Polizei sucht Einzeltäter, Taliban bekennen sich

3. Mai 2010, 16:19
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Fahndung nach weißem Mann in den 40ern - Behörden bezeichnen Bekenntnis der Taliban als "reine Propaganda"

New York - Nach dem vereitelten Autobombenanschlag am New Yorker Times Square haben die US-Ermittler am Montag unter Hochdruck nach den Tätern gesucht. Die Ermittlungen konzentrierten sich auf einen weißen Mann in den Vierzigern, der in der Nähe des Tatorts aufgefallen war. Ein Video einer Sicherheitskamera zeigt ihn, wie er auf einem Gehweg das Hemd wechselt, in eine Tasche stopft und beim Weggehen mehrmals über die Schulter blickt. Die New York Times veröffentlichte am Montag das Video der Überwachungskameras am Times Square, das den mutmaßlich Verdächtigen zeigt. Die Sicherheitsbehörden vermieden es zunächst, den Mann zum Verdächtigen zu erklären. Er könnte auch ein Zeuge sein, sagte Heimatschutz-Ministerin Janet Napolitano dem Fernsehsender CNN.

Das Heimatschutz-Ministerium stufte den Zwischenfall als "potenziellen Terroranschlag" ein. Ein islamistischer Hintergrund wurde trotz eines entsprechenden Bekennerschreibens aber nicht vermutet. Es gebe bislang keinen Hinweis, dass Al-Kaida oder ähnliche Extremistengruppen die Tat geplant hätten, sagte Bürgermeister Michael Bloomberg. Auf einer von Islamisten genutzten Internetseite erklärten die pakistanischen Taliban, das Attentat sei als Vergeltung für den Tod der beiden "Talibananführer al-Baghdadi und al-Mahadjer sowie muslimischer Märtyrer" gedacht gewesen. Die Gruppe Tehrik-e-Taliban Pakistan (TTP) habe dies in einem Video erklärt, gaben die auf Beobachtung terroristischer Aktivitäten spezialisierten amerikanischen Institute SITE und IntelCenter am Sonntagabend bekannt. 

Bekennerschreiben wird geringe Bedeutung zugesprochen

Konkrete Hinweise auf eine Täterschaft pakistanischer Taliban gab es aber zunächst nicht. Die New Yorker Polizei maß dem Schreiben geringe Bedeutung zu. Auch die pakistanischen Behörden nannten es "reine Propaganda". Korrespondenten in Pakistan äußerten ebenfalls Zweifel. In der Erklärung des IntelCenter hieß es, es sei sehr unwahrscheinlich, dass der Anschlag wirklich innerhalb so kurzer Zeit nach dem Tod der Islamistenführer vor knapp 14 Tagen geplant und umgesetzt wurde. Solche Anschläge würden von langer Hand, oft Monate voraus geplant. Manchmal würden dann allerdings aktuelle Ereignisse benutzt, um sie zu begründen.

Die Talibangruppe TTP soll Verbindungen zum Terrornetzwerk Al- Kaida haben. Auf ihr Konto gehen zahlreiche Anschläge, darunter der Sprengstoffanschlag auf das Marriott-Hotel in Islamabad im Herbst 2008. Damals wurden mehr als 50 Menschen getötet.

"Sehr viel Glück gehabt"

New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg hatte am frühen Sonntagmorgen bekanntgegebene, dass es sich bei den verdächtigen Gegenständen in einem Auto am New Yorker Times Square um eine Bombe gehandelt habe. "Sagen wir, dass wir sehr viel Glück gehabt haben", sagte der Bürgermeister in einer vom US-Nachrichtensender CNN übertragenen Pressekonferenz in der Nacht auf Sonntag.

Wer hinter dem versuchten Anschlag stecke, sei noch unklar: "Wir haben keine Ahnung, wer das getan hat und warum", sagte Bloomberg und fügte hinzu, dass dieser Vorfall einmal mehr eine Erinnerung daran sei, welcher Gefahr die Stadt ausgesetzt sei: "Wenn ein Terrorist gefasst wird, dann hat er immer einen Stadtplan von New York bei sich", sagte er. "Das habe ich gerade heute Abend in Washington gesagt und dies hier ist eine weitere Mahnung.

Napolitano: "Tat eines Einzelnen"

Der versuchte Anschlag geht nach bisherigen Erkenntnissen der Behörden auf das Konto eines Einzeltäters. Derzeit gebe es keine Informationen, die auf etwas anderes als die "Tat eines Einzelnen" hinwiesen, sagte US-Heimatschutzministerin Janet Napolitano am Sonntag dem Fernsehsender ABC. "Ich denke, der Times Square ist jetzt sicher."

"Terrorakt"

Der New Yorker Gouverneur David Paterson sprach von einem Terrorakt: "Glücklicherweise wurde niemand verletzt." Nun werde sich die gesamte Aufmerksamkeit der Polizei darauf richten, die Schuldigen zu finden.

CNN zitierte derweil einen Polizisten, der sagt, dass es zu früh sei, um zu sagen, ob es sich bei dem Vorfall um einen von der Al-Kaida organisierten Anschlag handle. Die Ermittlungen hätten schließlich "eben erst" begonnen.

Times Square geräumt

Aus Furcht vor einer möglichen Autobombe auf dem New Yorker Times Square hatte die Polizei den Bezirk bereits am Samstagabend geräumt. Aus einem geparkten Fahrzeug sei Rauch aufgestiegen, die Polizei hatte anschließend begonnen, verdächtige Gegenstände aus dem Auto zu untersuchen, um zu klären, ob es sich um einen Sprengsatz handele, sagte John Sweeney vom New York Police Department. "Sie haben keine Bombe in dem Auto entdeckt", hieß es zunächst, "aber sie haben einige andere Dinge gefunden".

Quelle: CNN

Nach Angaben von New Yorks Polizeichef Raymond W. Kelly wurden in dem Auto drei Propangasbehälter, Feuerwerkskörper, zwei 19-Liter-Kanister mit Benzin sowie zwei Uhren mit Batterien und elektrischen Kabeln entdeckt. Auch eine schwarze Metallbox, wie sie zur Aufbewahrung von Waffen benutzt wird, sei sichergestellt worden.

Ein Kampfmittelräumdienst der NYPD unterstützt die Ermittlungen. Ein Polizeiroboter hatte zunächst die Fenster des Geländeautos zerstört, um eventuelles explosives Material zu entfernen, schreibt die Washington Post.

Bei dem Vorfall gab es keine Explosion, verletzt wurde niemand. Ein Vertreter der Sicherheitskräfte, der namentlich nicht genannt werden wollte, sagte zunächst einmal, möglicherweise seien Propangasflaschen in dem Auto gefunden worden. Derartige Flaschen würden aber oft von Straßenhändlern verwendet, weshalb der Fund nicht automatisch verdächtig sei.

"Amateurhafte", "ausgeklügelte" Bombe

"Offenbar sollten Gas und Flüssigkeit explodieren und die Drähte waren der Zünder, der nicht funktionierte", sagte ein Polizeisprecher dem Sender Fox News, "das hätte eine Menge Menschen mindestens verletzten könne." Laut Angaben der Tageszeitung Washington Post sei die Bombe zwar "amateurhaft", aber dennoch sehr gefährlich. "Wir haben es mit einem ernsten Fall und offenbar einer ausgeklügelten Bombe zu tun", sagte derweil der Polizeichef gegenüber Fox News.

Nach Angaben der Polizei sei bereits "zahlreichen, unzähligen" Anhaltspunkten nachgegangen worden, berichtet CNN Sonntag Früh. Das FBI beteilige sich ebenso an den Untersuchungen wie eine Abteilung der "Joint Terrorism Task Force". Man nehme die "Situation" sehr ernst, zitiert CNN einen Sprecher der Sicherheitsbehörden, und man versuche derweil noch, die Vorfälle richtig einzuschätzen.

Verdächtiger Rauch

Ein T-Shirt-Verkäufer - ein Vietnam-Veteran - hatte die Polizei über Rauch, der aus dem Nissan Pathfinder-Geländewagen kam, informiert, berichtet die Washington Post. Der Geländewagen parkte mit laufendem Motor in der Nähe des Musical-Show "König der Löwen".

Laut ABC News habe ein Beamter der berittenen Polizei einen qualmenden Karton vom Rücksitz des Geländewagens entdeckt. Der Beamte roch Schießpulver und rief nach einer kurzen Kontrolle sofort Verstärkung.

Die Nummernschilder aus dem Bundesstaat Connecticut passten nicht zum Fahrzeug, sondern sei auf ein anderes Fahrzeug registriert. Der Besitzer des Nummernschilds sagt der Polizei laut Washington Post, dass er die Schilder zu einem Schrottplatz in seiner Näher geschickt hätte.

Sichten der Videoaufnahmen

Die Ermittler gingen anfänglichen Berichten nach, wonach jemand beim Anblick der Polizei das Auto fluchtartig verlassen haben und weggerannt sein soll. New Yorks Polizeichef Ray Kelly dementiert diese Angaben. Der Wagen sei um 18.28 Uhr von einer Überwachungskamera gefilmt worden. Ein Fahrer sei auf den Bildern aber nicht erkennbar.

Die Aufnahmen der Überwachungskameras würden überprüft. Das Filmmaterial könnte laut CBS Radio News aufzeigen, wer der Nissan dort parkte und wann. Das Sichten werde aber noch Stunden dauern. Kelly rief Touristen und New Yorker auf, Verdächtiges zu melden.

Der New Yorker Polizeichef Raymond Kelly sagte, Ziel der Bombe sei ein "großes Feuer" gewesen. "Die Absicht war, ein großes Flammenmeer auszulösen", sagte Kelly vor Journalisten.

Obama lobt Polizeiarbeit

US-Präsident Barack Obama wurde nach Angaben seines Sprechers Robert Gibbs über den Vorfall informiert. Obama habe die schnelle Reaktion der New Yorker Polizei gelobt und seinen stellvertretenden Sicherheitsbeauftragten John Brennan damit beauftragt, die Unterstützung der Bundesbehörden zu gewährleisten, erklärte Gibbs. Auch die Heimatschutzbehörde verfolge die Entwicklungen, berichtet CNN.

Quelle: CNN

Gebiet abgeriegelt

Der verdächtige Wagen war an der Kreuzung der 45. Straße und der siebten Avenue geparkt, die Polizei riegelte das Gebiet weiträumig ab. Die umliegenden Gebäude, Hotels und Restaurant, wurden am Samstagabend geräumt, tausende Passanten, Touristen und Theaterbesucher mussten die Gegend um den Platz verlassen. Viele Schaulustige drängten sich an den Absperrgittern, um Fotos und Videos von den angerückten Polizei- und Feuerwehrfahrzeugen aufzunehmen.

Auf dem Times Square hatten sich an dem warmen Samstagabend viele Theaterbesucher und Touristen aufgehalten. Der Times Square gehört zu den beliebtesten Zielen von Touristen. Zahlreiche Theater haben in nächster Nähe zu der Kreuzung des Broadway mit der Seventh Avenue ihren Sitz. (fin/red/APA/AFP/Reuters, derStandard.at, 3.5.2010)

  • Die Polizei sperrte das Gebiet rund um den Times Square ab.
    foto: epa/peter foley

    Die Polizei sperrte das Gebiet rund um den Times Square ab.

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    "Sie haben keine Bombe in dem Auto entdeckt", hieß es zunächst, "aber sie haben einige andere Dinge gefunden".

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    Gesperrter Time Square.

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    Bürgermeister Michael Bloomberg (Mitte), New Yorker Gouverneur David Paterson, (Links) und Sprecherin der Stadtverwaltung, Christine C. Quinn (Rechts), bei der Pressekonferenz am Times Square in der Nacht auf Sonntag.

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    Schaulustige.

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    Ermittler am Tatort.

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    NYPD-Kampfmittelräumdienst.

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    "A very deadly event" nennt Bürgermeister Bloomberg den Vorfall.

  • Der Times Square bildet das Zentrum des Theaterviertels von Manhattan.
    foto: epa/peter foley

    Der Times Square bildet das Zentrum des Theaterviertels von Manhattan.

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