"Es sieht aus wie im Krieg"

5. Mai 2010, 17:37
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Polizei und Demonstranten lieferten sich erbitterte Straßen­schlachten, Yiorgos P., Kellner in Athen, erklärt, warum er dennoch Verständnis für die Proteste hat

Bei einer Großdemonstration gegen den Sparplan der griechischen Regierung ist es in Athen zu gewaltsamen Ausschreitungen gekommen - rund 100.000 Menschen demonstrierten, drei Menschen kamen qualvoll in den Flammen einer brennenden Bank um. Yiorgos P., Kellner in einer Taverne, zeigt im derStandard.at-Interview Verständnis für die Proteste, das Ausmaß schockt ihn dennoch.

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derStandard.at: Wie haben Sie die heutigen Krawalle erlebt?

Yiorgos P.: Niemand hatte erwartet, dass die Proteste derart ausarten würden. Von den Krawallen selbst habe ich nicht sehr viel mitbekommen, ich bin zu Hause geblieben. Dass es Tote geben soll, habe ich über die Nachrichten erfahren. Jetzt ist alles still. Aber auf den Straßen sieht es aus wie im Krieg.

derStandard.at: Haben Sie Verständnis für die Proteste?

Yiorgos P.: Ich verurteile die Gewalt. Es ist schlimm, dass drei Menschen dabei gestorben sind.  Das Prinzip der Proteste verstehe ich durchaus: Der Staat kann nicht das ganze Geld in seine Beamten schieben und jetzt beim kleinen Mann sparen. In der Gastronomie arbeiten die meisten beispielsweise im Sommer. Für die Wintermonate bekommen wir jetzt schon sehr wenig staatliche Unterstützung.

derStandard.at: In welcher Höhe?

Yiorgos P.: Ungefähr 450 Euro im Monat. Das reicht gerade für Heizung und Zigaretten, wie wir hier sagen. Jetzt besteht eine gute Chance, dass uns der Staat auch das noch kürzt.

derStandard.at: Beamte sollen in Zukunft weniger verdienen und auf das 13. und 14. Monatsgehalt verzichten ...

Yiorgos P.: ... in Wirklichkeit wird nur beim kleinen Mann gespart. In Griechenland funktioniert das so: Man verdient zehn Cent, gibt aber 20 aus. Die Schulden kompensieren wir mit dem, was wir im Sommer verdienen.

derStandard.at: Gerade die Gastronomie- und Tourismusbranche wird heuer unter der Krise zu leiden haben.

Yiorgos P.: Es ist ein Teufelskreis. Griechenland hat, wirtschaftlich gesehen, nur zwei Standbeine: Die Landwirtschaft und den Tourismus. Die Produktion in der Landwirtschaft stockt, wir sehen hier keine Entwicklung. Und der Tourismus? Da sehe ich schwarz. Wir spüren jetzt schon einen starken Rückgang an Touristen, die Saison läuft extrem schlecht an. Manche Hotels überlegen bereits, nächstes Jahr erst später zu öffnen.

Auch der Flugstopp aufgrund der isländischen Asche hat uns hart getroffen. Die einen konnten nicht kommen, und die, die da waren, saßen ohne Geld in ihren Hotels und warteten auf den Rückflug.

derStandard.at: Werden die Proteste weitergehen?

Yiorgos P.: Ja, die Situation hat sich derart aufgeschaukelt, dass an ein Ende der Demonstrationen nicht zu denken ist. (Sigrid Schamall, derStandard.at, 5.5.2010)

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