"Die FPÖ hat keine Tabus"

6. Mai 2010, 12:18
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Der Autor des Buchs "Blausprech" über Wahlkampfstrategien und warum der FPÖ beim Stimmenfang nichts peinlich ist

Die FPÖ setze mit ihren Wahlkämpfen Standards. Vor allem bei Jugendlichen hat sie die Konkurrenz bereits ausgebremst, die Kommunikation wird hoch professionell vom Bund aus zentral gesteuert: Zu diesem Ergebnis kommt der Autor Benedikt Narodoslawsky in seinem Buch "Blausprech". Darin analysiert er die politische Kommunikation der Freiheitlichen. Im Interview spricht er darüber, was ihn überrascht hat, was eine Wahl-Gegenstrategie zur FPÖ sein könnte und welche Rolle Parteichef Heinz-Christian Strache einnimmt.

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derStandard.at: Warum haben Sie das Buch geschrieben?

Benedikt Narodoslawsky: Ich habe im Jänner 2008 ein Thema für meine Diplomarbeit gesucht und zu der Zeit war das bestimmende Thema in den Medien der Islam-Sager der FPÖ-Spitzenkandidatin Susanne Winter im damaligen Graz-Wahlkampf. Ich wollte untersuchen, wie es möglich war, dass eine unbekannte, unbedeutende Kommunalpolitikerin es innerhalb kurzer Zeit schafft, ein riesiges Medieninteresse zu erzeugen und über Nacht in ganz Europa bekannt zu werden. Schließlich hat sich die Arbeit auf die gesamte politische Kommunikation der FPÖ ausgeweitet. Mein Verleger hat die Diplomarbeit gelesen und wollte daraus in aktualisierter Form ein Buch machen.

derStandard.at: Medien und darin präsent zu sein, scheint eines der wichtigsten Dinge für die FP zu sein.

Narodoslawsky: Am Ende zählen natürlich die Wählerstimmen. Aber es stimmt, dass es für die Freiheitlichen sehr wichtig ist, ständig in den Medien präsent zu sein. Das schaffen sie mithilfe verschiedener Methoden. Die erfolgreichste davon ist die gezielte Provokation. Zwar hat die FPÖ im Grazer Wahlkampf etwas über die Stränge geschlagen, aber in der Regel freut sie sich, wenn die Medien ihre Provokationen als Skandale hochkochen. Sobald über provokante Slogans wie "Daham statt Islam" oder "Abendland in Christenhand" diskutiert wird, hat sie schon gewonnen. Denn dann beherrscht ihr Lieblingsthema die Medienberichterstattung. Je lauter und öfter die Gegner schreien, desto lauter und öfter hören die FPÖ-Fans die Slogans. Es gibt nur ein Thema, das die FPÖ in der breiten Öffentlichkeit vermeiden will und das ist das Thema Nationalsozialismus. Da tut sie sich schwer.

derStandard.at: Das gelingt ihr schlecht.

Narodoslawsky: Ja. Das liegt einerseits an ihren Wurzeln: Der erste FPÖ-Parteiobmann, Anton Reinthaller, war ein hochrangiger Nazi und hat Hitler sogar als Staatssekretär in Berlin gedient. Sein Nachfolger, Friedrich Peter, war Mitglied der berüchtigten Waffen-SS und ist ihr freiwillig beigetreten. Jörg Haiders Eltern waren überzeugte Nationalsozialisten. Und Strache hat selbst einmal gesagt, dass Norbert Burger ein Vater-Ersatz für ihn war - also jener Mann, den das DÖW als Österreichs wichtigsten Neonazi bezeichnet hat. Da braucht man die Paintball-Fotos gar nicht erwähnen...

Andererseits kokettiert die FPÖ immer wieder mit dem rechten Rand. Sei es dass Strache die "Lausbuben von Ebensee" verharmlost oder dass er und Barbara Rosenkranz dubiose Aussagen zum Verbotsgesetz machen. So halten sie den rechtsextremen Pool von Wählern bei Laune, der Schätzungen nach bei etwa vier Prozent liegt. Ich glaube, dass viele der versteckten Anspielungen, die auf diese Wählerschicht abzielen, vom FPÖ-Durchschnittswähler als solche gar nicht verstanden werden. Die lassen sich davon kaum abschrecken.

derStandard.at: Wie wichtig ist Herbert Kickl (Generalsekretär, Anm.) - als oft genannter Mastermind der FP für die Partei?

Narodoslawsky: Ich habe einmal von einem blauen Funktionär gehört: "Der Kickl ist das Hirn, der Strache das Herz". Kickl steckt hinter den erfolgreichen Wahlkämpfen der FPÖ und hat dadurch einen sehr hohen Stellenwert in der Partei. Er ist es wohl auch, der der rechten Partei ein linkes Image verpassen will und sie als "soziale" Heimatpartei definiert hat. Ohne moralisch werten zu wollen: Ich halte den Kickl für einen genialen Kopf. Der versteht seinen Job. Und ich denke, die FPÖ hat ein großes Glück, dass sie so einen talentierten Marketing-Mann in ihren Reihen hat.

derStandard.at: Was ist der Strache für die FPÖ? Die Pappfigur davor?

Narodoslawsky: Strache ist schon ein begabter Politiker. Aber nicht mehr. Sein Vorteil ist: Er redet nicht schlecht, er ist ein hübscher Mann und er kommt gut an. Er lässt sich also super vermarkten und wirkt als jugendlicher Kandidat authentisch. Und er gibt der Partei, die gegen die politische Klasse und die political correctness wettert, ein rebellisches Gesicht. Das ist aber nichts Neues. Jörg Haider hat die Rolle des jungen, dynamischen Rebellen schon zwanzig Jahre vor Strache verkörpert. Nur sind sich Politikexperten einig, dass Haider im Unterschied zu Strache ein sehr, sehr viel begabterer Politiker war.

derStandard.at: Wird die Partei auf Strache zugeschnitten oder umgekehrt, Strache auf die Partei?

Narodoslawsky: Grundsätzlich drückt jeder Parteichef seiner Partei den Stempel auf. Dass Strache jugendlich wirkt, nützt die Partei natürlich gekonnt aus. Wäre Martin Graf oder Andreas Mölzer Parteichef, könnte sich die FPÖ vermutlich sehr rasch von einem beträchtlichen Teil der Jungwähler verabschieden. Im Wesentlichen bedient die FPÖ zwei Schienen: die ideologische und die Party/Disco/Comic-Schiene. Für diesen unpolitischen Zugang eignet sich Strache perfekt - vor allem für die junge Wählerschaft. Obwohl Josef Pröll, Eva Glawischnigg und Josef Bucher fast gleich alt sind wie Strache, ist er der einzige von allen, der als jugendlicher Kandidat glaubwürdig vermarktet wird. Eine breit angelegte Jugendstudie hat gezeigt, dass die Jugend Strache zwar einerseits wählt, weil er so "cool" wirkt. Andererseits wählen die Jungen die FPÖ aber vor allem, weil die Frage der Zuwanderung für sie das mit Abstand wichtigste Thema ist.

derStandard.at: Wenn es um Wahlkampf und Strategie geht, was hat die FPÖ anderen Parteien voraus?

Narodoslawsky: Sie emotionalisieren am stärksten und sind am lautesten. Die FPÖ argumentiert bewusst für den Bauch und nicht für den Kopf. Sie macht sozusagen eine "Bauchg'fühl-Politik", spricht Probleme an und schürt Ängste. Eine Studie über die Elefantenrunde im Nationalratswahlkampf 2008 hat das gezeigt: Während die anderen Kandidaten meist Lösungen präsentierten, war Strache der aggressivste und destruktivste Gesprächspartner. Das heißt, er hat die Gegner attackiert, Probleme aufgezeigt und Schuldige gefunden. Aber die Lösungen, die hat er nicht gefunden. Offensichtlich reicht es aus, dass man nur Probleme anspricht, um von vielen Menschen gewählt zu werden. Das belegen auch Umfragen: Ein großer Teil der FP-Wähler wählte 2008 in erster Linie nicht für die FPÖ, sondern gegen die anderen Parteien.

derStandard.at: Ist dieses Destruktive ein Teil der Strategie? Das Hinhauen und dann wehleidig werden?

Narodoslawsky: Ja. Die FPÖ kommt mir manchmal vor wie ein Lausbub, der etwas anstellt, ertappt wird und dann schreit: "Ich hab ja gar nichts gemacht. Alle sind so gemein zu mir und die ganze Welt ist gegen mich." Das ist eine super Taktik: Zuerst provozieren und attackieren die Freiheitlichen, kurz darauf springen die Medien auf, kritisieren die FPÖ dafür und transportieren gleichzeitig ihre Themen. Dann spielt die FPÖ die blaue Opferrolle und plakatiert im Wahlkampf: "Sie sind gegen ihn. Weil er für euch ist." Dass die Opferrolle kalkuliert ist, beweist ein geheimes, freiheitliches Grundlagenpapier, das in der EU-Wahl 2009 dem "Standard" zugespielt wurde, aber eigentlich für blaue Funktionäre als Hilfe für Stammtischdebatten gedacht war. Darin hat man lesen können, dass es das Hauptziel aller Parteien sei, die FPÖ zu schwächen. Die Überschrift war: "Alle gegen die FPÖ - 'Viel Feind', viel Ehr'".

derStandard.at: Was steckt hinter dem Plan, die Wien-Wahl zu einem Zweikampf hochzuspielen?

Narodoslawsky: Vor der letzten Wahl war die FPÖ bereits zweitstärkste Kraft hinter der SPÖ, also ist die Herausforderer-Rolle der FPÖ durchaus glaubwürdig. Dazu kommt, dass die VP-Spitzenkandidatin Marek nicht so polarisiert wie Strache und auch, dass Häupl in ihm sicher eine größere Gefahr sieht als in ihr. Die FPÖ-Idee, es auf zwei Kandidaten zuzuspitzen, war schon im Jahr 2005 erfolgreich. Schon damals hat Strache das "Duell um Wien" ausgerufen und sich als Häupls Herausforderer plakatieren lassen, obwohl die FPÖ katastrophale Umfragewerte hatte. Es war 2005 taktisch klug, weil sich die damals schwache FPÖ am Plakat auf Augenhöhe mit Häupl bewegt hat und somit stärker gewirkt hat als sie tatsächlich war. Heute ist ebenso klug, weil die anderen Parteien zwischen der SPÖ und FPÖ zerrieben werden könnten. Auch Häupl könnte im Kampf gegen Strache Wähler mobilisieren - das Duell nutzt also vermutlich beiden Parteien.

derStandard.at: Würde man eine Gegenstrategie zur FP entwickeln: Was ist die Schwachstelle?

Narodoslawsky: Einerseits das freiheitliche Angstthema Nationalsozialismus. Von dem braunen Mief können sich die Blauen offensichtlich auch mit eidesstattlichen Erklärungen schwer befreien. Andererseits die fehlende Lösungskompetenz. Sachlich wird die FPÖ nie an die Spitze kommen. Drängt man sie ins sachpolitische Eck, tut sie sich also schwer. Emotional ist das freilich ganz anders. Da sind die anderen Parteien weit abgeschlagen. Denn die FPÖ macht in ihren Wahlkämpfen vieles richtig: Sie visualisiert sehr gut, sie personalisiert gut, sie macht Polit-Marketing auf höchstem Niveau und sorgt in Wahlkämpfen für Spannung - mit Comics, Raps und so weiter. Denen ist es nicht zu blöd, dodeleinfache Slogans zu formulieren. Denen ist es egal, ob sich ihre Gegner darüber das Maul zerreißen, sondern die schauen darauf, dass es für die Zielgruppe passt. Die FPÖ ist total ergebnisorientiert und hat keine Tabus. Sie schreckt vor Peinlichkeiten nicht zurück. Anderen Spitzenkandidaten wäre es peinlich, sich als nackten, Bier saufenden Comic-Superhelden illustrieren zu lassen. Dem Strache nicht.

derStandard.at: Was war am Ende des Buchs das Erstaunlichste für Sie?

Narodoslawsky: Wie professionell die Partei ist. Und dass es ihnen total egal ist, was die anderen über die Kampagnen sagen. Kickl hat mir erzählt, dass es ihn freut, wenn darüber diskutiert wird, ob seine Reime gut oder schlecht gereimt sind. Hauptsache, es wird darüber diskutiert. Die Reime sind ja Kindergartenreime. Aber das ist das Erfolgsgeheimnis: Je einfacher, desto besser. Damit gewinnt man keinen Literaturnobelpreis. Aber man gewinnt Wähler. An "Daham statt Islam" erinnert sich heute noch jeder. Aber ich erinnere mich nicht mehr an den Wahlkampfslogan der Grünen aus dem Jahr 2006. (nik, derStandard.at, 6.5.2010)


  • "Die Reime sind Kindergartenreime. Aber das ist das Erfolgsgeheimnis: 
Je einfacher desto besser. Damit gewinnt man keinen Literaturnobelpreis.
 Aber man gewinnt Wähler."
    foto: matthias cremer

    "Die Reime sind Kindergartenreime. Aber das ist das Erfolgsgeheimnis: Je einfacher desto besser. Damit gewinnt man keinen Literaturnobelpreis. Aber man gewinnt Wähler."

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    "Anderen Spitzenkandidaten wäre es peinlich, sich als nackten, Bier saufenden Comic-Superhelden illustrieren zu lassen. Dem Strache nicht."

  • Leitet die Wahlkämpfe der FPÖ: Herbert Kickl.
    foto: matthias cremer

    Leitet die Wahlkämpfe der FPÖ: Herbert Kickl.

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