"Zwischen Untertanentum und Anarchismus"

3. Mai 2010, 19:31
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Sie waren "Heuschrecken" und lernten österreichische Kultursitten kennen. Die Linz-09-Intendanten, Martin Heller und Ulrich Fuchs, im Gespräch

Standard: Das europäische Kulturhauptstadtjahr in Linz ist gelaufen. Ihre Verträge als künstlerische Leiter endeten am 30. April. Werden Sie Linz - Österreich - vermissen?

Fuchs: Bei mir sind die Umzugskartons gepackt, und sie sind, genauso wie ich, schon auf dem Weg nach Marseille, der Kulturhauptstadt Europas 2013. Die damit verbundenen Emotionen sind, wie so oft im Leben, ambivalent. Einerseits Wehmut, weil ich in Linz mir ans Herz gewachsene Freunde zurücklasse, Vorfreude und Spannung andererseits auf das, was mich in Frankreich erwartet. Einen ersten Flug zur Eröffnung der Triennale Linz 1.0 habe ich aber auch schon gebucht.

Heller: Ich behalte mein Haus hier im Winterhafen als Rückzugsort. Denn das Haus und die Donau sind wunderbar. Gleichzeitig arbeite ich auch in Berlin, im Ruhrgebiet und selbstverständlich in der Schweiz. Diese Art der Wanderschaft gefällt mir gut. Außerdem bin ich sehr neugierig, was sich in der Stadt nach dem Jahr der Kulturhauptstadt alles tut.

Standard: Wenn Sie sich an die Anfänge Ihrer Arbeit in Oberösterreich zurückerinnern, wie begegneten die Linzer einem Schweizer Intendanten und dessen deutschem Stellvertreter?

Fuchs: Als ich zu Beginn vorgestellt wurde, hieß es oft: 'Das ist der stellvertretende Intendant, er ist zwar Deutscher, kommt aber aus Bayern.' Auf diese abgemilderte Form des Deutschtums, indem man auf einen Nachbarstaat Österreichs verweist, wurde gern hingewiesen. Erschreckend fand ich hingegen die Begrifflichkeiten, die ohne öffentlichen Widerspruch verwendet wurden, als es zu ersten Reibungspunkten kam, weil die Intendanz anders entschied als angenommen. Da wurde auf einmal in der öffentlichen und veröffentlichten Meinung von uns als Heuschrecken geredet - sei es nun als biblische Plage oder im Sinne von Münteferings Titulierung von kriminellen Finanzinvestoren. Da spürten wir, wie schnell das Pendel in die andere Richtung umschlagen kann.

Heller: Transnationale Spannungen hat es tatsächlich immer dann gegeben, wenn ich mich nicht so verhalten habe wie erwartet. Zum Beispiel durch meine mitunter direkte Art - da hieß es auf einmal, natürlich, der ist ja nicht von hier. Entsprechend mussten wir aufpassen, Linz nicht zu sehr und zu oft mit anderen Städten zu vergleichen, weil solche Vergleiche rasch als Herabsetzung empfunden wurden. Im Laufe der Jahre zeigte sich aber auch in der täglichen Arbeitserfahrung eine grundlegend andere Orientierung. Was Österreich, die Schweiz und Deutschland kulturell am meisten unterscheidet, ist das Verhältnis zum Staat.

Standard: Welche Unterschiede sind Ihnen aufgefallen?

Fuchs: Ein binationaler Unterschied ist zum Beispiel, dass der Subtext in der österreichischen Sprache eine größere Bedeutung hat als in der deutschen. Wenn jemand hier 'Das war aber ein bisserl wenig' sagt, heißt das im Deutschen: ,Das geht aber gar nicht'. Ich habe den Eindruck, die SchriftstellerInnnen in Österreich fechten mit der Sprache Florett, die in Deutschland eher Degen.

Heller: Ich habe festgestellt, dass Staat in Österreich viel mehr Machtpolitik ist - institutionalisierte und pragmatisierte Machtpolitik. Ein Beispiel: Kulturpolitisch relevante Besetzungen wichtiger Posten wie etwa Staatsopern- oder Mumok-Leitung im ministeriellen Alleingang, also ohne demokratisch legitimierte Verfahren, wären in Deutschland und der Schweiz undenkbar. Die staatliche Macht, so habe ich in Linz erfahren, ist eine steile Pyramide, mit dem Bürgermeister oder dem Landeshauptmann an der Spitze. Das gibt es in der Schweiz nicht, dort empfinden sich die Bürgerinnen und Bürger als Auftraggeber des Staates. In Österreich unterziehen sich alle diesem Machtsystem, weil sie kaum eine Chance haben, sich abweichend zu verhalten.

Fuchs: Die Gesellschaft spielt in Österreich viel weniger eine öffentliche Rolle.

Standard: Wollen Sie damit sagen, in Österreich gibt es keine aufgeklärte Gesellschaft?

Heller: Die Machtstruktur produziert ein Schlingern zwischen Untertanentum und Anarchismus, je nach Situation und durchaus auch in ein und derselben Person. Kaum jemand vermag sich aus dieser staatlichen Perspektive auszuklinken. Denn das System zeigt einem schnell die Folterinstrumente - über das Geld. In der Schweiz ist es für Kulturschaffende viel leichter, unpolitisch zu sein, das Leben nicht über staatliche Subventionen zu finanzieren. In Österreich bleibt die Finanzierung von Kultur durch die Wirtschaft oder durch private Stiftungen weit hinter dem Stand der Dinge in den deutschsprachigen Nachbarländern zurück.

Standard: Das bedeutet, eine unabhängige Kulturarbeit ist in Österreich nicht möglich?

Heller: Ich stelle nur fest, dass etwa die sogenannte freie Szene in Österreich sehr oft die Pathosformel der Avantgarde bemüht. Und dies zu einem Zeitpunkt, an dem solche Stilisierungen europaweit niemanden mehr interessieren. Es kam mir hier manchmal so vor, als ob ich eine Zeitreise mache.

Fuchs: Allerdings, und das haben wir schätzen gelernt, der österreichische Staat hat durchaus ein hohes Bewusstsein für Kunst und Kultur und deren Autonomie. Der Stellenwert der Kultur im öffentlichen Bewusstsein ist hier viel wesentlicher. In Oberösterreich zeigt sich das schon allein in der Personalunion von Landeshauptmann und Kulturreferent - und das nicht aus Einsparungsgründen, wie dies in Deutschland geschieht: Dort ist der Prozess der Instrumentalisierung durch Politik viel weiter fortgeschritten. Mit dem Ziel der Ökonominisierung des Kulturbereichs wird alles hinterfragt und auf wirtschaftliche Relevanz für den Standort überprüft. Jedoch gilt die Förderung in Österreich vor allem der Hochkultur. Für neu entstehende Initiativen oder freischaffende KünstlerInnen ist es wirklich schwierig, ohne staatliche Hilfe zu bestehen. Denn für die- se Szene besteht in Österreich kein gesellschaftlicher Nährboden. Das hängt meines Erachtens damit zusammen, dass die Zivilgesellschaft, zum Beispiel in Linz, viel schwächer ist als in vergleichbaren deutschen Städten. Es gibt keine Tradition des kritischen Diskurses mit der gewählten Macht.

(Kerstin Scheller, DER STANDARD/Printausgabe, 04.05.2010)

Zu den Personen:
Martin Heller (57), Linz-09- Intendant, studierte in seiner Geburtsstadt Basel Kunstgeschichte, Ethnologie und europäische Volkskunde. Derzeit bereitet er eine Ausstellung zur Stadtentwicklung Berlins für den Herbst vor. -- Ulrich Fuchs (48), stellvertretender Linz-09-Intendant, stammt aus der Oberpfalz. Er studierte in Berlin Germanistik, Politik, Geschichte, Soziologie und Theaterwissenschaften. Jetzt ist er in Marseille stellvertretender Intendant für die europäische Kulturhauptstadt 2013.

  • Martin Heller (li.) und Ulrich Fuchs haben in Linz ihre Arbeit 
abgeschlossen. Für den Schweizer und den Deutschen waren die Jahre der 
Intendanz Lehrjahre.
    foto: wakolbinger

    Martin Heller (li.) und Ulrich Fuchs haben in Linz ihre Arbeit abgeschlossen. Für den Schweizer und den Deutschen waren die Jahre der Intendanz Lehrjahre.

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