Das Biedermeier schlägt zurück

4. Mai 2010, 17:09
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Die Pop-Faserschmeichler aus Berlin erfreuten am Montag in der Wiener Stadthalle ihr Stammpublikum mit einer perfekten Show

Und einer großen Portion Schmalz und Liebe.

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Wien - Ich+Ich machen es dem Musikfreund leicht, sie mit bestem Gewissen abzulehnen. Alleine schon der Name! Dazu eine Musik, die in den seichten Gewässern von Betroffenheitsheuchlern wie Xavier Naidoo nach Goldenen Schallplatten fischt. Pseudo-Soul mit Texten, die jeden Gedanken an Rebellion und Aufmüpfigkeit mit einer Lobpreisung des Jetzt (So soll es bleiben) und der gepflegten Streicheleinheit (Umarme mich) wegkuscheln möchten. Äußerst widerlich, so was.

Beim Betreten der gut gefüllten Wiener Stadthalle bestätigt sich sogleich das Bild der glatten, hochprofessionell und -kommerziell agierenden Bandmaschine. An den Schankstellen gibt es heute nur Pfandbecher mit Ich+Ich-Motiven, zudem kann man sich bereits vor Konzertbeginn einen USB-Stick mit dem Mitschnitt des noch ausstehenden Auftritts reservieren. In Zeiten des Musik-Downloads liegt das Geld der Musiker schließlich auf der Straße. Im Inneren der Halle das zu erwartende Publikum: Mittvierziger, tieferreichenden Musikinteresses völlig unverdächtig. Man kennt die Lieder aus dem Autoradio, und einmal im Jahr so ein Konzert, das ist schon was. Tatsächlich bekommen sie eine Show geboten, die sämtliche Erwartungen erfüllt.

Wandertag im Konzertsaal

Eigentlich sind Ich+Ich ein Duo, bestehend aus Annette Humpe, die als Sängerin von Ideal einst die Neue Deutsche Welle voranbrachte, und Adel Tawil, der Ende der Neunziger den vordersten Platz der Boyband-goes-Ghetto Formation The Boyz einnehmen durfte. Auf Tour sind jedoch nur Adel und seine sechsköpfige Band. Frau Humpe bleibt wegen chronischen Lampenfiebers öffentlichen Auftritten traditionell fern.

Präsentiert wird ein Best-of im Rockgewand. Adel Tawil singt sauber und gibt den Tanzbären, eingeplanter musikalischer Feinkram (Geige, Vibrafon) geht im matschigen Gitarrendröhnen jedoch unter. Dem Publikum ist's freilich wurscht, es feiert Band und Hits.

Nach einer Stunde wird dann das Ruder herumgerissen. Adel Tawil bittet den ägyptischen Popstar Mohammed Mounir zum Duett auf die Bühne. Anschließend darf Mounir eine Nummer alleine singen, das Resultat ist ein ungerechtfertiger Exodus der Zuseher im Stehparterre. Währenddessen wandert Adel Tawil unbemerkt auf eine kleinere Bühne am Ende der Halle, um von dort auch die Zuseher auf den Sitzplätzen zu beglücken. Die Idee geht auf, das Publikum feiert den abgespeckten Sound von Piano und unverzerrter Gitarre.

Ein paar Lieder später geht's wieder auf die Hauptbühne, auf der Adel nun allein am Klavier eine achtbare Interpretation des Scherben-Klassikers Halt dich an deiner Liebe fest abliefert. Mittlerweile sind auch die gehemmtesten Zuseher längst gewonnen, sodass einige Saalchoreografien, Mitsingpassagen und Händeschüttler später ein vollends zufriedenes Publikum in die regnerische Nacht entlassen wird. (Dorian Waller, DER STANDARD/Printausgabe, 05.05.2010)

Ich+Ich live: 5. 5., Arena Salzburg, 6. 5., Graz, Stadthalle, je 20.00

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    Noch einmal mit Gefühl. Ich+Ich-Sänger Adel Tawil weiß als ehemaliges Mitglied einer Boyband, was seine Fans von einer guten Show so alles erwarten.

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