Plädoyer für ein Europa mit einer "unreinen Seele"

4. Mai 2010, 19:03
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Disput über Beitrag der Araber erfreut Islamophobe

"Der Westen kam schon immer ohne Araber aus!" hieß der Vortrag, den Johanna Borek bei der Tagung "Übersetzen im Mittelmeerraum" hielt. Dem Sarkasmus des Vortragstitels zugrunde liegt ein Historikerstreit über die Bedeutung - oder Nichtbedeutung - arabischer Übersetzungen griechischer Texte in Bagdad ab dem späten 8. Jahrhundert für die Entwicklung der europäischen Kultur.

Der französische Historiker Sylvain Gouguenheim verweist in seinem Buch Aristoteles auf dem Mont Saint-Michel. Die griechischen Wurzeln des christlichen Abendlandes die arabische Vermittlertätigkeit zwischen dem antiken Griechenland und dem modernen Europa in das Reich der Legende, indem er auf die direkten Übersetzungen vom Griechischen ins Lateinische von Jacques de Venise (gest. vor 1150) und einer - angeblichen - Gruppe rund um ihn in der Abtei auf dem Klosterberg pocht. Europa habe die Araber gar nicht nötig gehabt, um die griechischen Philosophen zu lesen, will er damit sagen.

Gouguenheims These stieß nicht nur auf den Vorwurf von Geschichtsfälschung vonseiten bedeutender Historiker, sondern auf der anderen Seite auch auf eine begeisterte Aufnahme durch islamfeindliche Foren, besonders im Internet. Der Historiker aus Lyon ist zur Referenzfigur der Apologeten eines "rein europäischen" Europas geworden - also der Antithese zur Aussage des deutschen Soziologen Wolf Lepenies, dass Europa "nie eine reine Seele" hatte und dass gerade dies seine Stärke sei. Gouguenheim stellt eine Traditionslinie her, die direkt das Christentum mit dem hellenischen Geist verbindet.

Wie kritische Historiker betonen, war die Übersetzertätigkeit von Jacques de Venise - der nur Bruchstücke von Aristoteles übersetzt hat - vor Gouguenheim bereits allgemein bekannt und keineswegs quasi seine Enthüllung. Es gehe aber vor allem um die Wirkung von Texten: "Wenn auf dem Mont Saint-Michel ein Text übersetzt wird, heißt das noch nicht, dass dieser Text auch geschichtsmächtig wird." Und wenn sich dort Übersetzungsmanuskripte befinden, heißt das nicht notgedrungen, dass auch die Übersetzungen dort entstanden sind. In ein paar Seiten könne man widerlegen, was Gouguenheim sage.

Und wenn Jacques de Venise doch rezipiert worden wäre? Borek: "Das ist nicht geschehen. Selbst dann wäre in Bagdad dennoch übersetzt und diese Übersetzungen dennoch rezipiert worden. Von Juden, Christen, Muslimen. Ibn Rushd (Averroes) hatte selbstverständlich die arabischen Übersetzungen von Aristoteles vor sich." Im von den Arabern eroberten Spanien wurden im 9./10. Jahrhundert diese arabischen Manuskripte rezipiert und kommentiert, und nach der Reconquista ins Lateinische übersetzt, samt den Kommentaren des Avveroes: "Und so konnte das christliche Mittelalter das erste Mal die für die mittelalterliche Theologie relevanten Texte des Aristoteles lesen" , so Borek.

Mischmasch Europa

Das zeige, dass Europa immer schon ein Mischmasch war, "sprachlich ein hybrides Gebilde, das sich auf keinen westlichen Block reduzieren lässt" . "Die kulturell reinen Blöcke sind eine Erfindung, so wie der Nationalstaat eine Erfindung des 19. Jahrhunderts war" , sagt Borek, sie seien "historisch und auch übersetzungsgeschichtlich nicht haltbar. Und wenn jemand damit auch noch Kriege führen will, dann muss er kräftig lügen und kräftig Geschichte und Gegenwart fälschen. Es gibt Westen und Osten nicht. Es gibt den Clash nicht."

Borek macht noch auf einen anderen Aspekt der Affäre aufmerksam: "Hier kommt jemand als Historiker und zeigt auf die zwiespältigste aller möglichen Weisen auf, wie wichtig das Übersetzen ist!" Alles hänge an der Wichtigkeit eines einzelnen Übersetzers, als Antithese zur Wichtigkeit der Übersetzungstätigkeit der Araber, in einem allgemein verständlichen Buch: "Und wir Übersetzerinnen und Übersetzer werden endlich einmal ernst genommen - und da haben wir den Salat." (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 5. 5. 2010)

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