Tote bei Protesten in Griechenland

5. Mai 2010, 21:23
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Brandanschlag auf Bank fordert drei Menschenleben - Griechische Parlament beschließt heute Sparpaket

Athen/Brüssel - Beim Generalstreik in Griechenland eskalierte am Mittwoch die Gewalt. In Athen steckten Demonstranten mehrere Gebäude in Brand. In einer Bank wurden drei Personen Opfer des Flammeninfernos. Es kam zu zahlreichen Verhaftungen. Nachdem sich die Nachricht von den Toten verbreitet hatte, löste sich die Kundgebung mit zehntausenden Teilnehmern auf. Es war die größte Protestaktion seit 20 Jahren.

Der Euro blieb wegen der Zweifel an der Umsetzung des griechischen Sparpakets und Angst vor einer Ausweitung der Schuldenkrise unter Druck und fiel unter die Marke von 1,29 Dollar - den tiefsten Stand seit 14 Monaten.

Währungsfonds-Chef Dominique Strauss-Kahn sprach von einem Risiko, dass auch andere Staaten ihre Schulden nicht bedienen könnten. Die Risikoaufschläge auf spanische und portugiesische Staatsanleihen stiegen auf neue Rekordstände. Der Wiener Aktienindex verlor 3,16 Prozent.

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Die Proteste gegen das griechische Sparprogramm haben am Mittwochnachmittag eine tragische Wendung genommen. Zehntausende Menschen hatten sich im Zentrum der griechischen Hauptstadt versammelt, um auf das Parlament zuzumarschieren. Athener sprachen von der größten Demonstration in Griechenland seit mehr als 20 Jahren.

Unter die überwiegend friedliche Menge mischte sich allerdings auch eine Gruppe gewaltbereiter Jugendlicher. In der Stadiu-Straße, unweit vom Parlament, eskalierte die Lage. Mehrere Demonstranten bewarfen laut Polizeiangaben eine Filiale der Marfin Egnata Bank mit Molotowcocktails. Das Gebäude ging in Flammen auf, drei Menschen konnten sich nicht mehr retten und starben im Feuer. Laut Polizei befanden sich insgesamt mindestens 20 Menschen in der Bank.

Informationen waren zunächst Mangelware, weil sich auch die griechischen Medien an dem Streik beteiligten und die Polizei das Areal um die Bank absperrte. Bei den Opfern dürfte es sich um drei junge Angestellte des Kreditinstituts handeln, eine Frau war schwanger. Vier Menschen wurden verletzt, die Rede war von 50 Verhaftungen. Ministerpräsident Giorgos Papandreou sprach von einer "mörderischen Tat" .

Generalstreik

Ursprünglich hatten die griechische Gewerkschaften für Mittwoch zu einem Generalstreik aufgerufen. Weite Teile Athens waren seit der Früh lahmgelegt, die U-Bahnen standen still, die meisten Geschäfte blieben ebenso geschlossen wie öffentliche Ämter, Schulen und Universitäten. Auch in der Luft ging nichts mehr. Der Protestmarsch sollte vom Omonia-Platz im Herzen der Stadt vor das Parlament führen. Neben zahllosen Gewerkschaftsverbänden und Linksparteien fanden sich im Protestzug auch Vereinigungen der Bibliothekare und Gaststädten, viele Menschen hatten ihre Kinder mitgebracht.

Der Marsch glich zunächst einem Volksfest. "Nieder mit der Regierung" stand auf Transparenten und "Korruption ist nicht die Schuld der Arbeitnehmer" . Die Polizei stand zu Hundertschaften in den Seitengassen bereit, hielt sich zunächst aber merklich im Hintergrund.

Die Spannung stieg, als der Protestzug das Parlament erreichte und Demonstranten versuchten, das Gebäude zu stürmen. Die Polizei setzte massiv Tränengas ein. Die meisten Griechen sind das allerdings gewöhnt und nahmen es daher gelassen. Wenig später flogen Steine auf die Beamten und dann die ersten Molotowcocktails, mehrere Autos gingen in Flammen auf. Angezündet wurde auch ein Übertragungswagen des türkischen Fernsehens. Die Polizei wurde in Alarmbereitschaft versetzt, das Zentrum glich einer Festung. In Athen selbst zeigten sich die Menschen geschockt von den Vorfällen.

Einseitiges Sparpaket

Der Protest der Griechen richtet sich gegen das Sparpaket der Regierung Papandreou. Griechenland bekommt von den Euroländern und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) einen 110-Milliarden-Euro-Kredit. Im Gegenzug muss Athen strikt sparen, Pensionen werden gekürzt, Mehrwertsteuer erhöht, Beamtengehälter eingefroren.

Am heutigen Donnerstag will das Parlament abstimmen, die sozialistische Pasok von Papandreou verfügt über eine klare Mehrheit, das Votum gilt daher als eine reine Formsache.

Die meisten Demonstranten sagten, dass sie auf die Straße gegangen seien, weil das Programm einseitig sei. "Mit dem Geld, das Griechenland gegeben wird, werden nicht wir, sondern die Banken gerettet" , sagt der junge Lehrer und Kommunist Tasos Alexandrakis. "Die Leute hier verlieren 30 Prozent ihres Lohns" , meinte der Eisverkäufer Theodoros, der extra aus dem Küstenstädtchen Saronida nach Athen gereist ist. "Wenn die Menschen aber kein Geld mehr haben, um einzukaufen, wird es auch keine Erholung geben, dann wird sich der Staat auch nicht sanieren können."

Während die Privatangestellten selbst nur hohe Steuern fürchten, aber von den Kürzungen nicht betroffen waren, marschierten auch viele Beamte durch die Straßen Athens. "Ich verliere 250 Euro Einkommen im Monat" , sagte ein Mitarbeiter des Arbeitsamtes, "ich leiste deswegen Widerstand."

Den Einwand, dass die Eurostaaten nun die Kosten der Griechenlandhilfe tragen und daher kein Verständnis für die Proteste haben, wollen die Menschen nicht gelten lassen. "Ja, es stimmt - Österreich und die anderen Staaten zahlen für uns. Aber noch mehr bezahlen wir Griechen, denn es sind unsere Löhne, die gestrichen werden" , sagte der Bibliothekar Nikolas Kostakis. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.5.2010)

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    Flammeninferno in Athen: Radikale Demonstranten werfen Molotowcocktails auf Polizisten, der getroffene Beamte überlebt. In einer ebenfalls angezündeten Bank sterben jedoch drei Menschen.

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    Im Zuge der Proteste gab es heute in Athen und Thessaloniki Ausschreitungen. In der Hauptstadt setzte die Polizei nach Berichten eines AFP-Reporters Tränengas gegen Demonstranten ein, die versuchten, eine Polizeiabsperrung vor dem Parlamentsgebäude zu durchbrechen.

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    Im nördlichen Thessaloniki warfen nach Polizeiangaben mehrere junge Demonstranten Steine gegen Einsatzbeamte und auf Schaufenster. Die Polizei soll daraufhin auch dort mit Tränengas gegen Randalierer vorgegangen sein.

  • Die Lage spitzt sich mehr und mehr zu.
    foto: epa

    Die Lage spitzt sich mehr und mehr zu.

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