Historiker machen sich an Dollfuß-Aufarbeitung

5. Mai 2010, 17:54
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Fischer: "Damals sind schreckliche Urteile gefällt worden"

Wien - Eine heikle Mission: Oliver Rathkolb, Historiker an der Uni Wien, soll gemeinsam mit Helmut Wohnout, Leiter des Vogelsang-Institutes zur Erforschung der Geschichte der christlichen Demokratie in Österreich, auf wissenschaftlicher Ebene erarbeiten, woran die Politik scheiterte: Einen Fahrplan für die historische Neubewertung des Engelbert-Dollfuß-Regimes. Seit Jahrzehnten streiten Sozialdemokraten und Christlich-Soziale, wie der Begründer des austrofaschistischen Ständestaates zu beurteilen ist.

Der Zweite Nationalratspräsident Fritz Neugebauer (ÖVP) erwartet sich von Rathkolb und Wohnout einen "faktenbasierten Vorschlag" , sagt er im Gespräch mit dem Standard: "Dann wird es politische Gespräche darüber geben." Neugebauer hofft, "dass die vorurteils- und vorwurfsbelastete Aufarbeitung dieses Kapitels überwunden ist und es hier eine neue Qualität gibt. Wir müssen das Thema entkrampfen. Mich interessiert, ob es ein Dreivierteljahrhundert später möglich ist, eine so hochsensible Thematik unaufgeregt und wissenschaftlich sachlich aufzuarbeiten."

Diese Hoffnung hatten internationale und nationale Wissenschafter schon im Februar, als sie in einem offenen Brief die Regierung aufforderten, die Opfer des Dollfuß-Regimes endlich zu rehabilitieren. Damals nannte Wissenschafter Rathkolb als optimalen Zeitpunkt für eine Rehabilitierung den 22. Jänner 2011, den 100. Geburtstag des ehemaligen Bundeskanzlers Bruno Kreisky (SPÖ), der auch Opfer des Dollfuß-Regimes war. Der Historiker will zu dem von ihm genannten Stichtag derzeit aber nichts sagen. Man wolle sich noch "vor dem Sommer so weit positionieren, um den Forschern positive Nachrichten" überbringen zu können.

Dass es eine Aufarbeitung des Dollfuß-Regimes geben muss, fordert auch Bundespräsident Heinz Fischer. "Damals sind schreckliche Urteile gefällt worden. Ich denke an die Hinrichtung von Koloman Wallisch (sozialdemokratischer Abgeordneter, Anm.), für die man extra die Frist für das Standrecht verlängert hatte, um ihn an den Galgen zu bringen. Als Jugendlicher habe ich seine Witwe kennengelernt. Ihr Schmerz, die tragische Wendung, die ihr Leben durch diese Todesstrafe genommen hat, haben mich zum überzeugten Gegner der Todesstrafe gemacht" , sagt Fischer. (pm, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.5.2010)

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