zwängen: Ricardo Trêpa, der Enkel des Regisseurs Manoel de Oliveira, spielt in "Eigenheiten einer jungen Blondine" einen Buchhalter in Herzensnot.

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