Schwaches Herz schwer unterschätzt

6. Mai 2010, 10:45
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Mangelndes Bewusstsein und häufig unzureichende Behandlung für eine sehr ernste Erkrankung

Wien - Verbreitet und unterschätzt: Rund eine Viertel Million Österreicher leiden an Herzschwäche - bei weitem nicht alle wissen von ihrer Erkrankung. Die Sterblichkeit ist höher als bei den meisten Krebsformen. Die Versorgung der Betroffenen ist in Österreich unzureichend, kritisieren Experten anlässlich des 1. Europäischen Tages der Herzschwäche. Obwohl effiziente Therapien zur Verfügung stehen, werden diese zu wenig genutzt.

„Für Herzinsuffizienz gibt es sehr gute therapeutische Möglichkeiten. Doch sie kommen nicht immer in ausreichendem Maß zur Anwendung", betonte heute bei einem Pressegespräch anlässlich des 1. Europäischen Tages der Herzschwäche Hans Altenberger (Paracelsus Medizinische Privatuniversität/SALK, Salzburg), Arbeitsgruppe Herzinsuffizienz in der Österreichischen Kardiologischen Gesellschaft (ÖKG) und bedauert, dass ambitionierte Versorgungsmodelle in Österreich an der Finanzierung scheitern.

In Europa rechnet die Europäische Kardiologengesellschaft (ESC) mit rund 28 Millionen Betroffenen, allein in Österreich ist von etwa 250.000 Menschen mit Herzinsuffizienz auszugehen. 27.000 Patienten werden hierzulande jährlich infolge einer Herzinsuffienz stationär aufgenommen. „Was häufig unterschätzt wird: Herzschwäche ist für die betroffenen Patienten nicht nur mit einer massiven Einschränkung ihrer Lebensqualität verbunden, sondern auch mit einer besonders hohen Sterblichkeit", warnt Irene Lang (AKH Wien/Medizinische Universität Wien), Präsidentin der ÖKG. „Die Sterberate innerhalb von fünf Jahren ist höher als die der meisten Krebsarten, nur bei Lungenkrebs ist die Lebenserwartung noch schlechter. Und bei Menschen mit Herzinsuffizienz kommt es sechs- bis neunmal so häufig zu einem tödlichen Herzstillstand wie in der Allgemeinbevölkerung."

Hohe Kosten, aber auch großes Einsparungspotenzial

Herzinsuffizienz ist nicht nur eine medizinische Herausforderung, sondern auch eine gesundheitspolitische, weil sie mit besonders hohen Belastungen für das Gesundheitssystem verbunden ist. Zwischen zwei und vier Prozent der Gesamtausgaben des Gesundheitsbudgets werden allein für die Behandlung von Herzinsuffizienz aufgewendet - das sind in Österreich mehr als 350 Millionen Euro. Zwei Drittel davon fallen auf Spitalskosten. „Würden die Therapien, die es für die Herzinsuffizienz gibt, effektiv genutzt und die Behandlungsstrukturen optimiert, könnten damit also enorme Kosten im Gesundheitswesen eingespart werden", sagt die Kardiologen-Präsidentin.

Der weiten Verbreitung der Herzinsuffizienz steht häufig ein mangelndes Problembewusstsein gegenüber. In einer Umfrage unter knapp 8.000 Personen in ganz Europa wurde das Wissen in der Bevölkerung über Schlaganfall und Herzinsuffizienz verglichen: Während etwa die Hälfte der Befragten Symptome des Schlaganfalls richtig zu deuten wissen, ist das bei typischen Herzschwäche-Anzeichen nur bei drei Prozent der Fall. Nicht minder problematisch: 35 Prozent der Befragten halten Medikamente für eine ungeeignete Therapie gegen Herzinsuffizienz, fast zwei Drittel glauben, Schrittmacher seien keine adäquate Behandlungsmöglichkeit.

Um Betroffene, ihre Angehörigen, aber auch ihre Behandler für das Problem Herzinsuffizienz zu sensibilisieren, hat die Heart Failure Association der Europäischen Kardiologischen Gesellschaft (HFA/ESC) heuer erstmals den ersten Europäischen Tag der Herzschwäche (8. Mai) initiiert. „Ziel dieser Informationsoffensive ist eine bessere Aufklärung der Bevölkerung über die Risikofaktoren, Beschwerden und Symptome, Vorbeugung und Behandlungsmöglichkeiten der Herzinsuffizienz", sagt Burkert Pieske (Medizinische Universität Graz), Vorstandsmitglied der HFA/ESC.

„Die Früherkennung ist für eine frühzeitige und effektive Behandlung der Herzschwäche von großer Bedeutung - doch heute kommen nach wie vor viele Betroffene erst sehr spät zu ihrem Behandler", warnt Pieske. „Es ist daher wesentlich, ein Bewusstsein für Frühzeichen der Erkrankung wie Kurzatmigkeit bei stärkerer körperlicher Belastung, die Wahrnehmung einer abnehmenden körperlichen Leistungsfähigkeit, oder milde Wassereinlagerungen in den Unterschenkeln zu schärfen."

Diagnostische Defizite

Einer frühzeitigen Diagnose der beginnenden Herzschwäche kommt für die wirksame Behandlung große Bedeutung zu. Als wichtige diagnostische Methode hat sich neben der Echokardiographie auch die Bestimmung des Biomarkers BNP (B-Typ natriuretisches Peptid) erwiesen. „Doch hier gibt es in Österreich noch Defizite, denn der an sich sehr einfache Einsatz bei niedergelassenen Ärzten ist durch die fehlende Abgeltung eingeschränkt. Die Diagnostik der Herzinsuffizienz nach standardisierten Kriterien ist im niedergelassenen Bereich daher nur unzureichend möglich", kritisiert Pieske.

Zur Behandlung der Herzinsuffizienz stehen zwar sehr wirksame medikamentöse Therapieoptionen zur Verfügung. Doch diese werden nicht in ausreichendem Maße eingesetzt, gibt Pieske außerdem zu bedenken.

„Neben der medikamentösen Therapie stehen zur Behandlung der Herzschwäche heute verschiedene Kategorien implantierbarer Geräte zur Verfügung, die nicht nur eingreifen können, wenn das Herz zu langsam arbeitet, wie die einfachen Herzschrittmacher, sondern auch komplexe Dinge beherrschen", sagt Friedrich Fruhwald (Medizinische Universität Graz), AG Herzinsuffizienz der ÖKG. Hier gibt es aber durchaus noch Nachholbedarf: Österreich liegt in Sachen implantierbare Geräte bei Herzinsuffizienz im europäischen Mittelfeld.

Vorzeigemodell Kardiomobil Salzburg

Ein Beispiel für ein sehr erfolgreiches Modell optimierter Versorgung von Herzinsuffizienz-Patienten ist das Projekt Kardiomobil in Salzburg, das landesweit installiert ist. Die Betroffenen werden von  Krankenschwestern zu Hause besucht, betreut und geschult. „Eine Auswertung zeigt unter anderem, dass fast ein Drittel der erstmals besuchten Patienten ihre Medikation abgesetzt oder reduziert hatten. Eine frühe Intervention konnte in den meisten Fällen eine stationäre Einweisung verhindern", unterstreicht Altenberger den großen Nutzen des Programms. (red)

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