Ist die Glatze unabwendbar?

  • Schon als Säugling saß die Erbinformation in seinen Genen
    foto: apa/martin gerten

    Schon als Säugling saß die Erbinformation in seinen Genen

Das Geschäft mit diversen Haarwuchsmittelchen ist groß, wenige helfen - Wenn überhaupt, kommt es maximal zu einem Stopp

Jedem zweiten europäischen Mann droht Haarausfall - als Krankheit kann man das Phänomen nicht bezeichnen. "Es ist eine Variante des Erscheinungsbildes", so formuliert es Hans Wolff, von der Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie der Ludwig-Maximilians-Universität München. Schuld sind wieder einmal die Gene: Glatzenbildung wird nämlich vererbt und ist unabwendbar bei jedem Zweiten vorprogrammiert. Verschiedene Gene führen ab einem gewissen Lebensalter zu einer Überempfindlichkeit von Haarwurzeln gegenüber androgenen Hormonen wie dem Testosteron. "Schon beim Säugling steht fest, dass er im Alter von 20 Geheimratsecken haben wird", weiß Wolff. Normales Körpertestosteron reicht dann aus um die Haarwurzeln schrumpfen zu lassen.

Ablaufende Zeituhr

Ist die "Haarwurzelsanduhr" abgelaufen, nimmt das zerstörerische Werk seinen Lauf, häufig nach einem Muster: zuerst bilden sich die Geheimratsecken, dann folgt der Wirbel oben am Kopf. Allerdings gibt es auch Männer, bei denen nur eine der beiden Stellen leidet. Bei manchen bleibt der Prozess auch irgendwann stehen, wieder andere haben mit 25 eine Vollglatze - sie weisen eine besonders starke genetische Prägung auf. So wahrscheinlich die Tatsache des Haarverlusts für den Mann ist, so individuell ist der Verlauf. Nur eines steht fest, versichert der Dermatologe: "Die Haare am Hinterkopf rücken nicht von der Stelle, selbst bei einer Vollglatze bleibt der Haarkranz hinten stehen." Ein Trost - doch wirklich ästhetisch interessant nur für jene, die sich später für eine Eigenhaartransplantation entscheiden, ansonsten verschwindet der ungeliebte Rest meist unter Rasiermessern.

Oben wenig, unten viel

Männer mit Glatze sind häufig mit besonders dichter Haarpracht auf der Brust gesegnet - so scheint es zumindest. Und auch der Dermatologe hat den Eindruck, dass dem so ist, man wisse aber nicht genau warum dieses Paradoxon auftritt. Denn diese Männer haben nicht mehr Testosteron als andere. "Die gesteigerte Empfindlichkeit gegenüber Testosteron bedeutet je nach Ort des Wuchs der Haare Unterschiedliches: oben am Kopf Haarausfall, sprich Miniaturisierung, und am Körper Vergrößerung der Haarwurzeln, also stärkeren Haarwuchs."

Lösungen gegen Haarverlust

Das Geschäft mit Haarwuchsmitteln ist immens - die Wirkung - wenn überhaupt - jedoch bescheiden. Fakt ist: "Vitamin-, Koffein- oder Gelantinpräparate können den Haarverlust nicht stoppen", so Wolff, auch wenn die 'Experten' in den Fernsehspots noch so seriös erscheinen. Männer mit Glatze werden in der Werbung als bedauernswert und wenig selbstbewusst hingestellt. Der Dermatologe glaubt, dass tatsächlich nur ein geringer Teil psychische Probleme damit hat und dieser Teil findet dann eben den Weg zu ihm. Wolff ist überzeugt: Nur zwei Mittel können den Haarausfall stoppen - eine Minoxidil-Lösung und eine Tablette mit dem Wirkstoff Finasterid. Beide Wirkstoffe dienen auch noch anderen medizinischen Zwecken: ersterer wird bei therapieresistentem Bluthochdruck angewendet, letzterer diente ursprünglich als Arzneistoff zur Behandlung der gutartigen Prostatavergrößerung. Haarwuchs wurde bei manchen Patienten als Nebenwirkung bemerkt.

Keine Wundermittel

Doch was heißt in dem Fall Wirkung und unter welchen Voraussetzungen? Denn Wundermittel sind auch diese beiden Präparate nicht. "Meiner Einschätzung nach kann man bei 90 Prozent der Männer Haarausfall stoppen, bei etwa 50 Prozent sichtbar verdichten", erklärt Wolff. Allerdings müssen die Mittel kontinuierlich angewendet werden und schon ab Beginn der ersten Anzeichen. Denn einmal verlorenes Haar wächst nur sehr schwer wieder nach, die Medikamente wirken nur, wenn die Wurzeln noch intakt sind. Der Behandlungserfolg ist also umso größer je früher damit angefangen wird. "Es geht ja primär um Prophylaxe, die Vermeidung des Haarausfalls." Es ist also eigentlich mehr ein Konservierungserfolg. Wolff zieht einen Vergleich zur Natur: "In einem Park will man auch lieber die großen alten Bäumen erhalten und sie nicht abholzen und wieder kleine Setzlinge wachsen lassen." Und die Nebenwirkungen? Laut Angaben des Herstellers kommt es in niedriger Dosierung (ein Milligramm pro Tag) bei ein bis zwei Prozent der Männer zu Libido- und Potenzstörungen.

Transport von A nach B

Als einzige dritte seriöse Alternative sieht Wolff die Eigenhaartransplantation: Dabei werden Haare aus dem Haarkranz am Hinterkopf herausgeschnitten und an anderer Stelle wieder eingesetzt: Sinn macht die Prozedur allerdings nur, wenn der Haarverlust schon weitgehend abgeschlossen ist. Die transplantierten Haare wachsen dann auch weiter. Wolff rät aber zur Vorsicht: nur einige wenige Anbieter sind gut.

Hilft alles nichts und leidet Mann darunter, bleibt letztlich nur der Griff zum Toupet. Zum Trost: gar nicht so wenige Frauen leiden ebenfalls unter erblichem Haarausfall. Wolff schätzt die Zahl der Betroffenen auf zehn bis 20 Prozent, die meisten trifft es vor den Wechseljahren. Die Haare werden dann insgesamt schütterer, die charakteristischen männlichen Muster gibt es bei Frauen nicht. (derStandard.at)

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