Schwindendes Eis am Kilimandscharo

4. Mai 2010, 18:37
posten

Thomas Mölg berechnet die tropische Klimadynamik

Lange galten schmelzende Gletscher als offenkundiges Symbol für die vom Menschen verursachte Erderwärmung. Doch die Gesetze der Alpen gelten nicht für alle Hochgebirge der Welt. So schwindet das Eis auf dem Kilimandscharo bereits seit den 1880er-Jahren, weil es lokal zu wenig schneit.

"Wir haben sein Klimasignal bis in den Indischen Ozean verfolgt. Das höchste Bergmassiv Afrikas ist ein Beispiel für indirekte Folgen der globalen Erwärmung und die Dynamik der Tropen, die sensibel mit einer Verschiebung der Niederschlagsmuster reagiert" , erläutert Thomas Mölg, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Innsbruck. Seit 2005 hat die Arbeitsgruppe Tropische Klimatologie, unterstützt vom Wissenschaftsfonds FWF, drei permanente automatische Wetterstationen auf dem Kilimandscharo installiert.

Nur eine Handvoll Gruppen weltweit sammelt systematisch Daten aus so schwierigem Gelände. Die Stärke der Alpen-Uni liegt im Verknüpfen großräumiger Klimamodelle mit den Hochgebirgsdaten. Es geht Thomas Mölg darum, eine Klimadynamik in 3-D vom Flachland bis in die Höhe zu verfolgen.

"Wir haben ein Strömungssystem der Tropen ausfindig gemacht, das ähnlich wie El Niño oder der Monsun funktioniert: Der Zonale Modus wird ebenfalls vom Meer und der Luft darüber angetrieben" , erklärt Mölg, der zweimal beim jährlichen Wartungsaufenthalt in Tansania dabei war. Die meiste Zeit arbeitet er jedoch im virtuellen Labor mit dem in Innsbruck aufgebauten Supercomputer Leo II.

Ende 2009 wurde der 32-Jährige von der angesehenen American Geophysical Union (AGU) als bester Jungwissenschafter in der Klimaforschung ausgezeichnet. Wissenschafter zu werden hat er sich aber während des Geografie- und Meteorologie-Studiums nicht vorgenommen. Vielmehr hatte er in der Klimatologie (zu Recht) den Eindruck, dass es noch viel zu erforschen gibt. Gletscher sind für ihn ein Schlüssel zum umfassenderen Klimaverständnis: Wer die physikalischen Vorgänge von Wachstum und Schwund entschlüsselt, kann viel dazulernen. "Nur auf Gipfel und Gletscherzungen zu schauen, bringt uns aber nicht weiter: Die Geowissenschaft braucht Vernetzung, weil die Komplexität so groß ist" , meint der mehrfach ausgezeichnete Stipendiat.

Seinen Postdoc verbrachte er unter anderem als Fulbright-Scholar am Zentrum für Atmosphärenwissenschaften der University of California in Berkeley.

Diplomarbeit, Dissertation, Habilitation: Diese Stationen einer wissenschaftlichen Karriere absolvierte der gebürtige Kitzbüheler ziemlich rasch. Ist er ein Streber? "Sieht ganz so aus" , schmunzelt er. Was seinen Ehrgeiz - wie bei El Niño - in einen sich selbst verstärkenden Prozess verstrickt hat, war ein motivierendes Umfeld und der Sog spannender Ergebnisse, neuer Methoden, öffentlichen Interesses und genehmigter Anträge. Jede Publikation ist ein für ihn dabei wichtiger Abschluss in einem andauernden Prozess.

Privat pendelt Mölg mit der Bahn regelmäßig vom Inn an die Donau. Mit dem Remote-Zugriff auf den Supercomputer kann er von überall Aufträge erteilen. (Astrid Kuffner/DER STANDARD, Printausgabe, 5. 5. 2010)

 

Share if you care.