Das Klangdrama der Ausgewogenheit

2. Mai 2010, 17:55
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Der Pianist Krystian Zimerman

Wien - Schön, es gehört zu haben: Es gibt zwischen den Extremen - dem quasi fiebrig-süßlichen Weg zu Chopin und jenem analytisch-klaren Zugriff - doch so etwas wie einen produktiven Mittelweg, der in keinem faul-faden Interpretationskompromiss enden muss. Der polnische Pianist Krystian Zimerman geht ihn; und will man sein Spiel ausgewogen nennen, so ist damit nicht der unverbindliche Bereich des Ausdrucks gemeint. Vielmehr: Es herrscht bei Zimerman eine wundersam erdachte und erfühlte Balance zwischen den diversen emotionalen Kräften und Schichten. Sie alle kommen zu ihrem Recht, keine von ihnen erlangt jedoch Überdominanz.

Da kann eine rasende Phrase - wie beim Nocturne Fis-Dur op.15/2 - klingen, als würde ein Regentropfen so sanft wie flink ein Fenster runterrinnen. Da kann ein Thema ganz bockig daherkommen, um schließlich in der Wiederholung plötzlich in einem zart schimmernden Licht neu zu erstrahlen. Und geht es um größere Zusammenhänge (wie bei der 2. Klaviersonate b-Moll), stimmt auch das Verhältnis von Detail und Ganzheit.

Da gibt es im 1.Satz Idyllisches und deren aggressive Bedrängung; da gibt es im 2. Satz Nüchternheit wie auch aufgeladene Virtuosität. Und wenn beim 3. Satz die Aura der Trauer am Höhepunkt ankommt, stößt einen Zimerman brutal ins Presto und erreicht so eine aufwühlende Verschmelzung der Sätze. Es leuchtet diese Meisterschaft, Übergänge logisch und ausdrucksvoll zu gestalten, allerdings auch im melodischen "Mikrokosmos" auf - wie etwa in der Barcarolle Fis-Dur, wo Zimerman mit Kantabilität beeindruckt, nachdem er die 3. Klaviersonate als romantisches Drama erweckt hat, in dem er Kontrolle und Emotion auf das Delikateste vereint.

Sicher gab es quasi kleine Durchhänger, fahle Momente des "Durchatmens" . Man sollte ein solches Konzert jedoch an seinen großen Augenblicken messen, von denen es eine Überzahl gab. (Ljubiša Tošić/DER STANDARD, Printausgabe, 3. 5. 2010)

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