Ein System namens "Abzocke"

5. Mai 2010, 18:00
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Ein Gutachten lässt kein gutes Haar an der AvW: Zahlreiche Hinweise auf Bilanzfälschung, Täuschung, Untreue, "Abzocke"

Wien - Die Arbeitsaufträge der Staatsanwaltschaft Klagenfurt an den Sachverständigen Fritz Kleiner waren umfangreich - seine Antworten sind es auch. 858 Seiten umfasst das Gutachten zur Causa AvW rund um Wolfgang Auer Welsbach; zahllose Dokumente nicht eingerechnet. Der Effekt des für die AvW niederschmetternden Ergebnisses: Seit Dienstag sind die zwei zentralen Gesellschaften (AvW Gruppe und AvW Invest AG) in Konkurs; am Mittwoch hat der Masseverwalter die AvW Invest geschlossen. Der Anwalt des in U-Haft sitzenden Auer Welsbach, Franz Großmann, weist die Vorwürfe, die den Verdacht auf Betrug, Untreue, Bilanzfälschung, Krida verstärken, zurück. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Die Darstellung der Geldflüsse, Veranlagungen und Zustände bei AvW lassen die Kärntner Beteiligungsgesellschaft schlecht ausschauen. Zur Erinnerung:AvW-Genussscheininhaber sind an der Substanz der AvW Gruppe beteiligt; selbige ist in diversen Unternehmen investiert. Seit Ende 2008 werden die Genussscheine (als "Alternative zum Sparbuch" und mit einemRückkaufsrecht beworben) nicht mehr zurückgekauft; rund 12.500 Anleger sind betroffen. Die AvW Invest (Unternehmenszweck ist im Wesentlichen der Vertrieb der Genussscheine) notiert an der Börse, der Genussschein hat einen Rückkaufkurs, dessen Wertermittlung ein wesentliches Thema im Gutachten darstellt.

In den Augen des Gutachters sind die AvW-Gesellschaften so etwas wie kommunizierende Systeme, deren Geldflüsse höchst fragwürdig waren; die Rede ist vonTäuschung, falscher Information der Anleger, und "Abzocke" .

Die Genussschein-Konstruktion fasst Gutachter Kleiner so zusammen: "Aus meiner Sicht war der Geldfluss zwischen diesen beiden Gesellschaften und dessenBezug auf die wechselseitige Unternehmensbewertung=Kursentwicklung = Genussscheinpreis ein Kapitalmarkt orientiertes Perpetuum mobile." Was er damit meint:DieGesellschaften haben einen Geldkreislauf aufgebaut, dessenRechtmäßigkeit wohl die Gerichte klären werden.

Geschäft mit der Gier

Im Gutachten liest sich das so:"Die AvW Invest wäre ohne die Provisionserträge der AvW Gruppe (die die Genussscheine emittierte und via Invest AG verkaufen ließ;Anm.) nicht lebensfähig gewesen." Und: "Wäre die AvW Invest durch die AvW Gruppe nicht so hypertroph finanziert worden, wären die ohnehin problematischen Kurswerte der AvW Invest AG niemals (...) zu rechtfertigen gewesen." Das möglicherweise strafrechtlich Relevante daran: "Diese Überfinanzierung (...) trug zur Täuschung über den tatsächlichen Wert der AvW Invest bei."

Wie bei einem Perpetuum mobile eben der Fall, wirkte das auf die AvW Gruppe zurück. Sie ist mit 75 Prozent an der AvW Invest beteiligt, je wertvoller also die Invest AG, desto besser für die AvW Gruppe und den Genussscheinkurs. Noch am 8. Oktober 2008 (also kurz vor Zusammenbruch des Systems) habe man laut Gutachten denBörsenwert der Invest AG "mit 322,5 Mio. Euro kommuniziert, um letztmalig die Kursentwicklung des Genussscheins zu stützen. Eine Täuschung darüber hat (...) seit 2001 (...) stattgefunden."

Damit nicht genug, seien Provisionen und andere Zahlungen, die von der AvWGruppe an die Invest flossen, völlig überhöht gewesen. Ohne die Erlöse hätte die Invest AG von 2001 bis 2007 statt plus 37 Mio. ein negatives EGT von zwölf Mio. Euro ausweisen müssen.

Kein Pyramidenspiel

Ein Pyramidenspiel sieht Kleiner darin aber nicht, "Abzocke" schon:Das System AvW habe "im Wesentlichen darauf beruht, dass den Anlegern unabhängig von vertraglichen Vereinbarungen laufend zugesichert wurde, sie würden ihre jährlichen Wertsteigerungen bei Bedarf bar ausgezahlt erhalten." Umgangssprachlich bezeichne man das als "Abzocke" und als "Geschäft mit der Gier" . Die "Verschiebung von Geldmittel" - in Summe 32,5 Mio.Euro - hätten die "exorbitanten Kurssteigerungen der AvW-Invest-AG-Aktie bewirkt und das Vermögen der AvW Gruppe verringert" , so der Gutachter.

Die Liste der Ungereimtheiten ist lang: "Klare Täuschung der Anleger" bestehe darin, dass 2001 der Wegfall der Kapitalgarantie für die Genussscheine nur "mangelhaft" kommuniziert wurde. Untreue könnte in einem 5,7-Millionen-Kredit stecken, den die AvW Gruppe einer Gesellschaft Auer Welsbachs für Wertpapiergeschäfte eingeräumt (und abgeschrieben) hat. Die Verdachtsmomente für Bilanzfälschung reichen bis zur Verbuchung von Hoffnungen. Aktiviert in der Bilanz wurden sogar (erhoffte) zukünftige Erfolgshonorare.(Renate Graber, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 6.5.2010)

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    Der Gerichtsgutachter fährt gegen den Gründer der AvW-Gruppe, Wolfgang Auer Welsbach, schwere Geschütze auf.

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