Britisches Herzschlagfinale

6. Mai 2010, 13:37
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Nach 13 Jahren Opposition wollen die Tories an die Macht zurück, doch ein Drittel der Wähler ist noch unentschlossen

Spannung bis zuletzt: Am Tag vor der Unterhauswahl wandten sich die Vorsitzenden der drei führenden Parteien mit letzten Appellen ans Wahlvolk. Während Labour-Premierminister Gordon Brown zum "Kampf für Großbritannien" aufrief, gab sich sein Herausforderer David Cameron staatsmännisch: "Die konservative Partei möchte das Vertrauen der Menschen erwerben und das Land regieren." Der Liberaldemokrat Nick Clegg mahnte die Wähler dazu, sich "nicht mit der zweitbesten Lösung" zufriedenzugeben.

Letzten Umfragen zufolge wird der Wahlausgang am Donnerstag - erstmals seit 1974 könnte es sogar zu einem parlamentarischen Patt kommen. Noch schnell ein Flugblatt in den Briefkasten schieben, noch schnell eine Gruppe unentschlossener Wähler anrufen - die Helfer aller Parteien trotzten am Mittwoch zum letzten Mal der Müdigkeit und gingen auf Stimmenfang.

Last-Minute-Entscheidung

Trotz vierwöchigen Dauerwahlkampfs gaben sich bis zuletzt rund ein Drittel der Briten gegenüber den Demoskopen unentschlossen. Einige gestanden fröhlich, sie würden ihre Entscheidung "erst in der Wahlkabine" treffen.

Der Durchschnitt der - teils stark divergierenden - Umfragen sagt den Konservativen rund 35 Prozent (2005: 33) voraus, die bisherige Regierungspartei Labour würde demnach bei 29 Prozent (36) landen. Der Anteil für die Liberaldemokraten ging leicht auf 26 Prozent zurück. Insgesamt zehn Prozent der Wahlbürger wollten sich für kleinere Parteien, beispielsweise die Nationalisten in Schottland und Wales, oder die Grünen entscheiden.

Allerdings haben die Wahlforscher immer wieder darauf hingewiesen, dass landesweite Trends nur bedingt aussagekräftig sind. In Wirklichkeit zerfällt die Unterhauswahl in 650 Einzelteile: Jeder Wahlkreis, in dem je nach Zuschnitt zwischen 60.000 und 110.000 Stimmberechtigte leben, entsendet nur einen Abgeordneten nach Westminster. Für den Sieg reicht die relative Mehrheit, alle anderen Stimmen fallen unter den Tisch.

Dies hat in den letzten Tagen die Diskussion über ein taktisches Wahlverhalten angeheizt. Die indirekten Aufrufe von Kabinettsmitgliedern wie Peter Hain (Wales) und Ed Balls (Bildung), dort die Liberalen zu wählen, wo der Labour-Kandidat keine Chance habe, machten zweierlei deutlich: Erstens setzt im Labour-Lager kaum noch jemand auf Sieg. Zweitens gehört die eiserne Disziplin der Sozialdemokraten der Vergangenheit an. Sowohl Brown wie sein Vorgänger Tony Blair widersprachen ausdrücklich den Appellen: "Die beste Taktik ist eine Stimme für Labour" , sagte Brown.

Ernsthafte Fraktionsmitglieder haben längst mit den Vorbereitungen für die Zeit nach Brown begonnen. Als wahrscheinlich gilt ein Machtkampf zwischen dem derzeitigen Außenminister David Miliband und Browns früherem engen Vertrauten, Bildungsminister Ed Balls.

Freilich gilt Balls' Wahlkreis Normanton als gefährdet, am Ende könnte der Minister ohne Mandat dastehen. In der letzten Wahlkampfwoche haben alle Parteien ihre Strategien geändert, verloren geglaubte Bezirke mit Flugblättern überschwemmt oder Kandidaten in bisher umstrittenen Wahlkreisen im Stich gelassen.

Ohnehin wird sich die Zusammensetzung der nächsten Regierung in höchstens 200 Wahlkreisen entscheiden, die diesmal die Parteifarbe wechseln könnten. Dementsprechend rangen die Parteien um das Gehör von Wechselwählern wie Wayne Horo.

"Zeit für einen Wechsel"

Zuletzt hat sich der Besitzer einer Londoner Marketing-Agentur mehrfach für Tony Blairs New Labour entschieden. Diesmal aber, findet der 44-Jährige, sei es "Zeit für einen Wechsel" . "Also eine Stimme für die Konservativen?" , fragt deren Wahlhelferin, die an diesem warmen Frühlingsabend an Horos Tür im wohlhabenden Stadtteil Fulham geklingelt hat. "Na ja, vielleicht" , kommt die Antwort. Erst als die Dame gegangen ist, redet der Marketing-Spezialist Klartext: "Diesmal bekommen die LibDems meine Stimme."

Der deutlich höhere Stimmanteil für die dritte Kraft der britischen Politik hat vor allem mit den drei TV-Debatten zu tun, bei denen Parteichef Nick Clegg gute Figur machte und viele Unentschlossene für sich gewinnen konnte. Die konservativen Medien trommelten deshalb am Mittwoch gegen die Ungewissheit, die ein "Parlament in der Schwebe" mit sich bringen könnte. (Sebastian Borger aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 6.5.2010)

  • LibDem-Chef Nick Clegg, der in den TV-Debatten brillierte, mit Gattin Miriam González Durántez nach der Stimmabgabe.
    foto: epa/parnaby

    LibDem-Chef Nick Clegg, der in den TV-Debatten brillierte, mit Gattin Miriam González Durántez nach der Stimmabgabe.

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    Wahllokal West Blatchington Windmill

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    Wahlkampfabschluss: Der konservative David Cameron begibt sich ins Arbeitermilieu ...

     

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    ... der Liberaldemokrat Nick Clegg  wettert gegen die alteingesessenen Parteien ...

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    ... , und Labour-Premier Brown versucht, den traditionellen Labour-Wählern zu schmeicheln.

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