"Ich wünsche mir fast Johannes Hahn zurück"

4. Mai 2010, 16:40
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Zugangsbeschränkungen kommen, Studieneingangsphasen werden strikter - Wo sind die Uni-Proteste? derStandard.at hat sich umgehört

"Bildung für alle, und zwar umsonst", dringt es aus dem Megaphon. "Geld für Bildung statt für Banken", ist ein anderer Slogan. Es sind die Sprüche der Audimax-Bewegung des Herbstes 2009, die versammelten Personen tragen die Transparente, die Buttons, die T-Shirts einer Studentenbewegung, die für ihre Anliegen wochenlang Hörsäle besetzt hat. Seit der Räumung der letzten Hörsäle ist es ruhig geworden um die Studierenden. Die Studenten haben sich wieder in den Alltag aus Studium und Beruf zurückbegeben. Viele müssen die versäumte Zeit in den Seminaren und Vorlesungen nun nachholen, die besetzten Hörsäle haben einen neuen Anstrich bekommen.

70 Personen bei Kundgebung

Das was von den Protesten geblieben ist - der Hochschuldialog - verebbt zunehmend. Auch weil das Ministerium den Ausgang des Dialogs für seine Entscheidungen nicht abwartet. Zugangsbeschränkungen jetzt, Studieneingangsphase Neu noch vor dem Sommer, Ende des Hochschuldialogs jedoch erst im Herbst. All das parallel zum Hochschuldialog sei "extrem demotivierend", so der grüne Bildungssprecher Kurt Grünewald gegenüber derStandard.at.

Angst vor "Knock-Out"

Grünewald hat sich unter die rund 70 Protestierenden gemischt, die am Dienstag einem Kundgebungsaufruf der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH) zum Ballhausplatz gefolgt sind. Stein des aktuellen Anstoßes sind die Zugangsbeschränkungen, die am Dienstag im Ministerrat beschlossen wurden (derStandard.at berichtete) und die von Wissenschaftsministerin Beatrix Karl vorgeschlagenen Änderungen der Studieneingangsphase. Die Studierenden befürchten "Knock-Out"-Prüfungen am Ende des ersten Studienjahres.

"Wir harren der Dinge"

Die Proteste im Herbst kamen plötzlich, viele Dinge hatten sich angestaut, einen konkreten Anlassfall gab es nur bedingt. Bei den Trägern der Bewegung ist der Wille zu neuen Protesten zwar da, einige Arbeitsgruppen arbeiten weiterhin, doch der Funke zu erneuten Protesten springt nicht über. Dabei verändert sich dieser Tage die Hochschullandschaft grundlegend. "Wir harren der Dinge", so ein Sprecher der AG-Presse gegenüber derStandard.at. Man wolle nun die Verhandlungen in der Regierung abwarten, bevor man entsprechende Schritte setzt. Am 12. Mai will sich die Bewegung zu einem Plenum zusammentreffen.

Die Kanäle der Bewegung, Twitter, Facebook und co. sind weiterhin stumm. Aufregung gab es lediglich Dienstagnachmittag auf Twitter: "Das Audimax ist besetzt", hieß auf den diversen Kanälen. Nach einigen Minuten entpuppte sich die Nachricht als Falschmeldung. Fünf Menschen warteten auf den Vorlesungsbeginn.

"Karl ist eine Katastrophe"

"Das ist der Anfang von dem, was wir vorhaben in den nächsten Wochen", so die ÖH-Generalsekretärin Eva Maltschnig zu den Versammelten. Widerstand hat die ÖH angekündigt. Doch so recht mögen das hier die wenigsten glauben. Wenige Studierende rechnen mit weitgreifenden Protesten in den nächsten Wochen. Es habe sich ein hoher "Frustlevel" eingestellt, so ein Teilnehmer der Demonstration. Monatelang habe man protestiert, sich schließlich in den Hochschuldialog eingebracht und nun umgehte Wissenschaftsministerin Karl selbst diesen Prozess. "Karl ist eine Katastrophe", so der Student, "ich glaube kaum, was ich sage: Ich wünsche mir fast Johannes Hahn zurück."

"Bildungspolitische Frechheit"

„Abschaffung des Selektionsinstruments der Studieneingangsphasen (STEPs) inklusive ihrer Knock-Out-Prüfungen", so lautete eine Forderung der Audimax-Studierenden der Uni-Proteste in Wien im Herbst 2009. In den erwarteten Veränderungen sehen die Studierenden die Einschränkung des freien Hochschulzugangs,  die ÖH spricht von einer "bildungspolitischen Frechheit".

Audimax-Vertreter hinterfragen Hochschuldialog

Die Vertreter der Audimax-Bewegung im Hochschuldialog hinterfragen inzwischen ihre Beteiligung. Unlängst hatten sich die Rektoren aus dem Dialog verabschiedet. "Der Vorschlag der Ministerin widerspricht unserer Meinung nach drei Arbeitsforen", so einer der Vertreter, Philipp Feldbacher, gegenüber derStandard.at. Nächste Woche soll es einen Termin geben, wo alle Teilnehmer darüber diskutieren werden. "Da wird die Ausstiegsfrage eklatant sein", so Feldbacher. Er ist jedoch zuversichtlich, dass es in den nächsten Tagen zu Protesten kommt, konkrete Planungen gibt es derzeit jedoch nicht.

Regierung hat es erfolgreich geschafft die Proteste auszusitzen

"Man muss der Regierung auch zugestehen, dass sie es erfolgreich geschafft haben, die Bildungsproteste auszusitzen", so der Politikwissenschafts- und Raumplanungsstudent Martin Maurer bei der Demo. Viele Studierende sähen nun auch wenig Sinn in den Protesten, so Maurer. Das Gefühl etwas zu bewegen, für eine andere Uni zu kämpfen, ist der Resignation gewichen. Sie wissen, dass sich nun vieles ändert, doch die Reserven sind aufgebraucht. (seb, derStandard.at 4.5.2010)

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    foto: derstandard.at/pumberger
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