Erklärungsbedarf

3. Mai 2010, 18:25
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Sonst nimmt die Desinformation überhand

Kann es sein, dass wir seit einer Woche von Kanzler Werner Faymann nichts Substanzielles zur Griechenland/Euro-Krise gehört haben? Der Erinnerung nach ist es so, und eine Suche in den Agenturarchiven fördert auch nichts zutage, außer dass Faymann beim Ministerrat vergangenen Dienstag Finanzminister Josef Pröll zustimmte: Man werde Griechenland ohne strenge Auflagen nichts geben.

Pröll hat sich inzwischen mehrfach zu dem übers Wochenende beschlossenen Rettungsplan geäußert, und zwar grundsätzlicher. Das sei nicht nur eine Krise Griechenlands, sondern auch des Euro und der ganzen EU. Deren Zukunft hänge davon ab, ob man diese Krise nun meistern könne. Pröll wollte sogar einen Vergleich mit der Weltwirtschaftskrise in den Dreißigerjahren nicht ausschließen. Das kann man als Panikmache und Versuch einer Rechtfertigung für die Milliardenhilfe an Athen betrachten - oder als Versuch, den Österreichern die Augen zu öffnen und ihnen ein Gefühl für das größere Bild zu geben.

Normalerweise erwartet man so etwas vom Bundeskanzler. Der sollte sich vielleicht auch zu bizarren Ideen prominenter Zeitgenossen äußern (Strache will die Mittelmeerländer aus der Eurozone ausschließen; Dichand plädiert für den EU-Austritt und die Gründung einer ökonomischen Donaumonarchie). Es besteht Erklärungs- oder eher Aufklärungsbedarf. Sonst nimmt die Desinformation überhand. (Hans Rauscher, DER STANDARD, Printausgabe, 4.5.2010)

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