"Ich schaue nicht neuem Kinosterben zu"

3. Mai 2010, 16:46
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Kinodigitalisierung, Filmförderung, Festivalpolitik: Wie sichert die Stadt Wien in Zukunft ihr vielfältiges Angebot?

Mit Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny sprachen Dominik Kamalzadeh und Isabella Reicher.

***

Standard: Programmkinomacher beklagen derzeit, dass die Umrüstung der Kinos auf digitale Projektion aufgrund der hohen Investitionen ein nächstes Kinosterben nach sich ziehen könnte. In Österreich stehen wir vor der Situation, dass die Cineplexx gerade rund 170 Säle digital ausgestattet hat und damit ihre Monopolstellung verstärkt. Gibt es diesbezüglich Initiativen der Stadt?

Mailath-Pokorny: Dazu muss man sich sehr rasch etwas überlegen. Wir haben das Instrument der Kinoförderung. Manche Kinos wie das Künstlerhaus schaffen es sogar aus eigener Kraft, das Problem für sich zu lösen. Ich kann nur Bereitschaft signalisieren, glaube aber, dass das eine gemeinschaftliche Sache zwischen Wirtschaftskammer, Verleihern sowie Stadt und Bund sein muss. Es kann nicht sein, dass die Stadt das allein übernimmt. Es ist ja primär eine technisch-wirtschaftliche Angelegenheit. Die Kinoförderung selbst wurde ja schon im vergangenen Jahr erhöht.

Standard: Um 120.000 Euro, aber alleine die Umrüstung eines einzigen Kinosaals kostet ...

Mailath-Pokorny: ... 80.000 Euro. Ich sage nicht, dass man das mit der Kinoförderung allein lösen kann. Aber wenn die Stadt sich um ihre Kinos kümmert, gehört dazu auch, dass wir uns bezüglich Digitalisierung an einer Lösung beteiligen.

Standard: Das klingt noch nicht sehr konkret. Vom Fachverband der Lichtspielhäuser hört man, dass aus dessen Sicht schon der Hut brennt.

Mailath-Pokorny: Es ist auch primär einmal Aufgabe der Kinos und der Verleiher, sich darum zu kümmern. Wir können uns nur beteiligen. Aber ich bin nicht vor zehn Jahren angetreten, um dem Wiener Kinosterben entgegenzutreten, und schau jetzt zu, wie die Digitalisierung einen ähnlichen Effekt haben könnte.

Standard: Das heißt, es gibt noch keine diesbezüglichen Gespräche.

Mailath-Pokorny: Noch ist man nicht an mich herangetreten. Wollen wir weiter ein möglichst vielfältiges Kinoangebot in der Stadt haben, dann gehört auch dazu, dass die Kinos technisch entsprechend ausgerüstet sind. Aber das ist zunächst Aufgabe der Kinos und ihrer Vertretungen, der Wirtschaftskammer und erst in letzter Konsequenz eine Aufgabe der Kulturförderung.

Standard: Wie sieht Ihr Zwischenresümee nach eineinhalb Jahren Führungswechsel zu Claus Philipp im Stadtkino aus?

Mailath-Pokorny: Ich glaube, dass das Stadtkino als kommunales Programmkino verstärkt wahrgenommen wird. Es gibt mehr Zuschauer. Das Stadtkino hat auch eine wesentliche Aufgabe als Verleih - die Investitionen rechnen sich absolut, auch außerhalb Wiens. Umso mehr, als wir ja insgesamt im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus feststellen, dass es zu einer noch stärkeren Verengung und Monopolisierung insbesondere am Verleihsektor kommt. Und da, glaube ich, gehört es zu den politischen Aufgaben einer Kommune, dem bestmöglich entgegenzuwirken.

Standard: Es gibt im Stadtkino-Verleihprogramm die neue Tendenz, verstärkt auch österreichische Produktionen zu zeigen. Gab es von Ihrer Seite dazu einen Auftrag?

Mailath-Pokorny: Wenn die Stadt einerseits die Filmförderung erhöht, und zwar massiv, um 44 Prozent, dann gehört natürlich auch dazu, dass das nicht nur auf der Produktionsseite wirksam sein sollte, sondern eben auch auf der Abspielseite. Wir brauchen Abspielorte, um auch den österreichischen Film zeigen zu können.

Standard: Sie haben das Filmförderungsbudget 2008 um 4,25 Millionen Euro erhöht, aber wenn man sich die Verteilung ein wenig genauer ansieht, fällt auf, dass es eine klare Tendenz gibt, eher die Flaggschiffe - also die entsprechenden Großveranstalter, den Kinospiel- und Dokumentarfilm - zu unterstützen und weniger minoritäre Formen wie Experimentalfilme.

Mailath-Pokorny: Wir haben sowohl die kleine Filmförderung aufgestockt als auch die große. In beiden Fällen liegen wir europaweit absolut im Spitzenfeld.

Standard: Was die Ausstattung des Filmfonds betrifft, stimmt das.

Mailath-Pokorny: Auch was die kleine Filmförderung betrifft. Ich kenne nicht viele Kommunen, die noch extra kleine Produktionen und die Abspielstätten fördern.

Standard: Der Bund leistet sich eine höhere Förderung - wenn man ÖFI und Filmabteilung vergleicht, ist die Schere zwischen Klein und Groß nicht ganz so weit.

Mailath-Pokorny: Ich bin der Erste, der kämpft und sagt, noch mehr Geld wäre notwendig. Aber wir haben grundsätzlich einen wesentlichen Schritt getätigt und in allen Bereichen, auch bei den neuen Medien, das Budget erhöht. Proportional haben wir die kleinen Filme wahrscheinlich sogar mehr erhöht. Aber natürlich muss man diesem Schritt in den nächsten Jahren noch weitere folgen lassen.

Standard: Bei den Festivals ist eine ähnliche Verhältnismäßigkeit zu beobachten wie bei der Filmförderung: Die Viennale ist das zentrale Filmfestival Wiens, aber sie ist mittlerweile so dominant, dass viele andere Initiativen daneben auf ein Zwergendasein reduziert und kaum durchführbar sind.

Mailath-Pokorny: Dem halte ich entgegen, dass es sie überhaupt gibt - als ich vor acht Jahren angetreten bin, hat es die alle nicht gegeben. Auch diese kleinen Festivals werden von der Stadt finanziert.

Standard: Gibt es die Überlegung, auf struktureller Ebene einzuwirken und beispielsweise längerfristige Förderzusagen für kleinere Festivals zu geben, um Planungssicherheit zu gewähren?

Mailath-Pokorny: Darüber kann man nachdenken, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass es bei Initiativen, die sich entwickeln, am Anfang vernünftiger ist, den Rahmen nicht längerfristig festzuschreiben. Wenn es überall nur noch festgeschriebene Langzeitförderungen gibt, braucht es keine politischen Entscheidungen mehr. Dann reicht ein Computer, und der wickelt die Förderungen ab.

(DER STANDARD/Printausgabe, 04.05.2010)

Zur Person:
Andreas Mailath-Pokorny (50) ist seit 2001 Stadtrat für Kultur und Wissenschaft (SPÖ) in Wien.

  • Der Wiener Kulturstadtrat verspricht, sich an den Kosten der 
Digitalisierung von Kinos zu beteiligen und die Filmförderung in den 
nächsten Jahren weiter zu erhöhen.
 
Kino- und Kulturpolitik in Wien: Appell für den Brutplatz
Kulturpolitisches Thesenpapier des Wiener Kulturamts
Wien - Nach 
mehrjähriger Nachdenkarbeit können auf einer Homepage 
(wien-denkt-weiter.at) die Früchte eines von Kulturstadtrat 
Mailath-Pokorny in Auftrag gegebenen Kultur-Brainstormings abgerufen 
werden.
Das rund 15-seitige Thesenpapier "Kultur. Für Wien. Für 
morgen. Für fast alle"  ist ein bunt schillernder Katalog: Es dominieren
 erwartungsgemäß Ist-Zustandsbeschreibungen. Konkrete 
Absichtserklärungen verstecken sich hinter Überschriften, deren 
appellativer Charakter ("Es braucht eine neue Kultur der Vernetzung" ) 
sogar den Widerstand verstockter Kulturkonservativer im Nu brechen 
müsste.
Tatsächlich richten sich die empfohlenen 
Partizipationsangebote an Kulturschaffende jedweder Provenienz. In loser
 Fortführung der "Kreativwirtschaft"  wird die temporäre Nutzung neu zu 
schaffender "Breeding Places"  ("Brutplätze" ) nach Amsterdamer Vorbild 
empfohlen. Gestützt und gefördert werden sollen jene "nicht 
institutionalisierten Innovationsmilieus" , deren Vorhandensein man mit 
gutem Recht in den Durchmischungsräumen moderner Umbruchgesellschaften 
vermutet. Gewarnt wird indes auch vor den Gefahren eines "Paternalismus"
 , der als Haltung wohlmeinender Gewalt die Definitionsmacht über die 
Öffentlichkeit behält.
Konkret genannt wird die Absicht, ein neues
 Wien-Museum zu errichten. Denn: "Neubauten sind gewiss kein Wert an 
sich, aber sie bieten immer eine Chance: das Bild der Kulturstadt neu zu
 definieren."  (poh, DER STANDARD/Printausgabe, 04.05.2010)
    foto: h. corn

    Der Wiener Kulturstadtrat verspricht, sich an den Kosten der Digitalisierung von Kinos zu beteiligen und die Filmförderung in den nächsten Jahren weiter zu erhöhen.

     

    Kino- und Kulturpolitik in Wien: Appell für den Brutplatz
    Kulturpolitisches Thesenpapier des Wiener Kulturamts

    Wien - Nach mehrjähriger Nachdenkarbeit können auf einer Homepage (wien-denkt-weiter.at) die Früchte eines von Kulturstadtrat Mailath-Pokorny in Auftrag gegebenen Kultur-Brainstormings abgerufen werden.

    Das rund 15-seitige Thesenpapier "Kultur. Für Wien. Für morgen. Für fast alle" ist ein bunt schillernder Katalog: Es dominieren erwartungsgemäß Ist-Zustandsbeschreibungen. Konkrete Absichtserklärungen verstecken sich hinter Überschriften, deren appellativer Charakter ("Es braucht eine neue Kultur der Vernetzung" ) sogar den Widerstand verstockter Kulturkonservativer im Nu brechen müsste.

    Tatsächlich richten sich die empfohlenen Partizipationsangebote an Kulturschaffende jedweder Provenienz. In loser Fortführung der "Kreativwirtschaft" wird die temporäre Nutzung neu zu schaffender "Breeding Places" ("Brutplätze" ) nach Amsterdamer Vorbild empfohlen. Gestützt und gefördert werden sollen jene "nicht institutionalisierten Innovationsmilieus" , deren Vorhandensein man mit gutem Recht in den Durchmischungsräumen moderner Umbruchgesellschaften vermutet. Gewarnt wird indes auch vor den Gefahren eines "Paternalismus" , der als Haltung wohlmeinender Gewalt die Definitionsmacht über die Öffentlichkeit behält.

    Konkret genannt wird die Absicht, ein neues Wien-Museum zu errichten. Denn: "Neubauten sind gewiss kein Wert an sich, aber sie bieten immer eine Chance: das Bild der Kulturstadt neu zu definieren." (poh, DER STANDARD/Printausgabe, 04.05.2010)

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