"Architekten müssen auf die Pädagogen reagieren"

4. Mai 2010, 17:36
1 Posting

Die heimischen Schulen sind für den Ganztagsbetrieb nicht geeignet - Die Architektin Karin Schwarz fordert die Größe von Klassenräumen zu überdenken

Standard: Wie ganztagstauglich ist der Schulbestand in Österreich?

Schwarz: Nachdem die Schulen für den Halbtagsbetrieb gebaut wurden, sind sie für einen ganztägigen Betrieb prinzipiell nicht gut geeignet. Aber eben nur prinzipiell. Die Herausforderung für die nächsten Jahre ist es, zu überprüfen, welche Schulen wie zu adaptieren sind.

Standard: Viele Schulen stammen aus der Gründerzeit. Wie leicht lassen sich dort moderne Ganztagsschulkonzepte integrieren?

Schwarz: Gründerzeitbauten werden oft als großes Problem diskutiert.Tatsächlich gibt es aber gerade in diesem Bereich international und national einige interessante Beispiele für pädagogische Schulhaussanierungen, wo sich die Gebäude als gut adaptierbar erwiesen haben. Wenn wir von Ganztagsschulen sprechen, wäre es in jedem Fall sinnvoll, die Standardklasse mit 63 Quadratmetern zu überdenken.

Standard: Um wie viel vergrößert sich der generelle Platzbedarf gegenüber einer herkömmlichen Halbtagsschule?

Schwarz: Bis jetzt sind erst zwei Pilotprojekte realisiert, die dem neuen Campus-Konzept der Stadt Wien folgen. Im Campus in Favoriten wurde der Teilbetrieb letzten Herbst aufgenommen, der Campus Nordbahnhof wird mit dem kommenden Schuljahr eröffnet. Ich kann noch keine genauen Zahlen nennen, weil wir ganz einfach noch keine seriösen Erfahrungswerte haben. Fest steht: Eine Ganztagsschule ist um einiges größer, was den Flächenbedarf betrifft, und natürlich auch um einiges teurer.

Standard: Abgesehen vom größeren Flächenbedarf gibt es zunehmend neue pädagogische Konzepte. Wie kann die Architektur darauf reagieren?

Schwarz: Es gibt viele unterschiedliche Schultypen, von der Volksschule bis zur berufsbildenden höheren Schule. Daher kann man das nicht vereinheitlichen. Im besten Falle ist die Entwicklung neuer Schulbautypologien eine Zusammenarbeit, doch im Grunde genommen sind es die Architekten, die auf die Pädagogen reagieren müssen - und nicht umgekehrt. Wir haben aus den Siebzigerjahren gelernt. Damals ist die Architektur den Lehrern davongaloppiert. Die Folge war, dass viele Neubauten umgebaut und viele Umbauten rückgebaut werden mussten.

Standard: Besteht die Gefahr, einen Schnellschuss abzufeuern, heute nicht genauso?

Schwarz: Der Schulbau befindet sich zurzeit in einer richtigen Aufbruchphase. Aus diesem Grund ist es wichtig, diese Chance mit Sorgfalt zu nutzen. Ein großer Teil dieser Bewusstseins- und Entwicklungsarbeit ist von den Architekten ausgegangen - und zwar, indem sie an den bestehenden, teilweise veralteten Strukturen kontinuierlich Kritik geübt haben. Im Augenblick sind wir dabei, mit Pädagoginnen und Pädagogen umsetzbare Konzepte zu erarbeiten. (Wojciech Czaja, DER STANDARD, Printausgabe, 5.5.2010)

Zu Person: Karin Schwarz-Viechtbauer (49) hat an der TU Wien Architektur studiert und ist seit 1999 am Österreichischen Institut für Schul- und Sportstättenbau, das sie seit 2009 leitet.

Share if you care.