"Plagiieren für Studenten nichts Verbotenes"

12. Mai 2010, 06:10
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Ulrike Beisiegel von der Agentur für wissenschaftliche Integrität über die negativen Folgen des Internets auf die Wissenschaft

Seit fast einem Jahr arbeitet die "Agentur für wissenschaftliche Integrität" daran,  die wissenschaftlichen Standards an österreichischen Universitäten zu verbessern und mögliches Fehlverhalten zu ahnden. Die Vorsitzende der untersuchenden Kommission, Ulrike Beisiegel, spricht im Interview mit derStandard.at über die schwierige Grenzziehung bei Fälschungen und Fehlern in wissenschaftlichen Arbeiten und erklärt, was der Schulunterricht mit Plagiaten zu tun hat.

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derStandard.at: Der ehemalige österreichische Wissenschaftsminister Johannes Hahn wurde in der Vergangenheit des Plagiierens bezichtigt. Wäre die Untersuchung seiner Doktorarbeit nicht ein interessanter Fall für die Agentur für wissenschaftliche Integrität, um Klarheit zu haben?

Beisiegel: Prinzipiell ist die Agentur auch für solche Fragen zuständig. Uns gibt es aber erst seit knapp einem Jahr, daher ziehen wir noch nicht alle Fälle an uns. Derzeit werden wir als Kommission (Anm.: unabhängiges Organ der Agentur) primär aktiv, wenn wir von den wissenschaftlichen Einrichtungen angesprochen werden und Hinweise auf Verstöße gegen die Regeln der wissenschaftlichen Arbeit erhalten. Selbstständig haben wir noch keine Fälle aufgegriffen, was aber prinzipiell in Zukunft  möglich ist.

derStandard.at: Die Agentur gibt es jetzt ein Jahr. Was ist in dieser Zeit passiert? Mit welchen Anfragen werden Sie konfrontiert?

Beisiegel: Wir sind noch sehr mit dem Aufbau beschäftigt. Unsere Arbeit als Kommission ist ausgesprochen vertraulich. Es gibt sehr viele Anfragen, aber nur wenige werden auch behandelt: Aus meiner Erfahrung in der deutschen Kommission kann ich sagen, dass circa 50 Prozent aller Anfragen auch zu Fällen werden. Die Geschäftsordnung sieht zum Beispiel vor, dass wir keine Fälle aufgreifen, die mehr als zehn Jahre zurückliegen. Die werden nur in Ausnahmefällen bearbeitet.

derStandard.at: Handelt es sich bei den Fällen, die sie derzeit bearbeiten um Zitationsplagiate oder wissenschaftliche Fälschungen?

Beisiegel: Ein Thema sind natürlich Plagiate, also die Frage des geistigen Eigentums. Eine weitere Kategorie ist das Thema der Autorenschaft, wenn zum Beispiel junge Leute bei einer Veröffentlichung nicht berücksichtigt werden. Dann gibt es wissenschaftliche Auseinandersetzungen, wo es um die Grauzone von Manipulation und Fehlern geht. Es gibt also Anfragen, da behauptet jemand, der andere hätte wissenschaftliche Daten gefälscht. Vielleicht hat der aber auch nur einen Fehler gemacht und schlecht gearbeitet. Schlechte Wissenschaft ist aber nicht strafbar und sanktionierbar. Für diesen Bereich braucht man deshalb Fachleute, die Gutachten einholen. Manchmal geht es auch nicht anders, und die "scientific community" muss das einfach unter sich ausfechten.

derStandard.at: In welchen Forschungsrichtungen gibt es die häufigsten Beschwerden?

Beisiegel: Die meisten Fälle kommen aus den Biowissenschaften. Wir haben in Deutschland 60 Prozent der Fälle aus der medizinischen Forschung. Das Problem: Wir können Experimente - beispielsweise eine Studie mit hundert Patienten, die man nie wieder in derselben Situation antrifft - nicht wiederholen.

derStandard.at: Worin unterscheiden sich Natur- und Geisteswissenschaften? Kommt es in den Geisteswissenschaften öfter zu Plagiaten?

Beisiegel: Plagiate gibt es in beiden Bereichen. In den Naturwissenschaften kommt es vor, dass jemand einen Methodenteil mit copy&paste übernimmt. Das ist ein Plagiat, aber nicht so relevant. Man kann eine Methode nicht hundert Mal mit unterschiedlichen Wörtern beschreiben. 

Der Schweregrad ist in den Geisteswissenschaften höher, da es sich meistens wirklich um geistiges Eigentum handelt. In den experimentellen Fächer - Medizin und Naturwissenschaften - verführt hingegen der Computer dazu, die Ergebnisse zu modifzieren. Wo ist die Grenze zwischen verbessern, klarer darstellen und fälschen? Das ist sehr schwer. Deswegen müssen unbearbeitete Daten immer für 10 Jahre aufgehoben werden.

Es gibt aber auch noch die Kategorie der Forschungsbehinderung: Doktoranden werden dann von ihren Betreuern ausgenutzt oder an Publikationen gehindert. Wir haben auch Fälle in Deutschland, wo der Doktorvater die Arbeit der Studierenden unter seinem Namen publiziert. 

derStandard.at: Sind Diplomarbeiten und Bachelorarbeiten auch ein Thema?

Beisiegel: In Deutschland setzten wir uns damit auseinander, sind das doch Qualifizierungsarbeiten für junge Wissenschaftler und damit auch von wissenschaftlicher Relevanz. Wir haben es hier jedoch selten erlebt, dass in den Arbeiten gefälscht wurde, sondern häufiger ist, dass deren Inhalte in andere Publikationen aufgenommen werden und die Diplomanden oder Doktoranden nicht ordnungsgemäß zitiert werden. 

Natürlich gibt es auch Qualifizierungsarbeiten mit Plagiaten. Dazu muss man aber auch sagen, dass man als Studierender im Studium keine gute wissenschaftliche Praxis lernt. In der Schule lernt man eher "Plagiieren ist gut", weil wenn man dort einen Text aus dem Netz abgibt, bekommt man meistens eine sehr gute Note. Im Studium ist die Einstellung dazu eher neutral. Plagiieren ist für die meisten Studierenden nicht etwas explizit Verbotenes. Bei Qualifizierungsarbeiten können wir eine große Naivität der Studierenden feststellen. Wenn wir es ihnen nicht beigebracht haben, können wir sie auch nicht dafür sanktionieren. 

derStandard.at: Sie kennen das System in Deutschland und in Österreich. Unterscheiden sich die wissenschaftlichen Kulturen in diesen Ländern?

Beisiegel: Die meisten Dinge sind sehr, sehr ähnlich. Österreich hat den Nachteil, dass es ein sehr kleines Land ist, daher gibt es noch mehr Vetternwirtschaft als in Deutschland. 

derStandard.at: Der "Plagiatsjäger" Stefan Weber traut der Arbeit ihrer Agentur nicht und sagt: "Gutachternetzwerke halten zusammen." Was entgegnen Sie dem?

Beisiegel: So etwas kann man in der Tat nicht ausschließen. Gutachtergruppen sind genauso wie der Rest der Bevölkerung - auch dort gibt es gute und schlechte. 80 Prozent sind sicher völlig integer und 20 Prozent möglicher Weise nicht. Das ist in der Polizei so, in der Politik so und bei den Studierenden so. Ich wünsche mir natürlich, dass Wissenschaftsorganisationen noch genauer hinschauen, damit es wirklich keine Befangenheiten gibt. Ich arbeite auch in Deutschland im Wissenschaftsrat, da wird vorbildlich mit der Befangenheit umgegangen. Wenn ein Anliegen aus meinem Bundesland diskutiert wird, muss ich konsequent rausgehen.

derStandard.at: In der Gesellschaft selbst ist das Thema Autorenschaft und Urheberschaft mittlerweile sehr umstritten. Es gab ja den Fall Hegemann, wo sich Plagiate auch in der Populärkultur eingeschlichen haben und das dann aber schon als Kunstform gesehen wird. Wie wirken sich diese Veränderungen auf die Wissenschaft aus?

Beisiegel: Die Internetgesellschaft per se wirkt sich auf zwei Ebenen negativ aus. Einerseits kann man alles runterladen und kopieren, andererseits entsteht dadurch eine enorme Geschwindigkeit. Es ist eine Geschwindigkeit in das Wissenschaftssystem gekommen, die sich sehr negativ auf die Qualität auswirkt. Die meisten Wissenschafter lesen nur mehr Titel und Abstract. Die deutsche Forschungsgemeinschaft hat deshalb gerade eine Offensive gestartet, deren Botschaft: "Qualität vor Quantität" ist.

derStandard.at: Wird es durch das Internet nicht auch leichter Plagiate zu entlarven etwa durch diverse Programme und Scanner?

Beisiegel: Das ist die aktuelle Gegenbewegung. Man kann natürlich viel leichter etwas überprüfen. Plagiate in den geisteswissenschaftlichen Bereichen werden dann weniger, wenn das alle Unis konsequent anwenden.

Es ist aber auch eine Frage, wie die Universitäten dann selbst mit Plagiierern umgehen. Es kommt immer wieder vor, auch international, dass Unis sagen: bei uns kommt so etwas nicht vor. Letztendlich werden renommierte Kollegen dann doch nicht auf ihre Fehler angesprochen. 

derStandard.at: Wie wird wissenschaftliches Fehlverhalten sanktioniert?

Beisiegel: Das hängt von der Art des Verstoßes ab, es gibt gegebenenfalls keine Drittmittel mehr, es werden Leistungspunkte abgezogen. Das kann hin bis zur Kündigung gehen. 

derStandard.at: Plant die Agentur in Zukunft auch an die Unis selbst zu gehen und Informationskampagnen über wissenschaftliches Arbeiten zu starten?

Beisiegel: Ich würde das als Kommissionsvorsitzende der Agentur auf jeden Fall empfehlen. In Deutschland haben wir gerade ein Curriculum erstellt, das wir gerne auch Österreich zur Verfügung stellen. 

derStandard.at: Glauben Sie, wenn Sie lange genug suchen, Plagiate bei renommierten Wissenschaftern zu finden?

Beisiegel: Natürlich auch da. Es wird nie ein System geben ohne Unredlichkeiten und Fälschungen. Sie finden keinen Staat, wo es keinen Mord und Diebstahl gibt. Es gibt immer Rechtsbrecher, die gibt es auch unter Wissenschaftlern, weil Wissenschaftler auch nur Menschen sind. Wenn man eine vernünftige Aufklärung betreibt und den Druck aus dem System nimmt, also entschleunigt, dann werden die Plagiate weniger. Wissenschaft sucht eigentlich die Wahrheit und wenn Wissenschaftler diesen Anspruch haben, gibt es weniger Plagiate. Im Unterricht mit jungen Leuten stoße ich diesbezüglich auf sehr große Offenheit, deshalb setze ich meine Hoffnungen auch klar auf die kommenden Generationen. (Teresa Eder, Sebastian Pumberger/derStandard.at, 07.05.2010)


Zur Person

Ulrike Beisiegel ist ab Jänner 2010 die erste Präsidentin der Universität Göttingen. Sie studierte Biologie und Biochemie und war nach ihrer Habilitation am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf tätig, derzeit ist sie dort Direktorin des Instituts für Biochemie und Molekularbiologie. Außerdem arbeitet sie als Ombudsfrau für die Deutsche Forschungsgemeinschaft und als Vorsitzende der wissenschaftlichen Kommission im deutschen Wissenschaftsrat. In Österreich ist Beisiegel seit Juni 2009 Vorsitzende der Kommission der neugegründeten "Agentur für wissenschaftliche Integrität", die noch von Wissenschaftsminister Johannes Hahn ins Leben gerufen wurde.

  • Beisiegel ist besorgt über die Fülle an wissenschaftlichen Publikationen: "Es ist eine Geschwindigkeit in das Wissenschaftssystem gekommen, die sich sehr negativ auf die Qualität auswirkt."
    derstandard.at/eder

    Beisiegel ist besorgt über die Fülle an wissenschaftlichen Publikationen: "Es ist eine Geschwindigkeit in das Wissenschaftssystem gekommen, die sich sehr negativ auf die Qualität auswirkt."

  • Die meisten Fälle von wissenschaftlichen Fehlverhalten in Deutschland kommen aus dem Bereich der Biowissenschaften.
    derstandard.at/eder

    Die meisten Fälle von wissenschaftlichen Fehlverhalten in Deutschland kommen aus dem Bereich der Biowissenschaften.

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