ÖBB-Güterbahn fährt mit Eigenkapital ab

2. Mai 2010, 19:09
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Einst Ertragsperle der Staatsbahn, verursacht der ÖBB-Güterverkehr bei den Eigentümervertretern mittlerweile Besorgnis

Wien - Seit Donnerstag sind selbst die Optimisten in ÖBB-Eigentümerkreisen hörbar nervös. Der Grund: Die in der ÖBB-Holding-Aufsichtsratssitzung präsentierte Lage des ÖBB-Güterverkehrs Rail Cargo Austria (RCA). Sie wird von ÖBB-Kapitalvertretern "als sehr ernst" bezeichnet. Bis Sommer, heißt es, müsse für die einstige Cashcow ein Restrukturierungskonzept vorliegen, insbesondere für das in der Kerngesellschaft des RCA-Konzerns, der RCA-AG gebündelte Schienengüterverkehrsgeschäft sowie für die in Rail Cargo Hungaria umbenannte Ungarn-Tochter Máv Cargo.

Letztere hat laut der noch unveröffentlichten Bilanz 2009, die dem Standard vorliegt, mit 28,6 Mio. Euro Verlust mehr als ein Viertel des mit 101,8 Mio. Euro negativen RCA-Konzern-Betriebsergebnisses (Ebit) eingefahren. Zum Vergleich: 2008 erwirtschaftete der RCA-Konzern ohne Máv Cargo mit 11.000 Beschäftigten ein Ebit von minus 64,66 Mio. Euro.

Der Umsatzeinbruch verlief angesichts der Wirtschaftskrise hingegen moderater als avisiert: Die Erlöse gingen um 264 Mio. Euro auf 2,210 Milliarden Euro zurück - und nicht um fast 500 Mio. Euro.

Besorgniserregende Ertragslage

Umso besorgniserregender sehen ÖBB-Kontrollore die in der Bilanz 2009 dargestellte Ertragslage des RCA-Konzerns. Das Konzerneigenkapital hat sich seit Anfang 2008 von 790,4 Mio. Euro auf 365,8 Mio. Euro Ende 2009 mehr als halbiert - obwohl die "entschlossene Umsetzung von frühzeitig ergriffenen Gegensteuerungsmaßnahmen sowohl am Markt als auch bei der Kostenreduktion zu wesentlichen Erfolgen führte", wie der aus Friedrich Macher, Ferdinand Schmidt und Günther Riessland bestehende Dreiervorstand in der RCA-Konzernbilanz 2009 betont. Gut 90 Mio. Euro an Eigenkapital gingen für Vorsorgen für Pflegegeld, Fahrbegünstigung und gemeinwirtschaftliche Leistungen drauf.

Die Ebit-Marge hat sich von minus drei auf minus vier Prozent verschlechtert, die Eigenkapitalrentabilität wird mit minus 21 Prozent ausgewiesen. Die Verbesserung des Ergebnisses vor Steuern (EBT) von minus 332 auf minus 77,5 Mio. Euro hingegen ist im wesentlichen der Auflösung der Rücklagen für die Swaps mit der Deutschen Bank geschuldet. Ein Blick in die Bilanz des RCA-Teilkonzerns RCA-AG trägt nicht zur Beruhigung bei. Die für das Kerngeschäft Schienengüterverkehr zuständige RCA-Tochter fuhr tiefer in die roten Zahlen: Der Betriebserfolg verschlechterte sich von minus 28,61 Mio. Euro auf minus 171,3 Mio. Euro, weil "die bedeutenden Aufwandsreduktionen leider nicht die höheren Umsatzreduktionen kompensieren konnten", wie es heißt. Das Ebit sank von minus 93,6 auf minus 185,4 Mio. Euro, das Eigenkapital schrumpfte binnen Jahresfrist um 207 auf 341 Mio. Euro, nachdem 2008 bereits 146 Mio. Euro an nicht gebundenen Kapitalrücklagen verbraucht worden waren.

Komfortabel ist die Eigenkapitalquote mit 41 Prozent nur gemessen an der Bilanzsumme, die fiktive Schuldentilgungsdauer (gemäß Unternehmensreorganisationsgesetz) hingegen ist negativ. "Nicht nachvollziehbar" finden ÖBB-Räte vor diesem Hintergrund, dass die RCA-Führung die Ausgangslage für das Geschäftsjahr 2010 "exzellent" nennt. (Luise Ungerboeck, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 3.5.2010)

 

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    Nicht nur im Inlandsgüterverkehr laufen der Rail Cargo Austria die Kosten davon. Auch die ungarische Tochter Máv Cargo muss dringend saniert werden.

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