Der blonde Engel ist gelandet

4. Mai 2010, 16:49
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Australier Neil Robertson kürte sich zum Weltmeister und brach jahrzehntelange britische Vorherrschaft und ist nach Karriereknick stärker als je zuvor

Sheffield - Als die pinke Kugel im Loch und der Handkuss in Richtung Zuschauerränge unterwegs war, landete der Triumphator in den Armen seiner Mutter: Im zweiten Anlauf hatte sich der 28 Jahre alte Neil Robertson als erster Australier in die Siegerliste der modernen Snooker-WM eingetragen. Elf Stunden hatte es gedauerd, ehe der "Thunder aus Down Under" sich in der Nacht auf Dienstag im Crucible Theatre zu Sheffield im Endspiel gegen den ehemaligen Champion Graeme Dott aus Schottland durchgesetzt hatte.

"Es ist ein großartiges Gefühl nach diesem kräfteaufreibenden Spiel", sagte der neue Weltmeister. "Und wenn dieser Titel nicht irgendetwas für den Snooker-Sport in Australien tut, will ich mich nicht länger Australier nennen", scherzte Robertson in der Stunde seines bislang größten Triumphes. Immerhin ist Robertson der erste Weltmeister seit 1980, der nicht aus Großbritannien oder Irland stammt. Vor 30 Jahren hatte der Kanadier Cliff Thorborn den Titel gewonnen. Nun musste Dott die Überlegenheit seines Gegners akzeptieren, er unterlag im Finale "Best of 35" mit 13:18 Frames.

Die österreichischen Snooker-Fans können die WM-Finalisten und weitere Stars der Szene vom 20. bis 24. Mai im Rahmen der Austrian Open wieder in der Welser BRP-Rotax-Halle bewundern.

Robertson verkörperte in dieser Auseinandersetzung eine neue Leichtigkeit des Seins. Dabei stand der Anfang seiner Karriere unter keinem guten Stern. Mit 16 Jahren wurde er Profi und stieg rasch in die Top 16 der Weltrangliste auf. Doch Heimweh und in der Folge durchschnittliche Leistungen warfen ihn zurück. Robertson kehrte dem Profisport den Rücken und dachte in der Heimat über seine weitere Zukunft nach. Er startete einen erneuten Anlauf Richtung Weltspitze. Im Alter von 21 Jahren qualifizierte sich Robertson wieder für die Profi-Tour - und diesmal gelang der Durchbruch. Siege bei wichtigen Turnieren folgten.

Für Robertson, der seinen Blondschopf häufig unter einer Mütze versteckt, sei es zwar "die härteste Entscheidung meines Lebens" gewesen, Familie und Freunde zu verlassen, doch sie sei unerlässlich gewesen, um den Angriff auf die Nummer eins der Weltrangliste zu unternehmen. Der Erfolg in Sheffield hievte ihn nun auf Platz zwei. Der im Achtelfinale gescheiterte Titelverteidiger John Higgins muss stärker denn je um seine Vorherrschaft bangen. Der Schotte ist außerdem wegen einer angeblichen Verwicklung in einen Manipulations-Skandal gesperrt (derStandard.at berichtete).

"Ich bin immer hartnäckig geblieben. Ich bin mit 500 Pfund in der Hosentasche in England angekommen und musste mir sogar eine Weste bei einem Kollegen leihen", sagte Robertson. Diese Zeiten sind vorbei. Allein der Siegerscheck nach dem Triumph in Sheffield lautete auf 381.000 Dollar ausgestellt. Und auch Mutter Alisons Quetschungen  hat er gut überstanden. (sid/red)

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    Weltmeister Neil Robertson

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