"Situation an der Uni wird sich verschlimmern"

5. Mai 2010, 18:45
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Was halten Publizistik-StudentInnen und -Lehrende von Zugangsbeschränkungen? Der Standard hat sich umgehört

Wien - An sich wirkt alles ruhig und geordnet: Vor dem Institutseingang in der Schopenhauerstraße hat sich die übliche Raucherrunde bei den Aschenbechern versammelt. Alle paar Minuten muss man Platz machen, um vorbeigehenden Studenten die Eingangstür nicht zu versperren. Auch in der Bibliothek sind von den knapp 40 Leseplätzen (bei weit über 1000 Studienanfängern pro Jahr geradezu lächerlich wenig) noch gut eine Handvoll frei. Doch der Eindruck täuscht.

"Ich war geschockt, als ich in der Orientierungsveranstaltung saß" , erzählt Alexandra Pohl, Publizistikstudentin im zweiten Semester. "Viele Studenten mussten auf den Stiegen sitzen, manche sogar draußen am Gang."

Ihre Freundin Cosima Lindner, ebenfalls im zweiten Semester, hat beobachtet, wie sich das schlechte Betreuungsverhältnis auch auf das Niveau der Lehrveranstaltungen auswirkt: "Viele Studenten nehmen die Vorlesungen nicht ernst und schauen nur für eine halbe Stunde vorbei oder surfen währenddessen mit ihrem Laptop auf Facebook. Man fühlt sich einfach nicht angesprochen."

"Es kommt eine Ellbogenmentalität zum Vorschein" , sagt Paul Diernberger von der Studienvertretung Publizistik beim wöchentlichen Brunch der Institutsgruppe :"Außerdem gibt es durch das schlechte Betreuungsverhältnis insgesamt wenig Raum, mit Professoren Gedankengänge kritisch zu reflektieren."

Oft sind Alexandra und Cosima gar nicht erst zu Vorlesungen gegangen: "Man hat nicht immer Lust, sich eine halbe Stunde anzustellen. Und selbst dann ist nicht mal sicher, ob man einen Platz bekommt." Auch wenn sich die Situation im zweiten Semester entspannt hat, begrüßen die beiden einen Eignungstest.

Klaus Lojka, Studienprogrammleiter, sieht in der Beschränkung auf 1123 Studienplätze keine Kapazitätsmessung, sondern lediglich die Bestimmung einer Obergrenze: "Die Situation an der Uni ist schlecht und wird sich weiter verschlimmern - auch mit der Zulassungsbeschränkung."

Thomas Bauer, Professor am Institut, muss bis zu 50 Diplomanden gleichzeitig betreuen. Einen Eignungstest betrachtet er vor allem als Argument für die Qualität des Studiums:"Solch ein akademisches Ritual ist eine gute Schleuse für diejenigen, die sich bewusst und kreativ mit einem Studium auseinandersetzen und herausfinden wollen, ob es ihren Interessen entspricht". (Fabian Kretschmer, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.5.2010)

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    Studierende sitzen auf dem Boden, auf den Stiegen, manche sogar im Gang draußen. Zugangsbeschränkungen sollen den Andrang eindämmen und die Situation an den Universitäten verbessern.

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