Lustiger Dorfplatz der Operngefühle

3. Mai 2010, 17:29
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Herwig Reiters "Campiello" in der Expedihalle

Wien - Einen nach Belebung dürstenden Dorfplatz hat man in der Expedithalle gebaut (Bühnenbild: Gabriele Attl): Er soll Spielplatz der Sehnsüchte und Träume, der Täuschungen und Enttäuschungen sein; und ganz nah am Geschehen sitzt das Publikum an den Tischchen der Dorfplatzschenke, nippt am Wein und muss sich zunächst allerdings ein wenig in Geduld üben. Bis hier Handlungsleben aufkeimt, dauert es nämlich.

Schließlich sind da eine Menge Figuren, und jede einzelne will Komponist Herwig Reiter in seiner Oper Campiello (eine Goldoni-Bearbeitung von Peter Turrini ist Libretto) mit einem vorstellenden Auftritt bedienen. Die drei älteren Damen, die nach wie vor ihre besonderen Wünsche haben. Ihre Kinder, die es zu verheiraten gilt. Auch den Cavaliere, der Verwirrung stiftet- und einige mehr.

Das ist sehr nett vom Tonsetzer. So dauert es allerdings ein gehöriges Weilchen, bis die lustige Opernsache aus der Verzettelung in die Figuren heraus- und ins Laufen kommt. Wie dann der Cavaliere (witzig Andreas Jankowitsch) vorgeführt und in eine Beziehung mit der arroganten Gasparina (angenehm kapriziös Hege Gustava Tjonn) gepresst wird, wie sich junge Pärchen im Dickicht der Verklemmungen und der Eifersucht langsam doch finden, das wirkt sympathisch. Und keinesfalls will man jene finale Szene missen, in der zwei beschwipste älteren Damen, Catte (Anna Clare Hauf) und Pasqua (Karin Goltz), im Duett gegen die Falten schaffende Kraft der Zeit aufbegehren.

Solch vertiefender Figurenblick gelingt Regisseur Anselm Lipgens öfters und dies natürlich auch dank des guten Ensembles (Anette Schönmüller als Orsola, Isabel Seebacher als Zorzetto, Ulla Pilz als Gnese, Julia Koci als Lucietta, Markus Miesenberger als Anzelotto, Gebhard Heegmann als Fabrizio und Rupert Bergmann als Sansuga), um das herum eine gekonnt tänzelnde tonale Musik für Atmosphäre sorgt.

Das Amadeus-Ensemble-Wien unter Walter Kobera setzt diesen Mix aus Gershwin, Polytonalität, Musical, Operettenenseligkeit und Kurt Weill delikat um. Dennoch: Als schlanker Neunzigminüter hätte Campiello noch weitaus mehr Charme entfaltet. (Ljubiša Tošic, DER STANDARD/Printausgabe, 04.05.2010)

4., 7. und 8. Mai, Expedithalle, Puchsbaumgasse 1, Karten: 0699/107 45 907, 19.30

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