Die Aushilfe vom Superhelden

2. Mai 2010, 17:16
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Eine US-Forscherin hat die Frauenrollen in Hollywoods Actionfilmen analysiert und festgestellt, dass es mit dem Aufbrechen von Geschlechterstereotypen nicht weit her ist

Als Ellen Ripley 1979 auf der Bildfläche erschienen ist, hat sie die männliche Helden-Welt des SciFi-/ Action-/ Horrorgenres ordentlich auf den Kopf gestellt. Mit dieser Figur ließ Ridley Scott Darstellerin Sigourney Weaver als hochgebildete, fitte, große, starke Frau auf Aliens los und als einzige Protagonistin dem gewaltsamen Tod entkommen. Und das nicht, weil sie "nur" klug war: Nicht nur die Gegner, auch sie war bereit zur Gewalt und wurde dafür mit dem nackten Überleben belohnt.

Abenteuerlust und Aggression

Seitdem ist es keine gewaltige Irritation mehr, dass sich das Waffenrepertoire der Film-Frauen verbreitert hat: Neben High Heels, Computer oder Stricknadel schwingen sie mitunter ein altes mächtiges Schwert - wie "Die Braut" aus "Kill Bill" ihr Hattori Hanzo - oder feuern mit dem Maschinengewehr wie "Terminator"-Figur Sarah Connor oder Lara Croft. Vorher Männern zugeschriebene Verhaltensweisen der Dominanz, Abenteuerlust, Zerstörungsbereitschaft oder Aggression werden weiblichen Actionfiguren auf den Leib geschrieben, ihre Handlungsoptionen auch um verschiedene Formen körperlicher Gewalt erweitert: So müssen sie nicht länger auf "ihren" Helden warten und sich retten lassen. Sie machen es selbst. Sollte man meinen.

Aufweichung traditioneller Rollenbilder?

Die US-Forscherin Kathy Gilpatric nimmt in ihrer aktuellen, jüngst im Wissenschaftsmagazin "Sex Roles" von Springer publizierten Studie - wie in der Filmforschung gemeinhin anerkannt - Ripley als Prototyp der "VFAC" (Violent Female Action Character) an und entspinnt von diesem Ausgangspunkt ihre Arbeit über Frauenfiguren, die in den - nach IMDB (Internet Mobie Data Base) - populärsten US-Actionfilmen von 1991 bis 2005 als Hauptcharaktere in Erscheinung getreten sind. Sie stellt sich eben diese Frage, ob die gängigen Repräsentationen von weiblichen Helden tatsächlich die traditionellen Rollenbilder des starken Mannes und seiner Handlangerin beziehungsweise Liebhaberin aufbrechen - oder sie weiter tradieren, nur besser cachiert.

Action-Mehrheit kommt ohne Frauenrollen aus

Im so abgesteckten Untersuchungszeitraum hat sich Gilpatric nicht auf inhaltsanalytische Beforschung gestützt, sondern wartet mit vielen Zahlen auf: So stieß sie in den ursprünglich 300 Actionfilmen auf nur 112 Filme (37 Prozent), die mindestens eine (und maximal drei) VFACs vorkommen ließen. In 58 Prozent der Filme tauchte eine, in 40,2 Prozent zwei und in 1,8 Prozent (zwei Filmen) drei VFACs auf. Gilpatric wies so 157 verschiedene weibliche Actionfiguren nach, die in 786 Szenen mit tätlicher Gewalt involviert waren. Die Forscherin hat dieses üppige Filmmaterial auf je acht Filme pro Jahr zu Stichproben gestutzt und nach drei Kategorien analysiert: Nach Geschlechtsstereotypen, nach demografischen Markern und nach den Formen von Gewalt, die die Frauenfiguren anwenden. Welche den Geschlechtern typisch zugeschriebenen Eigenschaften zeigen VFACs? Und wie sieht das demografische Profil der VFACs aus? Gibt es mittlerweile mehr weibliche Actionfiguren? Sind diese über die Zeit gewalttätiger geworden? Und wie sieht diese weibliche Gewalt im männlichen Genre denn aus?

Rette, ähm, küss' mich!

Gilpatric hat zwei Prototypen der weiblichen Actionheldin festgemacht: Das "Love Interest" und die "Heldin", und sich die Beziehungsmuster zu den männlichen Protagonisten (falls existent) angesehen. Die Ergebnisse bestätigen einen durch Ripley eingeläuteten Paradigmenwechsel im populärsten Genre des US-Kinos, das vor allem junge Menschen anspricht, nicht:

Von den 157 in den Stichproben untersuchten Frauenfiguren waren nur 15,3 Prozent die aktiven Heldinnen im Zentrum der Geschichte. Dagegen wurden 58,6 Prozent in einer untergeordneten Rolle im Verhältnis zu den männlichen Helden gezeigt: Entweder als Handlangerinnen (28 Prozent), Helferlein und zu Beschützende (5,1 Prozent) sowie zu 25,5 Prozent als klassische Opfer, die vom Helden gerettet werden. Siebzig Prozent der VFACs wurden als Partnerin einer weiteren männlichen Figur gezeigt - über 60 Prozent davon waren gleich mit dem Helden und Retter romantisch verbandelt.

Jung, weiß und gut im Job

Gilpatric konstatiert in "Sex Roles", dass die Mehrheit der VFACs somit weiblich angenommene Geschlechtszuschreibungen weitertragen: sie sind affektiv, emotional, unterwürfig, kommunikativ, mitfühlend und sanft. Die demografischen Eckpfeiler der VFACs sind junges Alter (über 90 Prozent zwischen 20 und Ende 30), ledig, hoch gebildet, berufstätig, und das meist in guten Positionen und zu über 30 Prozent in typisch männlichen Berufen wie Ingenieurswesen oder Computerwissenschaften. Nur vier Prozent waren Hausfrauen. 74,5 Prozent waren weiß, wobei Afroamerikanerinnen und Hispanierinnen verglichen zum tatsächlichen Bervölkerungsanteil in den USA unterrepräsentiert waren.

Männliche Gewalt

Gilpatric hat sich auch die Frage gestellt, ob die Actionheldinnen sich männlich oder weiblich konnotierter Formen der Gewalt bedienen. Hier unterscheidet sie nach dem Zweck der Gewalt: Wird sie angewendet, um zu schützen (sich selbst oder andere), dann spricht sie von "weiblicher", bei aktiv-initiativer Form ohne vorhergehender Attacke anderer von "männlicher" Gewalt. Hier stellt die Forscherin einen Überhang der männlichen Gewalt fest: Mit hohem Zerstörungspotenzial und ausgestattet mit Waffen wird vorwiegend gegen männliche Gegner und Fremde gekämpft. Was die Häufigkeit und Länge der Gewaltszenen anbelangt, hat Gilpatric keine Steigerung über den Untersuchungszeitraum hinweg festgestellt: Das variiert von Jahr zu Jahr, je nachdem ob tragende Action-Frauenrollen geschrieben wurden - oder, wie sehr oft, eben nicht.

Kommerziell gesehen

Warum sich im US-Actionfilm nach wie vor auf den männlichen Helden verlassen wird, liegt für Gilpatric am kommerziellen Aspekt: Die Helden-Filme schlagen die mit einem weiblichen Star in der Hauptrolle an den Kinokassen um Längen. So haben es nur vier Action-Filme mit Frauen als Leads über die 100-Millionen-Dollar-Grenze geschafft: "Lara Croft: Tomb Raider" (2001), die beiden "Charlie's Angels"-Filme (2000, 2003) und "Miss Congeniality" (2000). Apropos Sandra Bullock: Die hat als erstes weibliches Zugpferd mit ihrem (Nicht-Actionfilm) "Blind Side" mittlerweile einen Kassen-Rekord von über 200 Millionen aufgestellt. Beim männlichen Action-Genre aber wird frau so lange zur Aushilfe des Superhelden auf Abruf bleiben, bis das Publikum sie in der Rolle der Heldin akzeptiert. 

Geschlechterbarrieren intakt

Gilpatric schreibt abschließend über die Mehrheit der untersuchten VFACs: "Nicht nur repräsentieren sie die normativen sozialen Codes und Geschlechterzuschreibungen, sie bestätigen sie auch. Die wenigen Hauptfiguren unter ihnen waren zudem soziale Außenseiterinnen." Sie stellt somit in Abrede, dass diese Ausnahmen wie "Die Braut", Lt. Ripley, Sarah Connor oder Lara Croft die Grenzen zwischen den Geschlechterbarrieren umgestoßen haben: "Die meisten VFACs geben kein starkes Bild ab, ziehen keine Macht aus ihrem Frau Sein und sind keine 'Post-Gender-Frauen', die außerhalb der Gender-Grenzen agieren." Sie wollen weiterhin gerettet werden, so steht es im Drehbuch. (Birgit Tombor, dieStandard.at, 3.5.2010)


Gilpatric Kathy (2010): Violent female action characters in contemporary American cinema.

In: Sex Roles, DOI 10.1007/s11199-010-9757-7

Link

Sex Roles: Violent Female Action Characters in Contemporary American Cinema (Abstract)

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    Ausnahmen bestätigen die Regel: Die Mehrheit der weiblichen Actionfilm-Figuren sind anlehnungsbedürftig und müssen sich vom starken Helden retten lassen.

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