Erhöhte Staugefahr auf den Blutbahnen

2. Mai 2010, 18:49
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Krampfadern sind ein medizinisches Problem - Sie müssen behandelt werden - Experten streiten, ob Operation oder Laser-verfahren die bessere Methode ist

Mit den steigenden Temperaturen sieht man sie wieder: bläuliche, geschlängelte Adern in Kniekehle oder an der Wade, bei manchen knotig und dick wie ein kleiner Finger. Etwa jede vierte Frau und jeder sechste Mann hat Krampfadern. Das sind erweiterte Venen, in der Fachsprache Varizen. Ein Krampfaderleiden (Varikosis) ist nicht nur ein ästhetisches Problem: Es kann zu Beschwerden und Komplikationen führen. Mit einer rechtzeitigen Therapie kann man dies jedoch meist vermeiden.

Krampfadern können an allen Venen des Körpers auftreten, am häufigsten sind sie an den Beinen. Bei der primären Varikosis ist die Ursache noch nicht geklärt. Die sekundäre tritt im Rahmen anderer Krankheiten auf, zum Beispiel bei einem Tumor im Bauch oder bei Rechtsherzschwäche. "Bei der primären Form spielt vermutlich Vererbung eine große Rolle", sagt Sanja Schuller-Petrovic, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Phlebologie. "Dies führt zu einer Schwäche des Bindegewebes in den Venen." Begünstigend sind Übergewicht, wenig Bewegung und Hormone.

Unerwünschte Erweiterung

Bei Krampfadern sind die Venen so erweitert, dass die Klappen (siehe Grafik) nicht mehr richtig schließen und das Blut zurückfließt. "Durch den Rückstau erhöht sich der Druck in den Venen", erklärt Schuller-Petrovic. "Das schädigt die Gefäßwände, und sie lassen mehr Flüssigkeit, Eiweiß und Blutzellen durch. Als Folge schwellen die Beine an, und die Haut entzündet sich." Eine Varikosis beginnt oft mit Besenreisern, das sind kleine, erweiterte Venen. "Sie machen meist keine Beschwerden und stören nur kosmetisch. Kommen sie im Bereich der Knöchel vor, können sie aber auf eine Stammvarikosis weisen." Bei einer Stamm- oder Seitenastvarikosis sind die oberflächlichen Venen am Bein oder ihre Abzweigungen erweitert. Nicht immer sieht man Krampfadern von außen, manchmal weisen nur Beschwerden darauf hin: Anfangs schwellen Knöchel und Unterschenkel an, später verfärbt sich die Haut, juckt und entzündet sich. Bei einem von hundert entstehen offene Stellen. "Sind solche Geschwüre einmal aufgetreten, sind sie schwierig zu behandeln", sagt Wolfgang Schidrich, Chefarzt der Abteilung für Gefäß- und Allgemeinchirurgie an der Privatklinik Josefstadt in Wien. "Schwellen die Beine immer wieder an, hat man Schmerzen oder sieht Hautveränderungen, geht man besser zum Arzt."

Einig sind sich Venenexperten darin, wie man am besten eine Varikosis feststellt: mit dem Ultraschall. Nur in Ausnahmen sind Röntgen nötig. Ärzte streiten seit einiger Zeit jedoch über die beste Therapie: auf der einen Seite die Chirurgen, die eine Operation befürworten. Auf der anderen Seite diejenigen, die neue Therapiemethoden wie Laser oder Radiowellen für das einzig Richtige halten. Wem glauben? Viele profitieren zunächst von nichteingreifenden Verfahren: Stützstrümpfe tragen, nicht zu lange unbeweglich stehen, regelmäßige körperliche Bewegung und Übergewicht vermeiden. Medikamente können Wasseransammlungen reduzieren, heilen können sie Krampfadern aber nicht. Eine Verödungstherapie kommt vor allem bei Besenreisern und erweiterten Venen-Seitenästen infrage: Der Arzt spritzt ein Mittel in die Vene, die Venenwand wird geschädigt und verklebt. Das operative "Venenstripping" gilt seit Jahren als Standardtherapie. "Hierbei entfernen wir die gesamte Vene mithilfe eines Katheters", erklärt Schidrich. Zusätzlich bindet er die Seitenast- venen in der Leiste ab. Bei Laser- oder Radiowellentherapie führt der Arzt eine Spezialfaser in die Vene ein, die mit Laserlicht oder Radiowellen erwärmt wird. Die Vene klebt von innen zusammen, verhärtet sich und wird nach einiger Zeit vom Körper abgebaut.

Guy Maddern vom Australischen Register für die Sicherheit und Wirksamkeit neuer chirurgischer Verfahren analysierte kürzlich die Daten von 17 Studien zu verschiedenen Varizentherapien. "Laser und Radiowellen waren genauso wirksam wie eine Operation", so der Gefäßchirurg. "Die Patienten erholten sich aber schneller, und es ging ihnen in den ersten Wochen danach besser als Operierten." Nebenwirkungen traten bei den neuen Verfahren nicht häufiger auf. Ähnliche Ergebnisse zeigten jüngst Forscher der Uni Rotterdam mit einer Auswertung von 64 Studien. Langzeitergebnisse über mehr als fünf Jahre gibt es für die neuen Methoden noch nicht. "Es ist schwierig, zum jetzigen Zeitpunkt die langfristigen Ergebnisse vorherzusagen", sagt Maddern. "Wir erwarten aber nicht, dass die Venen nach längerer Zeit wieder aufgehen."

Rückfallraten

Den Erfolg der Therapie beurteilen Experten daran, wie häufig danach wieder Krampfadern entstehen. "Das Problem bei allen diesen Studien ist, dass wir nicht wissen, warum erneut Varizen aufgetreten sind", sagt Thomas Noppeney von der Deutschen Gesellschaft für Phlebologie. Dies kann drei Gründe haben: "Erstens können sich bisher gesunde Gefäße zu Krampfadern erweitern, zweitens können neue Blutgefäße in der Nähe der behandelten Krampfadern wachsen und sich zu Varizen ausdehnen, drittens kann sich die Vene wieder öffnen, weil die Behandlung nicht genügend wirkte oder weil der Chirurg die Technik nicht beherrschte." Bei den neuen Verfahren kommt hinzu, dass es unterschiedliche Techniken gibt, etwa verschiedene Wellenlängen beim Laser. "Um wirklich sagen zu können, welches Verfahren am besten ist, bräuchten wir Studien, die diese Unterschiede berücksichtigen. Geplant sind solche bislang nicht", gibt Noppeney zu. Was man bis jetzt sagen kann: Laser und Radiowellen wirken ähnlich gut wie eine Operation - über einen Zeitraum von einigen Jahren. "Wichtig ist, dass man bei Krampfadern überhaupt etwas tut", rät Noppeney. (Felicitas Witte, DER STANDARD Printausgabe, 3.5.2010)

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    Ärzte streiten sich darüber, welche Therapie die beste ist.

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