Im Mai 2010 stellte sich die designierte Mumok-Chefin Carola Kraus der Öffentlichkeit - Über ihre ersten Pläne im STANDARD-Interview
Standard: Wie war es nun: Haben Sie sich, wie Kulturministerin
Claudia Schmied sagt, beworben oder wurden Sie gefragt?
Kraus:
Mir wurde von privater Seite nahegelegt, mich zu bewerben.
Standard:
Von sich aus hätten Sie das nicht vorgehabt?
Kraus: Gute
Frage. Da mein Vertrag in Baden-Baden erst 2012 ausläuft, habe ich an
eine Bewerbung erst nicht gedacht. Als ich von privater Seite darauf
angesprochen wurde, habe ich es mir doch noch einmal überlegt. Ich habe
einen Brief an das Ministerium geschrieben und mein Interesse bekundet.
Standard:
Die Ministerin hat Ihren Namen am 22. März bekanntgegeben - in Ihrer
Abwesenheit. Was war in Baden-Baden wichtiger?
Kraus: Ich
hatte eine große Ausstellungseröffnung. Und ich wollte mich der
Öffentlichkeit erst nach Abschluss der Vertragsverhandlungen zeigen. Die
gab es damals noch gar nicht.
Standard: Kennen Sie
mittlerweile Ihr Gehalt?
Kraus: Ja. In den
Bewerbungsgesprächen mit der Ministerin wurde ich über die Größenordnung
informiert. Ich hätte die Stelle nicht angenommen, wenn ich über die
Rahmenbedingungen nicht Bescheid gewusst hätte.
Standard:
Österreich - ein goldenes Pflaster fürMuseumsdirektoren?
Kraus:
Die Stellen in Österreich sind sicher besser bezahlt als in
Deutschland. Aber goldenes Pflaster halte ich doch für übertrieben.
Standard:
Sie hatten einige Wochen Zeit, um ein Programm zu entwickeln. Dennoch
sind Sie immer noch enttäuschend unkonkret.
Kraus: Die
Berufung war ja erst kürzlich. Man muss mir schon ein paar Wochen Zeit
lassen ...
Standard: Die hatten Sie ja jetzt ...
Kraus:
Aber ich habe erst gestern mit den Kuratoren gesprochen. Es ist nicht
meine Art, die Öffentlichkeit zu informieren, ehe ich die Künstler in
meine Pläne eingeweiht habe.
Standard: In der
Pressekonferenz nannten Sie als eines Ihrer Anliegen das Aufspüren
junger Talente. Die von Ihnen gleichzeitig angekündigte
Gegenüberstellung der 60er- und 90er-Jahre klingt aber nicht ganz
danach.
Kraus: Das Mumok ist meiner Ansicht nach nicht
unbedingt die Plattform für Akademiestudenten. Aber in regelmäßigen
Abständen werde ich der jüngsten Szene ein Forum bieten. Ob ich dafür
einen separaten Raum etablieren oder sie in thematischen
Gruppenausstellungen zeigen werde, weiß ich noch nicht.
Standard:
Die Sammlung der Familie, die Galerie Ihrer Schwester: Dieses
Family-Kunst-Business ist heikel. Künstler, die bei Ihrer Schwester
unter Vertrag sind, steigen durch eine Museumsausstellung im Wert, auch
die Grässlin-Sammlung kann museal aufgewertet werden. In der Wirtschaft
würde man sagen: Man muss Sie unter Beobachtung stellen.
Kraus:
Diese Aufgabe werden das Ministerium, das Kuratorium und das
Publikum sicher übernehmen. Ich habe in den letzten Jahren versucht,
Überschneidungen zu vermeiden. Aber wenn ich einen Künstler für
international bedeutend erachte, kann es dazu kommen. Ich gehe damit
aber sehr dosiert um.
Standard: Was sind Ihre persönlichen
Vorlieben?
Kraus: In den letzten Jahren habe ich mein
Ausstellungsprogramm sehr auf die amerikanische Minimal Art, auf die
Farbfeldmalerei, auf die Konzeptkunst fokussiert. Und das sind auch die
Bereiche, die ich persönlich sehr schätze. Sie werden daher auch Eingang
ins Mumok finden.
Standard: Sind das nicht auch
Schwerpunkte der Sammlung Grässlin?
Kraus: Ja, es gibt
Exponate in der Sammlung, aber sie bilden bisher keine Schwerpunkte. Es
ist nicht einfach, sie zum Schwerpunkt zu machen: Falls man
Schlüsselwerke überhaupt noch am Kunstmarkt bekommt, kosten sie
mittlerweile sehr viel.
Standard: Schwerpunkte der
Mumok-Sammlung sind Pop-Art, Aktionismus, Happening. Edelbert Köb, der
scheidende Direktor, hat hier weitergesammelt. Planen Sie andere
Schwerpunkte?
Kraus: Eine neue Leitung bringt immer auch
Verlagerungen. Meine erste Ausstellung wird zeigen, wo die neuen
Schwerpunkte liegen werden.
Standard: Es gibt eine
Konkurrenzsituation und Überschneidungen zwischen Mumok, Albertina, Mak
und Österreichischer Galerie. Wie wollen Sie sich abgrenzen?
Kraus:
Mir scheint wichtig, mit den Direktoren in einen regen Austausch zu
treten. Es braucht eine gewisse Transparenz: Welches Museum bringt
welche Ausstellung? Dosierte Konkurrenz belebt das Geschäft. Dennoch bin
ich kein Mensch, der sich über Konkurrenzdenken definiert.
Standard:
Köb kämpfte um ein Mumok21. Ist das Projekt von Ihnen ad acta gelegt?
Kraus:
Ich möchte zunächst die Sammlung innerhalb dieses Hauses würdig
präsentieren. Die Zeit wird weisen, wie groß der Platzmangel ist.
Momentan hat für mich die Erweiterung nicht die oberste Priorität.
Standard:
Köb hat auch den öffentlichen Raum bespielt. Werden Sie das fortsetzen?
Kraus:
Ich kann mir schon vorstellen, in den öffentlichen Raum zu gehen. Aber
im Sommer stehen im Museumsquartier überall die Enzi-Liegen. Da jetzt
auch noch zeitgenössische Kunst zu platzieren scheint mir schwierig.
Einen Rummelplatz der Kunst will ich nicht gestalten.
(Andrea
Schurian und Thomas Trenkler, DER STANDARD/Printausgabe, 06.05.2010)
Zur Person:
Karola Kraus wurde 1961 im Schwarzwald als Tochter des Sammler-Ehepaars Anna und Dieter Grässlin geboren. Sie leitete den Kunstverein Braunschweig, seit 2006 ist sie Chefin der Kunsthalle Baden-Baden. Mit 1. Oktober übernimmt sie das Mumok.