Wir Hellenen

3. Mai 2010, 17:15
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"Griechen" sind in uns und unter uns

Griechen-Bashing ist in, und die Hiebe sind nicht ganz unverdient. Lebenslange Waisenrenten unverheirateter oder geschiedener Beamtentöchter wurden zum Symbol sorgloser Prasserei von Phäaken auf Kosten tüchtiger und sparsamer Nord- und Mitteleuropäer. Wir bekämpfen umso erbitterter, was wir uns selbst schmerzlich versagen - oder weniger meisterhaft be-herrschen: schamlos erfolgreich zu schwindeln und "über die Verhältnisse zu leben."

Doch "Griechen" sind in uns und unter uns. Auch wir geben diesen Versuchungen tagtäglich nach: Kärnten ist Österreichs Griechenland und unser Pensionssystem (nicht nur in Kärnten) voll verführerisch "griechischer" Praktiken - nicht nur für Militär, Polizei, Bahn, Bauern, Beamte, (National-)Banker, Altpolitiker und Sozialbürokraten. Die Hypo Alpe Adria allein kostet uns mehr Steuereuros als Athen.

Eine Kärntner A-Beamtin bezieht 350.000 Euro mehr Pension als eine Bundesbeamtin und diese ebenso viel mehr als eine Akademikerin in der Privatwirtschaft - und wir Österreicher mit 525.000 bis 608.000 Dollar Lebenspensionssumme 39 Prozent mehr als Deutsche, 45 Prozent mehr als OECD- und 127 Prozent mehr als US-Bürger. Solche "Ruhegenüsse" trotz Rekordfrühpensionen (90 Prozent vor 65) heißen bloß, dass trotz höchsten impliziten Beitragssatzes (31 Prozent) an die PV-Kassen 30 Prozent der zugesicherten Pensionen nicht gedeckt sind; bei 24 Prozent Beitragslücke im Privat- und 49 Prozent im öffentlichen Sektor. Doch während in Frankreich Alarm geschlagen wird, 2050 könnte jede fünfte Pension nicht mehr aus Beiträgen gedeckt sein, bleiben wir bei jeder dritten 2010 ungedeckten Pension ultracool ungerührt. Ist das gelebter Stoizismus - oder doch bloß Blödheit, Todessehnsucht und Lust am Untergang, Funèbre mit Pomp und Trara?

Griechenland ist illiquid und insolvent. Ersteres wird durch Hilfspakete von IWF und EU vertagt, wodurch kritische Zeit gewonnen wird, Letzteres wohl nur durch Umschuldung aufzufangen sein. Strauss-Kahns Deflationsszenario - Senken von Nominallöhnen und Preisen - wird bei weiterer Realitätsleugnung nicht funktionieren. Proteste gegen überlebensnötige Austerität erinnern an die Schrott-Airline Sabena: Piloten streikten noch am allerletzten "Werktag" für höhere Gagen.

Was sonst ist aus der griechischen Tragödie zu lernen? Schwindeln geht leicht, aber nie dauerhaft. Billiges Geld zu konsumieren statt zu investieren ist sündteuer, es vernichtete in den USA seit 2000 Privatvermögensbildung von 20 Jahren. Zum Abbremsen der Schuldendynamik bräuchte Athen bis 2014 sechs Prozent Budgetüberschuss: Noch nie hat ein Staat so kurzfristig 20 Prozent des Haushalts eingespart.

Mit Deflation droht anhaltende Wachstumsschwäche, wobei ein Prozent weniger Wachstum minus 20 Prozent Altersvorsorge oder zusätzliche fünf bis sechs Jahre längeres Arbeiten bedeutet. Auch außerhalb Griechenlands sind die alternsbedingten Ausgaben 20-mal die Kosten von Finanzcrash und Weltwirtschaftskrise; also jedes Jahr bis 2030 die Kosten der Notpakete 2009. Ohne einheitliche EU-Wirtschaftspolitik wird sich der Euro längerfristig auflösen, und zwar von der "harten" Nord-Euro-Währungszone her. Und der Süden könnte "Argentinien" ab 2001 werden - hoffentlich ohne fünf Präsidenten in 13 Tagen und gewalttätige Cacerolazos mit zig Toten. (Bernd Marin, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4.5.2010)

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