Weiterlesen, auch wenn die Bomben fallen

5. Mai 2010, 17:20
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Ingeborg Bachmanns vorzüglich ediertes "Kriegstagebuch" ist vor allem durch die Briefe des jungen Besatzungssoldaten Jack Hamesh eine Entdeckung

Klagenfurt - Am 23. März 1971, gerade war ihr Roman Malina erschienen, notierte Ingeborg Bachmann: "Die Jugendjahre sind, ohne dass ein Schriftsteller es anfangs weiß, sein wirkliches Kapital. (...) Was später dazukommt, was man für viel interessanter hält, bringt seltsamerweise fast nichts ein. Nur dass man erst in späteren Jahren überhaupt zu begreifen anfängt, was man mit dem ersten Blick gesehen hat ..."

In diese entscheidende Jugendzeit blendet nun das mit Briefen von Jack Hamesh ergänzte Kriegstagebuch (Suhrkamp, 16,30 Euro) Ingeborg Bachmanns zurück. Wobei der Titel zunächst etwas irreführend ist, denn eigentlich handelt es sich um sechs mit der Maschine engzeilig beschriebene DIN-A4-Blätter (im gedruckten Buch ca. 15 Seiten), die sich im Privatbesitz der Erben des Nachlasses, Bachmanns Geschwister, befinden und nun, sorgfältig vom Salzburger Germanistikprofessor Hans Höller herausgegeben, der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

"Mein geliebtes Tagebuch, jetzt bin ich gerettet. Ich muss nicht nach Polen und nicht zur Panzerfaustausbildung" , lauten die Anfangssätze der Aufzeichnungen, deren erster Teil die letzten Kriegsmonate umfasst. Der Ausbildung an der Waffe war Ingeborg Bachmann durch den Eintritt in die NS-Lehrerbildungsanstalt, der allerdings durch einen Verzicht auf das Studium erkauft ist, entgangen. Doch die damals 18-Jährige weiß: "Nein, in diesem Land werde ich nicht mehr studieren, in diesem Krieg nicht mehr."

Später, die Russen sind schon in Wien, steht für sie fest: "Ich gehe nicht mehr in den Bunker hinauf. (...) Ich habe mir fest vorgenommen weiterzulesen, wenn die Bomben kommen" (sie liest gerade Rilke und Baudelaire). Lakonisch schreibt die junge Frau, wie sie sich dem Unterricht und dem Ausheben von Schützengräben entzieht. Erstaunlich, wie klar sich Ingeborg Bachmann, ihr Vater war seit 1932 Mitglied der NSDAP, über Mitläufertum, Fanatismus und Indoktrination äußert und wie radikal sie an ihrer eigenen inneren Welt, damals schon jene der Literatur, festhält.

Der zweite Teil des Tagebuchs, die englische Armee hat Klagenfurt befreit, handelt von Bachmanns Begegnung mit dem jungen Besatzungssoldaten Jack Hamesh (Jahrgang 1920), einem gebürtigen Wiener, der seine Heimat 1938 Richtung England verlassen musste. Zunächst findet sie ihn klein und "eher hässlich" , doch die beiden kommen sich über die Literatur näher. Primär über diejenige, die noch kurze Zeit zuvor als verfemt galt (Thomas Mann, Zweig, Schnitzler) und die Bachmann "trotz der Nazierziehung" gelesen hat. Hamesh besucht seine neue Bekannte in Obervellach nahe Hermagor, wo die Familie des Vaters ein Haus besitzt. Sie gehen schwimmen und spazieren. Nicht zur Freude aller.

"Alle reden über mich, und natürlich auch die ganze Verwandtschaft. ,Sie geht mit dem Juden.‘" Doch: "... ich werde mit ihm zehnmal auf und ab durch Vellach und durch Hermagor gehen, und wenn alles Kopf steht" . Und weiter: "Das ist der schönste Sommer meines Lebens, (...) das wird der schönste Frühling und Sommer bleiben." Die Zeit jedoch, die den beiden bleibt, ist begrenzt. Bald wird Hamesh aus der Armee entlassen, er hat ein Ziel, Palästina, und eine Utopie, sie heißt Israel.

Die Briefe des Exilanten

Den größten Teil des vorliegenden Buches machen dann elf ebenfalls aus dem Privatnachlass stammende Briefe aus, die Hamesh Ingeborg Bachmann zunächst aus Österreich, dann aus Neapel und Tel Aviv schreibt. Er schildert den Aufbau Israels, vor allem aber die eigene Verlorenheit und das Bewusstsein, dass es für ihn eine Heimat nicht mehr geben wird. Er leidet, auch weil die Freundin, von der er sich wie von niemandem zuvor verstanden fühlt, ihm keine Hoffnung auf ein Wiedersehen macht. Er schreibt: "Wir beide sind allein, die Gründe sind wohl verschieden, aber die Folgen sind dieselben."

Jack Hamesh, den englischen Namen hat er vermutlich erst im Exil angenommen, ist - wie Ingeborg Bachmanns Antworten - verschollen und konnte trotz großer Anstrengungen nicht ausfindig gemacht werden. Seine Briefe, die einen frühen Blick von außen auf die Autorin werfen, sind die eigentliche Entdeckung des Buches (Hans Höller hatte Teile des Kriegstagebuchs schon vor einigen Jahren in seiner Bachmann-Monografie und einer Ausstellung zugänglich gemacht). Die Bedeutung dieser Begegnung dürfte für Ingeborg Bachmann, wie Höller in seinem exzellenten Nachwort nachweist, von großer Bedeutung gewesen sein - auch wenn sie den "Stoff" in ihrem Werk nie direkt aufnehmen wird. Viele der Themen aber, die sich durch das Werk der Dichterin ziehen - Einsamkeit, Sehnsucht nach Ankommen sowie dessen Unmöglichkeit, die Erfahrung des Bruchs mit der Welt der Väter, der Krieg, auch zwischen den Geschlechtern, und das Verhältnis von Opfern und Tätern - sind hier angelegt.

Ingeborg Bachmann starb am 17. Oktober 1973 in Rom an den Folgen eines Brandunfalls - geschwächt von Medikamenten- und Alkoholkonsum, aufgerieben von der Arbeit am Todesartenprojekt, in dessen Das Buch Franza sie die Wendungen "der schönste Sommer" wieder aufgenommen hat. Sie war allein. 26 Jahre war es her, dass Hamesh in seinem letzten Brief an sie schrieb: "... man versucht zu vergessen, vertieft sich ins Schweigen und vergräbt sich so umso mehr ins vergangene Unvergessliche." (Stefan Gmünder, DER STANDARD/Printausgabe, 06.05.2010)

Am 7. Mai liest Ingeborg Bachmanns Bruder Heinz um 19 Uhr im Kunsthaus Mürzzuschlag , Wiener Str. 35, aus dem "Kriegstagebuch" (Eintritt: € 6, erm. € 4).

  • "Nein, in diesem Land werde ich nicht mehr studieren, nicht mehr in 
diesem Krieg" : Ingeborg Bachmann 1944, dem Jahr, als sie vorliegendes 
Tagebuch begann.
    foto: privater nachlass ingeborg bachmann

    "Nein, in diesem Land werde ich nicht mehr studieren, nicht mehr in diesem Krieg" : Ingeborg Bachmann 1944, dem Jahr, als sie vorliegendes Tagebuch begann.

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