Lieber ein alter Dämon als ein neuer Gott

2. Mai 2010, 17:52
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Der New Yorker Musiker und Komponist gastierte mit einem seiner E-Gitarren-Orchester: Das blieb für die Hosen auf und vor der Bühne nicht ohne Folgen

Wien - Die Sache mit der Revolution hat mindestens einen Haken. Man müsste sich nämlich auch daran beteiligen. Und das ist in der neumodernen westlichen Welt insofern ein wenig aus der Mode gekommen, da die zeitgenössischen Mittelchen wie ein kämpferisch geschriebener Blog oder eine voll arge Facebook-Gruppe in Relation zu den angestrebten großen Veränderungen nicht einmal wurscht sind.

Insofern ist das heurige Motto des niederösterreichischen Donaufestivals - "Failed Revolutions" , gescheiterte Revolutionen - zwar irgendwie treffend. Das Thema wirkt aber trotzdem nur wie ein Hauberl, das jeder Band, jeder Performancegruppe übergezogen wird, bei der es sich terminlich einrichten ließ, dass sie an einem von zwei Wochenenden in Krems auftritt.

Und weil das Wort von der Revolution meist auch nach Veteranentum und Kriegsgeschichten von früher klingt und es im Zeitalter der Gleichzeitigkeit sehr, sehr schwierig geworden ist, noch irgendetwas Bahnbrechendes zu schaffen, begnügt sich auch das Donaufestival oft einmal mit den wilden Hunden von früher.

"Better an old Demon than a new God" , wie es so schön heißt. Eingedenk dieser Erkenntnis stand am Samstagabend zur Primetime der New Yorker Glenn Branca auf der Bühne des großen Saals und dirigierte eine aktuelle Version seines Gitarrenorchesters. Der 61-jährige Avantgarde-Komponist veröffentlichte zu Beginn der 1980er-Jahre seine ersten Sinfonien für E-Gitarren-Orchester am kultig gewordenen New Yorker Kleinstlabel 99 Records, das neben Branca etwa auch ESG und Liquid Liquid und deren minimalistischen Funk veröffentlichte. Beides Bands, die im Postpunk-Revival der Nullerjahre wiedergekehrt sind beziehungsweise spät eine größere Anerkennung erfahren haben.

Brancas Werk war und ist da schwieriger. Zwar gingen bei ihm Namen von später im populärkulturellen Zusammenhang groß gewordenen Bands quasi zur Schule - Lee Ranaldo und Thurston Moore von Sonic Youth oder Page Hamilton von Helmet zählen zu den bekanntesten. Doch Branca selbst war für sich selbst am Popformat nie interessiert, sondern hält bis heute an seinen Gitarrenorchestern fest. Seine 13. Sinfonie wurde gar von einem 100-köpfigen E-Gitarren-Orchester umgesetzt.

In Würde ergraut

In Krems begnügte er sich mit vier E-Gitarren, einem Bass und Libby Fab. So heißt die Schlagzeugerin, die den von Brancas vorgeführten Ausschnitt aus seinem Katalog mit einer selten gesehenen Energie und Kraft anpeitschte. Bistdunarrisch!

Branca, in Würde zart ergraut, stand mit krummem Rücken zum halbwegs gefüllten Saal und führte seine sechs Musiker. Das erschien allerdings etwas unnötig, da sich Branca - halb Cheerleader, halb Dirigent - zwar verausgabte, seine Gitarreros ihn jedoch kaum beachteten. Schließlich spielten sie vom Notenblatt. Ungeachtet dieses Rituals war die Wirkung des Ensembles aber so mitreißend wie beeindruckend.

Wirkmächtig

Gerade längere Stücke wie The Blood, die sich gern über eine Viertelstunde hin dehnten, lebten von eindringlichen repetitiven Motivvariationen, die bei derart breit aufgestellten Ensembles entsprechend wirkmächtig und intensiv ausfallen mussten. Stellenweise fühlte man sich - natürlich - an die frühen Sonic Youth erinnert, allerdings ohne den quengeligen Neben-der-Spur-Gesang von Kim Gordon oder Thurston Moore.

Branca verneigte sich mit einem Stück vor dem Minimalisten Steve Reich ("der dieses Stück wahrscheinlich nicht mögen würde" , so Branca), freute sich sichtlich in einem Land aufzutreten, in dem man auf der Bühne noch rauchen darf und richtete sich ein paar Mal ziemlich Homer-Simpsons-mäßig die Hose. Auch einem alten Dämonen verrutscht manchmal die Hose. Kein Wunder! Auch im Saal vibrierten angesichts der auf der Bühne erzeugten Wucht die Hosenbeine. (Karl Fluch/DER STANDARD, Printausgabe, 3. 5. 2010)

  • Glenn Branca und sein aktuelles sechsköpfiges Gitarrenorchester. Beim 
Kremser Donaufestival überzeugte der New Yorker am Samstag mit dieser 
auch schon wieder 30 Jahre alten Idee restlos.
    foto: donaufestival / oliver schulte

    Glenn Branca und sein aktuelles sechsköpfiges Gitarrenorchester. Beim Kremser Donaufestival überzeugte der New Yorker am Samstag mit dieser auch schon wieder 30 Jahre alten Idee restlos.

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