Wie man hinter die Dinge schaut

6. Mai 2010, 17:10
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"Nebenflüsse" der Shoah: Zwei Filme von Claude Lanzmann

Der französische Regisseur Claude Lanzmann hat mit seinem neunstündigen Film "Shoah" die bis heute umfassendste Auseinandersetzung mit der Todesmaschinerie der Nazis geschaffen - eine Arbeit, die sich gegen jede museale Haltung richtet und in den Erzählungen von Überlebenden "die Radikalität der Vernichtung" zu vergegenwärtigen versucht.

Zwei Fälle, die darin keinen Platz fanden, weil sie sich von dieser Linie zu weit entfernten, hat Lanzmann später zu eigenen Filmen verarbeitet: "Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr", in dem es um den Aufstand in nämlichem Konzentrationslager geht, und "Ein Lebender geht vorbei", ein Interviewfilm mit dem Schweizer Maurice Rossel, der als Delegierter des Roten Kreuzes Auschwitz und Theresienstadt inspizierte.

Die Arbeiten verhalten sich zueinander konträr: In "Sobibor" erzählt Yehuda Lerner von einem Moment des geglückten Widerstands, während bei Rossel, der von Lanzmann überrumpelt wurde, eine Unterlassung aufscheint. Bei seinem Besuch des "Vorzeigelagers" Theresienstadt wurde der Delegierte von der Inszenierung der Nazis getäuscht. Er schaute nicht weit genug hinter die Dinge - Lanzmanns Filme leisten dies nachträglich. (Dominik Kamalzadeh / DER STANDARD, Printausgabe, 7.5.2010)

 

  • Erschienen bei Absolut Medien, codefree
    foto: absolut medien

    Erschienen bei Absolut Medien, codefree

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