"Bologna" hilf – Uni braucht Frei(heits)räume

5. Mai 2010, 19:03
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Der Bologna-Prozess bietet Chancen – wenn er erweitert wird: freier Zugang zum Bachelor, Studiengebühren für den Master

Kaum ein Politikbereich scheint im derzeitigen Österreich neben der Steuer- und Finanz(krisen)politik so umstritten zu sein wie die Hochschulpolitik. Die Diskussion über Zugangsregelungen und Studiengebühren dreht sich im Kreis. Schlagworte und Worthülsen sind in aller Munde - Employability und Studienplatzfinanzierung à la Fachhochschulen und andere Versatzstücke werden von diversen Seiten den Universitäten angepriesen. ÖVP und SPÖ können sich neuerdings sogar vorstellen, anstelle des sogenannten Notfallsparagrafen Zugangsbeschränkungen und Aufnahmeprüfungen als Regel einzuführen. Kein "Schuster" (Wissenschafter, Politiker, Ministerialbeamter, Hochschulmanager, wirtschaftlicher Stakeholder, Studierender) bleibt mehr bei seinem Leisten. Fast jedermann fühlt sich berufen, Patentrezepte zu verkünden. Ausgewogene und ausdifferenzierte Gesamtkonzepte sind dabei Mangelware.

Innovative Konzepte gefragt

Die Hochschulreform der Ära Kreisky mit ihrem Anspruch, die Universitäten zu demokratisieren und den Zugang radikal zu öffnen, hatte ohne Zweifel ihre großen Verdienste. Auch Mitbestimmung stößt jedoch irgendwann an (ihre) Grenzen. Spät, aber doch wurde daher mit dem Universitätsorganisationsgesetz 1993 nachjustiert und mit der Teilrechtsfähigkeit der Universitäten deren Ende als staatliche Verwaltungsapparate eingeläutet.

Ganz im Sinne der um die Jahrtausendwende vorherrschenden neoliberalen Tendenzen folgte mit dem Universitätsgesetz 2002 der nächste Modernisierungsschub - Autonomie wurde verordnet und New Public Management sollte in die verbeamteten Elfenbeintürme der Alma Mater einziehen. Zuvor wurde noch rasch pragmatisiert, was das Zeug hergab. Seither sind dennoch viele positive Entwicklungen an den Universitäten eingetreten.

Die Finanz- und Wirtschaftskrise und die mit der Etablierung eines europäischen Hochschulraumes verbundenen Herausforderungen verlangen aber mehr Nachhaltigkeit im Wirtschaften, mehr Innovation im Konzeptuellen und mehr Kontrolle und Zurückdrängen von Partikularinteressen innerhalb und außerhalb der Universitäten.

Natürlich ist (auch) im Hochschulbereich vieles eine Frage des Geldes. Die bloße Forderung nach mehr Geld, wie sie erst unlängst bei einer Konferenz für Universitätsräte im Wissenschaftsministerium immer wieder vorgetragen wurde, greift aber ebenso zu kurz wie das gebetsmühlenartig wiederholte Lamento über die Abschaffung der Studiengebühren - auch wenn hier nicht bezweifelt werden soll, dass moderate Studiengebühren ihre guten Seiten hatten und haben könn(t)en.

Neuerdings soll das Rad der Universitätsgeschichte überhaupt zurückgedreht werden und der sogenannte Notfallsparagraf (mit Zugangsbeschränkungen und Aufnahmeprüfungen unabhängig von der Staatsbürgerschaft) der Regelfall werden. Was fehlt, ist ein überzeugendes Konzept, das den begrenzten wirtschaftlichen Ressourcen der öffentlichen Hand Rechnung trägt und Hochschulbildung einen prioritären hohen Stellenwert einräumt. Wie sollten neue Leitideen und Grundsätze einer zeitgemäßen Hochschulpolitik, fokussiert auf die Frage nach Studiengebühren und einer Regulierung des Hochschulzugangs, nun aber beschaffen sein?

Der von wirtschaftlichen (Partikular-)Interessenvertretern immer wieder bemühte Hinweis auf das "Erfolgsmodell" der Fachhochschulen hilft hier nicht weiter. Die Orientierung der Fachhochschulen an Ausbildungswünschen der Wirtschaft und ihre äußerst begrenzte Studierendenzahl dürfen den Blick darauf nicht verstellen, dass Universitäten einen anderen Bildungsauftrag und auch andere "Massen" von Studierenden zu bewältigen haben. Niemand kann ernsthaft wollen, dass eine "Ver(fachhoch)schulung" der Universitäten um sich greift. Die für Fachhochschulen vorgesehenen und gelebten Zugangsregelungen und Studiengebühren sind so gesehen sachlich gerechtfertigt für diese spezielle tertiäre Ausbildungsschiene, im Übrigen aber nicht auf den gesamten Hochschulsektor übertragbar.

Universitäten sind vielmehr eine genuin andere Qualitätskategorie im tertiären Bildungsektor. Vor allem ist zu bedenken: Bildung ist ein öffentliches Gut, von berufsorientierter Ausbildung auf Hochschulniveau kann dies so nicht gesagt werden.

Daher bietet sich die immer wieder infrage gestellte Bologna-Struktur (Bachelor und Master) nicht nur dafür an, einen europäischen Hochschulraum herzustellen, sondern dabei auch der sozialen Dimension europaweit mehr Gewicht zu verleihen. Bachelor-Studien sollten daher als universitäres Grundstudium in ganz Europa für jedermann frei zugänglich sein.

Damit könnte das traditionelle Selbstverständnis der Universitäten als der Freiheit der Wissenschaft und der Lehre verpflichteten Bildungsinstitutionen einerseits und der Leitgedanke des freien Zugangs zu Bildung im tertiären Bereich als soziales Grundrecht in zeitgemäßer Weise umgesetzt werden - ohne Studiengebühren und ohne Zugangsbeschränkungen, aber mit klaren Anforderungsprofilen und Studieneingangs- und Orientierungsphasen (die durchaus etwas strikter ausgestaltet werden könnten als im UG 2002 vorgesehen, ohne damit Knock-out-Prüfungen am Ende des ersten Studienjahres das Wort zu reden).

Bei Master-Studien hingegen bietet sich an, Zugangsregelungen auch und gerade in Massenfächern und an den sogenannten Massenuniversitäten zu implementieren und/oder die Einhebung von der Kostenwahrheit verpflichteten Studiengebühren zu erlauben, die durch ein faires Stipendiensystem abzufedern sein werden. Die gebotene Orientierung von Masterstudien an berufs- oder forschungsbezogenen Ausbildungszielen ist die sachliche Rechtfertigung für diese Ausdifferenzierung.

Gebühr als Sonderfall

In Sonderfllen, wenn (Aus-) Bildungskosten exorbitant hoch sind, wie bei bestimmten Studiengängen im medizinischen, technischen und künstlerischen Bereich, wird man nicht umhin kommen, den Hochschulzugang von Anfang an unter Gesichtspunkten der herrschenden Ressourcenknappheit via Eignungsprüfungen und moderaten (!) Studiengebühren zu reglementieren - als Ausnahme von der Regel eines von Studiengebühren und Aufnahmeprüfungen grundsätzlich freien Hochschulzuganges. Spezielle öffentliche Programme für nicht begüterte Studierende, wie es sie anderswo (Bafög in Deutschland, HECS in Australien) schon lange gibt, werden für diese "teuren" Studiengänge einzurichten sein.

Vom Gelingen innovativer, vielfältiger und neuer Ausdifferenzierungen wird also die Zukunft der Universitäten abhängen. Die Nutzbarmachung der europaorientierten Bologna-Architektur mit durchaus sozialen Dimensionen, der erfolgreiche Ausbau von New-Public-Management-Methoden und die Öffnung der Universitäten für neue Personalentwicklungskonzepte und Mitarbeitermotivation ohne Pragmatisierungsdenken werden ausschlaggebend dafür sein, ob es zu Universitäts-Bankrotten kommt oder einem Blühen der Universitätslandschaft. Kurz: Bottom-up- statt Top-down-Strategien, Frei(heits) räume und soziale Ausgewogenheit statt Neoliberalismus - das ist die Devise für Lehre und Forschung und die Zukunft der Universitäten in einem modernen Europa! (Richard Soyer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.5.2010)

Zur Person:

Univ.-Prof. Dr. Richard Soyer ist Rechtsanwalt im Büro Soyer & PartnerIn in Wien, Professor für Strafrecht (Teilzeit) an der Karl-Franzens-Universität Graz und Universitätsrat an der Medizinischen Universität Innsbruck.

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