Von der Geheimsprache zu mehr Roma-Bewusstsein

4. Mai 2010, 19:17
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Burgenland-Romani ist weltweit eine der am besten beschriebenen Roma-Sprachen

Soziolinguisten der Uni Graz erfassen seit 20 Jahren Wort und Schrift der Minderheit - und leisten dabei Integrationsarbeit

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Alles begann eher zufällig, als der renommierte Soziolinguist Norman Denison vor knapp zwanzig Jahren einen studentischen "Althippie" zu seinem Assistenten an der Karl-Franzens-Universität Graz machte. Worüber sich damals mancher alterierte, entpuppte sich bald als Glücksfall für die vom Untergang bedrohte Sprache der Burgenland-Roma. Denn Dieter Halwachs nahm den Hilferuf des Roma-Aktivisten Emmerich Gärtner-Horvath - "Unsere Sprache verschwindet, kannst du was für uns tun?" - sehr ernst und hatte offenbar auch das richtige Gespür für die Menschen, um die es dabei ging. Heute gilt die Sprachwissenschaft an der Uni Graz gemeinsam mit den Linguistikinstituten in Manchester und Prag als eines der wichtigsten Romani-Forschungszentren in Europa.

"Meine Aufgabe war nicht unumstritten, da von vielen Alten das Romani noch immer als Geheimsprache gesehen wurde" , erzählt Halwachs. Dennoch - auf wöchentlichen Feldforschungsreisen ins Burgenland fanden er und sein Team Zugang zu den Menschen und damit auch zu ihrer bisher nur mündlich tradierten Sprache. Mittlerweile verfügen die Burgenland-Roma über eine der am besten beschriebenen Romani-Varietäten weltweit: Sie haben eine deskriptive Grammatik, ein Wörterbuch, Unterrichtsmaterialien, zwei Zeitschriften und Radiosendungen sowie Sprachkurse an Schulen.

"Abfallprodukte eines gesellschaftspolitischen Anliegens" nennt der Linguist die Früchte seiner wissenschaftlichen Arbeit nonchalant. Was den Burgenland-Roma diese konsequente Forschungstätigkeit außerdem gebracht hat: "Über das Wissen, dass sie eine eigene Sprache haben, die Wertschätzung erfährt, konnten sie ein gewisses Selbstwertgefühl entwickeln" , sagt Halwachs. "Und das wiederum hilft den Jungen dabei, sich besser zu integrieren."

Unter den rund 50.000 bis 100.000 heute in Österreich lebenden Roma gibt es drei autochthone Gruppen mit gesamt ungefähr 5000 Angehörigen: die seit dem 15. Jahrhundert am ehemals ungarischen Westrand ansässigen Burgenland-Roma, die Sinti und die Lovara. Dazu kommen noch jene Roma, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Gastarbeiter aus Exjugoslawien und aus den Ländern des Ostens nach Österreich gekommen sind.

"Reinrassige Zigeuner"

Dieter Halwachs und sein Team sind nicht die Ersten, die sich mit dem Burgenland-Romani beschäftigen. Schon in den 1940er-Jahren wurden Aufzeichnungen im "Zigeuner-Anhaltelager Lackenbach" gemacht. War doch auch den Nazis bekannt, dass zumindest die wenigen "reinrassigen Zigeuner" die einzigen echten Arier Europas sind. Was sie bekanntlich nicht davon abhielt, das Gros von ihnen in Konzentrationslagern zu ermorden.

Trotz ihrer umfassenden Dokumentation des Burgenland-Romani können die Forscher nicht verhindern, dass diese Sprache ihre kommunikativen Funktionen immer mehr verliert und nur noch von höchstens 500 Sprechern verwendet wird. Enttäuscht ist Dieter Halwachs davon nicht: "Ich bin kein Sprachpfleger! Mir geht es darum, den Menschen die Wahlmöglichkeit zu geben. Der eigentliche Sinn unserer Arbeit lag ja in ihrem gesellschaftspolitischen Aspekt - und da wurde sehr viel erreicht!"

Die Arbeit geht dennoch weiter: So entsteht in Kooperation mit den Kollegen in Manchester ein multidialektales und multilinguales Romani-Online-Wörterbuch (RomLex). Zurzeit sind die Sprachwissenschafter mit Unterstützung des Wissenschaftsfonds FWF gerade dabei, aus den 25 bereits erfassten Roma-Varietäten zehn besonders prominente über einen Grundwortschatz von 5000 Wörtern zu harmonisieren. Ein auch von der Soros-Foundation jahrelang gefördertes Großprojekt, das nicht nur für die Roma, sondern auch für die Wissenschaft enorme Bedeutung hat.

"Da Wandelprozesse im Romani durch die große Sozialdynamik und den starken Assimilationsdruck viel schneller als in anderen Sprachen ablaufen, können wir hier in Jahrzehnten beobachten, was bei anderen Sprachen Jahrhunderte dauert" , schildert Dieter Halwachs, der Österreich im Expertenkomitee des Europarats für die Regional- und Minderheitensprachen-Charta vertritt. "Deshalb hat das Romani eine so hohe Bedeutung bei der Analyse (sozio-)linguistischer Prozesse und ist damit auch für viele andere Sprachen relevant, die jetzt im Rahmen von Demokratisierungsprozessen formale Funktionen übernehmen."

Zahlreiche Folgeprojekte

Ein nunmehr selbstständiges Folgeprodukt der Grazer Forschungsaktivitäten ist übrigens der von jungen Roma und ehemaligen Projektmitarbeiterinnen und -mitarbeitern getragene Verein Roma-Service, der u. a. das RomBus-Projekt betreibt: "RomBus ist eine Art rollendes Kulturzentrum mit Büchern, DVDs, CDs und Zeitschriften in Romani" , schildert Dieter Halwachs. "Dieser Bus fährt regelmäßig Roma-Siedlungen an, um bei der Organisation von Veranstaltungen und sozialen Anliegen zu assistieren sowie Romani-Kurse durchzuführen." Jüngstes Projekt ist eine Interviewserie mit KZ-Überlebenden unter dem Titel "Mri Historija / Meine Geschichte" .

Was Dieter Halwachs Anfang der 1990er-Jahre ins Rollen brachte, ist heute also in unterschiedlichen Gestalten und auf diversen Routen äußerst dynamisch auf Tour. Um seinen sprachpolitischen und -dokumentarischen Projekten einen adäquaten Rahmen zu geben, wurde der Soziolinguist vor kurzem mit der Leitung des Forschungsbereichs "Plurilingualismus" am "Treffpunkt Sprachen" der Universität Graz betraut.

Neben den zahlreichen Romani-Projekten wird hier zurzeit auch an einer Dokumentation der sprachlichen Vielfalt von Graz - "Multilingual Graz" - gearbeitet. "Immerhin leben in dieser Stadt Menschen aus rund 160 Nationen mit mehr als 150 Muttersprachen" , sagt Dieter Halwachs. "Ein kultureller und auch ökonomischer Schatz, der als solcher bislang nicht wahrgenommen wird." (Doris Griesser/DER STANDARD, Printausgabe, 5. 5. 2010) 

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