Neue Hoffnung auf dem alten "Ground Zero"

3. Mai 2010, 18:56
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Nie war die Welt dem Ziel, die nukleare Bedrohung zu verringern, näher als heute. Der Konferenz zur Überprüfung des Atomwaffensperrvertrages in New York müssen jedoch viele kleine Schritte folgen

Vor wenigen Wochen auf einer Reise nach Kasachstan hatte ich die ernüchternde Erfahrung, am "Ground Zero" zu stehen - am berüchtigten Testgelände bei Semipalatinsk, wo die Sowjetunion 456 Atomexplosionen von 1947 bis 1989 durchführte.

Außer einem Kreis aus massiven Betonsockeln zur Messung der Zerstörungskraft der Explosionen gab es wenig, was den Ort in der weiten und leeren Steppe hervorhob. Für Jahrzehnte war er ein Epizentrum des Kalten Krieges - wie ähnliche Testgelände in den USA: eine Bedrohung für das Leben auf unserem Planeten. Sein dunkles Erbe hält mit vergifteten Flüssen und Kindern, die an Krebs und Geburtsfehlern leiden, an.

Heutzutage ist Semipalatinsk ein starkes Symbol der Hoffnung geworden. Am 29. August 1991, kurz nach der Unabhängigkeit, hat der kasachische Präsident Nursultan Nasarbajew das Testgelände geschlossen und Atomwaffen abgeschafft. Es war ein handgreiflicher Ausdruck eines Traums, der uns lange versagt geblieben ist: eine Welt, frei von Atomwaffen. Nun, zum ersten Mal seit Generationen, können wir optimistisch sein.

An dem Tag, an dem ich am "Ground Zero" stand, kündigte US-Präsident Barack Obama eine Überprüfung der US-Nuklearstrategie an. Um als Vorbild voranzuschreiten, hat er darauf verzichtet, neue Atomwaffen zu entwickeln, und schwor dem Erstschlag gegen Staaten im Einklang mit dem Atomwaffensperrvertrag ab. Zwei Tage später haben die Präsidenten der USA und Russlands, Barack Obama und Dmitri Medwedew, ein neues Start-Abkommen in Prag unterzeichnet: ein neuer Start zu einem wirklich noblen Ziel.

Weltweit nimmt die Dynamik zu. Regierungen und zivilgesellschaftliche Gruppen, die oft miteinander im Streit liegen, haben begonnen, für eine gemeinsame Sache zu arbeiten. Auf dem vor kurzem abgehaltenen Gipfel zur nuklearen Sicherheit in Washington haben sich 47 Staats- und Regierungschefs darauf geeinigt, alles Notwendige zu tun, um solche Waffen und Nuklearmaterial sicher zu verwahren. Ihr gemeinsames Gefühl der Dringlichkeit spiegelt eine anerkannte Realität wider: Nuklearterrorismus ist keine Hollywood-Fantasie. Er ist möglich.

Die Vereinten Nationen sind zum Zentrum dieser Bemühungen bestimmt. Gerade kürzlich hat die Uno-Generalversammlung eine Sonderdebatte über nukleare Abrüstung und Sicherheit abgehalten. Diese ist aus einem Fünfpunkteplan entstanden, den ich gegen Ende des Jahres 2008 vorgelegt habe, sowie aus einem historischen Gipfeltreffen des Sicherheitsrates im vergangenen September.

Diese Woche kommen die Staats- und Regierungschefs zur Überprüfungskonferenz des Atomwaffensperrvertrags zusammen. Ihr Treffen vor fünf Jahren wurde allgemein als gescheitert bezeichnet. Im Gegensatz dazu können wir darauf hoffen, dieses Mal bei einer Reihe von Themen voranzukommen.

Wir sollten nicht unrealistisch sein, aber wir dürfen diese Gelegenheit auch nicht verstreichen lassen. Wir benötigen Fortschritte bei der Abrüstung und bei der friedlichen Nutzung der Kernenergie. Auch müssen die Verpflichtungen zur Nichtverbreitung eingehalten werden - einschließlich einer atomwaffenfreien Zone im Nahen Osten.

Durchbruch steht noch aus

Ich habe vorgeschlagen, Ende des Jahres eine Uno-Konferenz zu organisieren, bei der das Übereinkommen zur Bekämpfung des nuklearen Terrorismus überprüft werden soll. Wir werden ein Treffen auf Ministerebene veranstalten, damit der Vertrag zum umfassenden Verbot von Nuklearversuchen in Kraft treten kann. Ich habe außerdem die Staats- und Regierungschefs aufgefordert, Verhandlungen für einen bindenden Vertrag zu spaltbarem Material zu beginnen. Ab Oktober wird die Generalversammlung über mehr als 50 Resolutionen zu verschiedenen Themen rund um die Atomkraft beraten. Unser Ziel: Wir wollen jetzt viele kleine Schritte machen, um den Boden für den späteren großen Durchbruch zu bereiten.

Diese Arbeiten spiegeln die Prioritäten der Mitgliedstaaten wider und werden von einer breiten Öffentlichkeit unterstützt. Wir kennen alle die schrecklichen Folgen nuklearer Waffen, und genauso wissen wir, dass es die Gefahr so lange geben wird, solange diese tödlichen Waffen existieren. Für die Zukunft unserer Erde bleibt uns keine Alternative, als die Abrüstung weiter voranzutreiben. Eine weltweite Zusammenarbeit ist der einzige Weg zum Erfolg.

Wo, wenn nicht bei den Vereinten Nationen, können wir eine weltweite Ebene für eine Zusammenarbeit finden? Bilaterale und regionale Verhandlungen können viel erreichen, aber für eine langfristige und effektive Zusammenarbeit auf internationaler Ebene benötigen wir mehr. Die Vereinten Nationen, zusammen mit der Genfer Abrüstungskonferenz, bieten ein Forum für internationale Verhandlungen.

Die Vereinten Nationen sind das einzig universell anerkannte Forum für weltweite Debatten und Übereinkünfte zwischen Staaten und Gesellschaften. Sie dienen nicht nur der Aufbewahrung von Verträgen, sondern auch der genauen Dokumentation der Umsetzung dieser Verträge. Sie sind eine Quelle für unabhängige Expertise in enger Zusammenarbeit mit der Internationalen Atomenergiebehörde.

Eine Welt ohne Atomwaffen

Die Vereinten Nationen stehen heute an einem neuen "Ground Zero" - einem "Ground Zero" der weltweiten Abrüstung: Das ist kein Ort des Todes mehr, sondern ein Ort der Hoffnung.

Jene, die mit uns heute hier stehen, teilen die Vision einer atomwaffenfreien Welt. Die Zeit zu handeln ist gekommen, den Forderungen der Menschen auf der ganzen Welt nach einer atomwaffenfreien Welt Nachruck zu verleihen. (Ban Ki-Moon, DER STANDARD, Printausgabe 4.5.2010)

Ban Ki-moon ist Generalsekretär der Vereinten Nationen.

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    Nein zur Bombe: Demonstranten begleiten die UN-Konferenz zur Überprüfung des Atomwaffensperrvertrages in New York.

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