Die lange Reise zum Wiener Arbeitsmarkt

Andrea Heigl , 06. Mai 2010 19:20
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    Foto: standard/andy urban

    Carolina und Leonardo Fleischmann haben in Brasilien jahrelang als Zahnmediziner gearbeitet. In Österreich dürfen sie das nicht - der Weg zur Nostrifikation ihrer Ausbildung kann Jahre dauern

Jahrelang haben sie in Brasilien als Zahnmediziner gearbeitet. In Österreich dürfen sie das nicht - der Weg zur Nostrifikation ihrer Ausbildung kann Jahre dauern

Studium, Berufserfahrung und Deutschkenntnisse genügen für Migranten oft nicht: Eine Ausbildung anerkennen lassen, kann in Österreich Jahre dauern

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Wien - Auf dem Papier war Leonardo Fleischmann schon immer Österreicher. Der Enkel eines österreichischen Auswanderers ist in Brasilien geboren und aufgewachsen. In die Heimat seines Großvaters zu gehen, diesen Traum hat er lange gehegt und Anfang 2009 mit seiner Frau Carolina verwirklicht. Die Fleischmanns sind durchaus vorbildliche Zuwanderer: Beide haben Zahnmedizin studiert und jahrelang in dem Beruf gearbeitet; sie haben in Österreich Deutschkurse belegt, Arbeit gesucht - und gefunden. Bis sie hier als Mediziner arbeiten können, stehen ihnen aber noch einige Semester Studium bevor. Ihre Ausbildung muss erst nostrifiziert werden.

Viele sind unter Qualifikationsniveau beschäftigt

67 Prozent aller arbeitslosen Akademiker in Wien sind Migranten, besagt der aktuelle Integrationsmonitor der Stadt. Wie die Fleischmanns, die derzeit als Zahnarztassistenten arbeiten, sind außerdem viele unter ihrem Qualifikationsniveau beschäftigt, weiß Norbert Bichl vom Wiener Beratungszentrum für Migranten, das - unterstützt vom Wiener ArbeitnehmerInnen Förderungsfonds (waff) - Zuwanderern hilft, ihren Platz auf dem österreichischen Arbeitsmarkt zu finden.

Ärzte oder Architekten können hier nur arbeiten, wenn ihre Ausbildung anerkannt wird. Auch wer als Pädagoge oder Krankenpfleger von der Stadt angestellt werden will, muss nachweisen, dass seine Ausbildung dem österreichischen Niveau entspricht. Gerade für Kindergartenpädagogen aus dem Ausland eine absurde Situation: Haben sie doch im Gegensatz zu den österreichischen Kollegen meist studiert.

"Bloß wie Hilfsarbeiter"

Viele Firmen würden zudem versuchen, durch die Einstellung von Zuwanderern Geld zu sparen, sagt Bichl: "Oft werden Facharbeiter aus dem Ausland beschäftigt, deren Ausbildung hier nicht anerkannt ist, denn laut Kollektivvertrag müssen sie bloß wie Hilfsarbeiter bezahlt werden."

Schlechte Beratung

Die Fleischmanns haben bereits erste Hürden, etwa zu Carolinas Aufenthaltstitel, genommen - und dabei auch schlechte Erfahrungen gemacht. "Wir wurden oft respektlos behandelt und nicht richtig beraten." Das kostete Zeit, Geld, Nerven. Dabei ergehe es ihnen wegen des österreichischen Namens besser als anderen, meinen sie.

Lernstoff auf Deutsch bereitet Bauchweh

Während Carolina erst einmal weiter in einer Zahnarztpraxis arbeiten und Deutsch lernen möchte, beginnt Leonardo im Herbst mit dem Nostrifizierungsprozess an der Uni Innsbruck. Er muss Prüfungen über das gesamte Studium absolvieren, dann entscheidet ein Professor, was nachzuholen ist. Nicht nur der umfangreiche Lernstoff auf Deutsch bereitet ihm Bauchweh: "Ich habe schon viele komische Geschichten gehört, vor allem über Ausländerfeindlichkeit an den Unis."

Drei Jahre kann es dauern

Ein, zwei, vielleicht auch drei Jahre wird es dauern, bis Leonardo in Österreich als Arzt arbeiten kann. Auf Carolina, die hofft, in vier Jahren die Staatsbürgerschaft zu erhalten, wartet der gleiche Prozess. "Wir dachten, es wäre ein bisschen einfacher", sagen die beiden - "aber für unsere Zukunft hier nehmen wir das in Kauf."(Andrea Heigl, DER STANDARD Printausgabe 6.5.2010)

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potemtweller
30.07.2010 14:34

kann man den dipl.ing. in elektrotechnik aus tirana, albanien, wirklich mit dem dipl.aus wien(tu) gleichstellen?

Paolo64
08.05.2010 08:02
Oha, der Std. kennt das Wort Migrant.

Normalerweise liest man ja nur von Asylanten. Ein repräsentatives Migrantenpaar hat man sich für diesen Artikel nicht ausgesucht - das ist 'handeverlesen'.
Vielleicht sind gerade die Masse der Asylanten dafür verantwortlich wie die Migranten generell behandelt werden?

Timagoras
 
27.05.2010 11:23
"Vielleicht sind gerade die Masse der Asylanten dafür verantwortlich wie die Migranten generell behandelt werden?"


für schlechte behandlung von menschen (ob individuen oder gruppen) gibt es keine entschuldigung.

rhaino
11.05.2010 17:39

Vielleicht ist gerade die Masse der Österreicher dafür verantwortlich, wie Zuwanderer behandelt werden?

Paolo64
11.05.2010 18:57
ich habe einen grossen Bekanntenkreis...

... aber kein Entscheidungsträger diesbezüglich befindet sich dabei...

gratis trinken
07.05.2010 18:13

echt schrecklich, dass es nie so funktioniert wie mans gern hätte.

und schuld sind immer die anderen.

aha , hier ist mein senf :
06.05.2010 17:14

bei der putzfirma meines vorigen arbeitgebers gab es eine putzfrau die seit dem jugoslawienkrig in österreich ist, in ihrer heimat war sie professorin, und hat in den pausen bücher gelesen, hatte einen starken akzent, hat aber gut deutsch gesprochen.

soetwas empfinde ich als frechheit.

irgendwelche dahergelaufenen ceo´s und prominente bekommen ehrendoktorate und halten reden und werden zu lehrveranstaltungen an unis eingeladen.

wenn ich lese das akademiker mit berufserfahrung in österreich in ihrem bereich nicht arbeiten dürfen muss ich immer an die bezeichnung bananenrepublik denken.

diamant
 
06.05.2010 17:03
Was fuer eine Schande!

Und wieviel Geld und Hirnschmalz rinnt dem Land durch soviel Dodelei eigentlch durch die Finger.....

Dante Alighieri
06.05.2010 16:40

Typisch Österreich halt -- und diese Besitzstandswahrung wird von den treuen Kammerpostern weiter unten auch noch verteidigt ^^ Kein Wunder dass in Österreich jeder Handgriff so teuer ist.

Ravenhorst
06.05.2010 16:35
ich war lange Jahre Holzknecht in Österreich

darf ich jetzt in der Türkei Forstwirtschaftsminister werden??

LPFe
25.05.2010 11:14
genau wegen solch Leute wie Ihna ...

dürfen die 2 nicht arbeiten, was sie gelernt haben
oder glauben's gar, die Holzknecht-Ausbildung in Ö ist mit einem agrarwissenschaftlichen Studium in TR verlgleichbar ? schauen's und das ist der Grössenwahn, dem die Österreicher unterliegen, und dann sind's immer so angrührt, wenn's in PISA unter aller Sau abschneiden

BatoutofHell
06.05.2010 18:04
Holzknecht

wenn´s was gelernt hätten, ja.

Johannes G.
06.05.2010 15:35

Ich finde es auch eine Frechheit, dass jemand erst eine Prüfung ablegen muss, bevor er Patienten behandeln darf. Mensch ist Mensch und Zahnarzt ist Zahnarzt.
Da ist ist es doch egal wo man studiert hat !

Und wozu auch noch Deutsch lernen ? Wozu braucht bitte ein Zahnarzt Deutsch ??

Lukas Chen
11.05.2010 15:04
Qualification eines Berufs ist eben verschieden

Die Qualitaet der Erziehung zum Zahnarzt oder irgend einem anderen Fachberuf ist in vielen Laendern sehr verschieden; aus guter Erziehung kommen auch bessere Zahnaerzte. Deshalb ist es notwendig, eine Pruefung vorerst abzulegen.

ela vie
06.05.2010 14:44
zahnmedizin studiert

heisst nicht unbedingt, dass das ein medizin- mit nachfolgendem facharztstudium war. in bra sagt man zu allem was so ähnlich ist wie eine fh studieren und dentista wird man schnell...

aha , hier ist mein senf :
06.05.2010 18:38

bei uns werden lernende die in uniählnlichen einrichtungen (fh´s) lernen auch als studenten bezeichnet.
es gibt halt noch keine fh med, bin gespannt wann die övp auf die idee kommt med fh´s zu machen.

springflower
06.05.2010 14:29
Das ist eine Unzumutbarkeit, die auf jeden Fall

geändet gehört! Gerade die Konservativen, die ja der Globalisierung und der kostenlosen Öffnung der Universitäten für alle EU-Bürger zusprechen sind nicht in der Lage, diesen sinnlosen Bürokratismus für Menschen, die bereits jahrelang im Ausland ihren akademischen Beruf ausgeübt haben, abzuschaffen!

question-mark
 
06.05.2010 13:53
Das System der Kammern

Das Kammernsystem (egal ob Ärztekammer, Anwaltskammer, Friseure, Bäcker, etc, etc, .....) hat immer den "vorgeschobenen" Zweck, den Standard der Ausbildung und die Qualität der Leistung für die Kunden zu garantieren.

Der eigentliche Zweck der Kammern ist aber natürlich den jeweiligen Markt "intern" zu kontrollieren. Entweder durch eignen Kommisionen und Prüfungen, oder durch Lobbying beim Gesetzgeber.

Eine Zuwanderung von qualifizierter Konkurenz läßt sich zwar nicht verbieten, aber durchaus behindern.

quick mouse
06.05.2010 13:30
als österreichische ärztin ohne abgeschlossenen turnus

oder facharztausbildung darf ich in österreich auch nicht arbeiten. anders als unsere deutschen kollegen, die ausschließlich durch das absolvierte studium approbiert sind und hier selbständig als ärzte sofort anfangen können.
es werden also auch österreichische ärztInnen schlechter behandelt als ausländische.
soll noch eine/r sagen, es gäbe hierzulande keine gleichbehandlung ...

Plus Lucis
06.05.2010 12:22

Ich finde gewisse Hürden bei ärztlichen Berufen auch bei gleichwertiger Ausbildung nicht abwegig.

Ein erfahrener österreichischer Arzt muss im Ausland auch die Eigenheiten der medizinischen Sprache und der Landesregelungen verstehen können, um keinen Mist zu bauen.

naihoit
06.05.2010 10:38
Ist doch schön, daß die MedizinerInnen das so gesittet austragen,

im Drogenmilieu würden sie erschossen.
Und: solange wir zwischen - gut für uns und Gut für alle- nicht unterscheiden können oder wollen tragen wir bei.

naihoit
06.05.2010 10:32
Ein Arzt mehr = viel Gage weniger für die, die schon sind.

Simba
06.05.2010 09:41
Österreich hat bei sehr vielen Berufen

eine wesentlich längere, härtere Ausbildung als andere europäische Länder oder Drittstaaten.

Ich weiß es nur bei Rechtsanwälten - überall sonst kannst nach dem Studium deine eigene Kanzlei aufmachen. Nur in Ö wirst du gezwungen noch 5 Jahre den Lakeien und Sklaven zu spielen (das ganze ohne Pensionsversichert zu sein) und musst danach noch eine Prüfung machen, die sich gewaschen hat.

Ist bei den Architekten und Zahnmedizinern nicht viel anders.

Die Fleischmanns fahren mit dem Zeitaufwand für ihre Ausbidlung wahrscheinlich noch gut im Vergleich zu jedem, der hier Zahnmedizin studiert hat (wobei ich mir sicher bin, dass die Fleischmanns selber das eh kapieren, nur der Standard muss einen eher absurden Tränenartikel draus machen)

The Argonaut
06.05.2010 10:02

Nein - die Fleischmanns haben keine Vorteile, das Studium nicht in Österreich gemacht zu haben. Denn nach der Nostrifikation sind sie gleichwertig zu einem Uni-Absolventen, also müssen sie die gleichen blöden Nachqualifikationsausbildungen wie jeder andere Jungabsolvent machen. Zu glauben, nur die österreichische Ausbildung ist die einzig wahre ist schlicht arrogant. Ich kenne persönlich einen Fall einer Ärztin aus Australien - 3 Jahre Praxiserfahrung aber in Österreich müßte sie nostrifizieren. Ach ja, hab ich vergessen, in Australien bekommt man das Medizinstudium geschenkt und dort sterben auch die Leute wie die Fliegen.

Simba
06.05.2010 11:00
und weil sie

den ganzen Nachqualifikationsquatsch noch machen müssen, dauert es 1-3 Jahre, bis die beiden als Zahnmediziner arbeiten können ;) Ich nehme an, das wollen sie.

Und ich Eumel hab immer gedacht für so eine Facharztausbidlung braucht man einen Turnus und der dauert 6 Jahre.

Najo, ich finds halt nicht so dramatisch.

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